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19/05/2017 14:24 CEST | Aktualisiert 19/05/2017 14:24 CEST

Macht Euch nichts vor: Echte Pressefreiheit gibt es nicht mehr

Ildo Frazao via Getty Images

By John Bergman, CRE of CNA-NY. Übersetzt für ihn von Stefan Schmidt.

Der internationale Tag der Pressefreiheit war erst kürzlich und ich nahm den Tag zum Anlass einem größeren internationalen Medium die Brocken vor die Füße zu werfen. Wir berieten Manager dieser Online-"Zeitung", eine Strategie für Deutschland zu entwickeln.

Ein niveauvolles Boulevardblatt sollte es werden, angepasst an die sehr spezfischen deutschen Verhältnisse. Doch mit jedem Tag wurden meine Sorgenfalten tiefer. Bis zu jenem Tag als wir schlagartig erfuhren, dass es nie die Absicht gab, ein gutes Blatt zu machen, sondern nur schnelles Geld mit reißerischem Unfug, keine Fake News, nein! Aber ziemlicher Stuss.

Hinzu kam, dass Finanziers im Hintergrund auftauchten, durchaus starke, die Artikel zu bestimmten Themen einforderten oder aber ihnen unliebsame mit einem Anruf löschen ließen. Einfach so. Ein Ruf aus der Zentrale des Geldgebers reichte und das Blatt nahm x-beliebige Artikel aus dem Netz.

Dabei ging es in 90% der Fälle um politische Artikel. Frei und "social" war dort gar nichts. Stattdessen forcierte Themen zwecks Krawall zur Steigerung der Leserschaft, politische Zensur und ein unfreies Management. Übrigens, die Marionettenspieler saßen nicht in Russland und auch in keiner Regierungsorganisation. Sie kamen aus dem Herz der digitalen Wirtschaft des tiefen Westens.

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Es war einmal...

Wir halten uns als kleines, konservatives und unabhängiges Journalisten-Network in diesem harten New York jetzt schon unerwartet lange. Bedienen Themendienste, Medien in Europa, im Nahen Osten und in den Amerikas.

Meinen ersten Artikel habe ich für eine kleine Lokalzeitung auf einer mechanischen Schreibmaschine verfasst: der Polizeibericht. Es ging um geklaute Hühner und um kleine Einbrüche. Ich radelte also einmal in jeder Woche zur örtlichen Polizeistation, bekam eine Liste mit Vorfällen und pickte die interessantesten heraus.

Dabei schrieb ich ganz natürlich, es war vor langer Zeit, welcher Hautfarbe ein Täter war, wie alt und dergleichen Menschliches.

Betrunkene Mexikaner?

Meist waren es bei uns im Ort damals mexikanische Wanderarbeiter, die ständig besoffen waren. Das konnte man zu jener Zeit schreiben, es war schließlich eine Tatsache. "Politische Korrektheit" gab es nicht.

Nein, früher war nicht alles besser, wirklich nicht. Aber ich hatte eines nicht: eine Schere im Kopf. Auch als ich dann später als Lohnschreiber für Boulevardblätter im ganzen Land wie ein Besessener tippte, um meine Familie ernähren zu können: keine Schere im Kopf.

Ich ging den Weg in die Selbständigkeit mit älteren Kollegen und etablierte Beziehungen nach Europa und darüber hinaus. Wir berichteten, nicht immer pedantisch - zu schlecht war oft die Bezahlung, um Sachverhalte ganz ausrecherchieren zu können.

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Aber wir waren stets wahrhaftig und aufrichtig zu unseren Lesern. Vor allem hatten wir immer noch keine Schere im Kopf. Diese begann sich irgendwann in den Neunzigern langsam zu bilden. Schleichend, so dass man kaum merkte, wie die immer weiter um sich greifende "politische Korrektheit" eine verinnerlichte Zensur gedeihen ließ.

Wir gewöhnten uns daran, mitzudenken, dass man dies und jenes nicht mehr schreibt, Euphemismen benutzt oder etwas so lange zurechtdreht, bis es einer allgemein vorherrschenden linksliberalen und internationalistischen Weltsicht entspricht.

Es ist 1984.

Heute muss man eines sein, um im Journalismus zu überleben: opportunistisch. Andernfalls zerfetzen einen die Leser über die "unsozialen Medien" oder eben finanzstarke Player, die durch interessante Konstrukte neue Medien schaffen, pushen und dann für sehr eigene Zwecke benutzen.

Wer heute nicht mit Schere im Kopf schreibt, lebt sehr gefährlich. Wir sind tatsächlich in Orwells 1984 gelandet, nur viel unübersichtlicher als Orwell es sich vorzustellen vermochte.

Lieber eine echte Zensur!

In einer Meinungsdiktatur weiß man wenigstens, was man darf und was nicht. In der heutigen Welt des "politischen korrekten" Totalitarismus und finanzstarker Manipulatoren herrschen an viel zu vielen Stellen bereits undurchschaubare Redaktionspolitiken, die vermeintlich guten Zwecken dienen.

Etwa weil ein Investor Missionar spielen möchte. Und die Leser halten sich für Gott und teilen dies der Welt über Social Media mit. Bloß, man kann es in einer pluralistischen Gesellschaft nicht allen Göttern recht machen.

Völlig unmöglich! Empörung hat sich folglich als neuer Volkssport neben der politischen Korrektheit etabliert. Sie können noch so exakt entlang der Fakten schreiben, irgendein Wort, irgendeine Polemik, irgendein Gedankengang wird garantiert irgendwen veranlassen, auf Sie loszugehen.

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Shitstorms, Hassmails und Morddrohungen gehören für uns inzwischen zum Alltag. Nicht vom Staat, nein, von der "Zivilgesellschaft", die immer mehr zur Diktatur der Lautesten und Bestvernetzten mutiert.

Freies Arbeiten?

Wenn ich es mit der Fürsorgepflicht für meine Kollegen ganz streng nehmen würde, müsste ich ihnen heute untersagen, über viele Themen zu schreiben.

Etwa den Klimawandel, Staatschefs, EU-Skeptiker, Russland, Putin, Orban, Trump, Merkel, Macron, Juncker, Frankreichs Islamproblem, den Brexit, Schengen, Flüchtlinge, Nationalstolz, Militärpolitik, die NATO, Mexikaner, Venezuela, Israel, Iran, Syrien, Ägypten, Bolivien, die Clintons, die Demokratische Partei, die polnische Premierministerin, Jerusalem, Saudi-Arabien, Kernkraft, Ölförderung, Fleischverzehr, demographische Probleme in Europa, den Islam, Schwule, Frauen, Männer, Sexualität, die Pharmaindustrie, NGOs, Südafrika, Kenia, Kongo, Liberia, Sudan, Bosnien, Serbien, Uganda, die griechischen Finanzen, Wikipedia, nicht globalisiert denkende Kandidaten bei Wahlen, die Ein-China-Politik, die Türkei, Erdogan, Armenien, Zypern, Libyen, die aktuelle Völkerwanderung, das chinesische Engagement in Afrika, die Koreas, Fukushima, Google, einflussreiche Milliardäre und so weiter. All diese und viele Themen mehr können schon ausreichen, damit irgendeinem Menschen die Sicherungen durchbrennen.

Was bleibt?

Bleibt eigentlich nur noch das Wetter übrig. Für die Leser drüben in Deutschland wird es wechselhaft bleiben und zu kühl für den Mai. Den Kampf mit der "schönen neuen Welt" überlasse ich den jungen Kollegen - und beneide sie nicht.

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