BLOG
10/06/2016 07:22 CEST | Aktualisiert 11/06/2017 07:12 CEST

Liebe Briten, verlasst bitte die EU!

dpa

Die neuesten Umfragen lassen es möglich erscheinen, dass die Briten die EU tatsächlich verlassen. Unglaublich? Nein, keinswegs - vielmehr eine logische Konsequenz und so selbstverständlich wie die Tatsache, dass die Themse ins Meer fließt. Aber fangen wir am Anfang an. Denn damals gab es ein Missverständnis, und zwar ein veritables.

Als die Briten in den Siebzigern, übrigens unter massivem "Pro-Einsatz" von Margaret Thatcher, für einen Beitritt in die damalige Europäische Gemeinschaft (EG) stimmten, wollten sie einer Freihandelszone beitreten, mit der Aussicht auf einen großen Binnenmarkt. Es ging also um die Wirtschaft und um sonst nichts. Zwar gab es damals schon Fantasten, die sich "Vereinigte Staaten von Europa" herbeiträumten. Die Realisierung dieses Hirngespinstes erschien seinerzeit allerdings eher abwegig. Doch die Briten sollten sich irren, sehr sogar.

Denn schon ab den achtziger Jahren trieben die Europa-Ideologen die Europäische Gemeinschaft nicht nur in Richtung eines Binnenmarktes, sondern auch in eine politische Union. Mit den Verträgen von Maastricht und Lissabon wurden bereits massiv viele Rechte von den Mitgliedsnationen der EU nach Brüssel übertragen.

Ein Großteil aller Gesetze, die heute der Bundestag und andere europäische Parlamente beschließen, sind nichts anderes als Vorgaben der EU aus Brüssel. Von der Aufgabe über den Schutz der eigenen Grenzen oder der Abschaffung der nationalen Währungen einmal ganz abgesehen.

In Europa herrscht die Ideologie

Die Europäische Union wird von ideologisch motivierten Protagonisten mit voller Wucht in Richtung einer Staatswerdung getrieben. Um ein Haar wäre dies schon vor Jahren de facto durch die "Europäische Verfassung" gelungen. Diese wurde in einzelnen Mitgliedsnationen abglehnt, erlebte aber eine Zombie-Revival unter dem Namen "Vertrag von Lissabon", nachdem man nur minimale Änderungen am Text vorgenommen hatte.

Die Briten sind also keineswegs paranoid, wenn sie behaupten, es gäbe den Plan, die europäischen Nationen in einer "immer enger werdenden Union" zu einem riesigen Zentralstaat zu verschmelzen. Das sind keine Verschwörungstheorien, sondern Fakten - zu besichtigen jeden Abend in den Nachrichten. Nun sind die Briten aber einer Wirtschaftsgemeinschaft beigetreten und hatten nie vor, sich selbst als souveräne Nation aufzugeben. Insofern verwundert es, dass es Beobachter verwundert, dass die Briten sich dagegen seit Jahren mit aller Gewalt sträuben.

Hinzu kommt, dass die Briten an keinem nationalen Trauma leiden, wie so ziemlich jedes Land auf dem europäischen Kontinent, der jahrhundertelang so etwas wie stabile Staaten nicht kannte - außer der Schweiz, die interessanterweise nie der EU beigetreten ist. Ein Wunder? Eher die Konsequenz eines gesunden Nationalbewusstseins.

Ebenso können auch die Briten auf eine jahrhundertelange Kontinuität ihrer Staatlichkeit blicken und sind stolz auf ihre uralte Demokratie, die so stabil ist, dass das Vereinigte Königreich noch nicht einmal eine geschriebene Verfassung braucht. Dass dieses geschichtlich und kulturell intakte Land sich nicht in einem europäischen Superstaat aufgelöst sehen möchten, ist nicht nur verständlich, sondern in jeder Hinsicht nachvollziehbar.

London ist eher ein Vorort von New York, als ein Nachbar von Berlin

Ein weiterer Punkt, den man auf dem Kontinent gerne übersieht, ist die kulturelle Unterschiedlichkeit der Briten zu Kontinentaleuropa. Britannien ist anders. Nicht nur wegen des Linksverkehrs. Der Ärmelkanal ist schmaler als die kulturelle Kluft zwischen der Insel und dem Kontinent. London mag geographisch nahe an Paris und Berlin liegen, mental ist es eher ein Vorort von New York.

Daher würde nach einem Brexit garantiert nicht die Welt untergehen, sondern eine Welle des Aufatmens durch das Land gehen - und auch die "Verbleib-in-der-EU"-Abstimmer würden schnell merken, dass es der stolzen Insel außerhalb der EU besser gehen wird, ebenso wie der Schweiz und Norwegen.

Vor allem aber könnte etwas anderes passieren, das die wirtschaftspolitischen Karten ganz neu mischen würde: Großbritannien, so meine Prognose, würde relativ schnell der NAFTA beitreten, der nordamerikanischen Freihandelszone. Denn wie gesagt, kulturell gehört Britannien sowieso dorthin und nicht in eine Union mit Bulgarien und Griechenland.

Die NAFTA und die EU würden so geographisch echte Nachbarn werden und die Chefideologen der EU müssten zur Kenntnis nehmen, dass ihr Plan aus der EU einen Superstaat zu machen kein Naturgesetz ist, sondern Ideologie, der Völker nicht einfach blind folgen. Ganz neue Chancen täten sich also auf, mit oder ohne TTIP. Deshalb nur Mut, liebe Briten. Stimmt für "out" und rettet damit auch uns vor einer zu großen, zu machthungrigen und zu politischen EU. Danke!

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Trend im Netz: Darum legen sich Frauen in England jetzt Tampons auf die Augen

Lesenswert: