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04/12/2016 13:48 CET | Aktualisiert 05/12/2017 06:12 CET

Merkwürdige Weihen an der Quadriga-Hochschule

kasto80 via Getty Images

Von Stefan Schmidt und dem CNA-NY Recherchenetzwerk.

Der Berliner Senat für Bildung, Jugend und Wissenschaft - Abteilung für Hochschulrecht und ausländische akademische Grade (Referat IV A 4) - führt derzeit ein „laufendes Verfahren", das die Quadriga-Hochschule in Berlin in einem merkwürdigen Fahrwasser erscheinen lässt. (Update siehe unten).

Aber von vorne: Haben Sie schon einmal etwas von Professor Dr. Ludomir Slahor gehört, von der „Comenius Universität in Bratislava? Oder darf es die „Hochschule Goethe Uni Bratislava" sein, die - ein Schelm - wer Böses dabei denkt, leicht mit der ehrwürdigen Frankfurter Goethe Universität zu verwechseln ist?

Bei letzterer ist es nicht schlimm, wenn Ihnen dieses universitätsartige Konstrukt nicht weiter bekannt ist - denn es gibt den Laden nicht mehr. Die sich großspurig mit dem Namen des deutschen Dichters und Denkers schmückende Klitsche in der Slowakei hatte 2012 aufgemacht, jedoch schon 2015 war Schluss.

Der Hochschule sei „kein glaubwürdiger Nachweis gelungen, dass sie die ihr vorgeworfenen Mängel im Studienprogramm behoben habe". So begründete das zuständige Ministerium den unwiderruflichen Lizenzentzug.

Spannend wird die ganze Sache dadurch, dass im Umfeld dieser implodierten „Hochschule Goethe" auch ein Professor namens Ludomir Slahor aufgetaucht ist, seines Zeichens niemand geringerer als der Prodekan für Wissenschaft und Forschung an der Comenius Universität in Bratislava.

Nun ist die schöne slowakische Hauptstadt seit langer Zeit als Mekka für Deutsche mit dem Drang nach Geltung bekannt. Denn kaum an einem anderen Ort lässt sich so leicht ein Doktortitel beschaffen, wenn man auf dem klassischen Weg in Deutschland dieses Ziel nicht erreicht hat.

Die Süddeutsche Zeitung weiß dazu: „Lange galt zum Beispiel die Slowakei als günstige Adresse für Doktoranden. Dort gibt es neben dem wissenschaftlichen Doktor ein weniger mühseliges ‚Berufsdoktorat', das nach internationalen Standards eher einem Master-Abschluss entspricht. Wer diesen ‚kleinen Doktor' allerdings vor 2007 etwa in Bratislava erworben hat, genießt in Bayern und Berlin nach wie vor Vertrauensschutz für den vollwertigen Namenszusatz "Dr.".

An sich eine tolle Sache für all jene, die sich zu höheren Weihen berufen fühlen. Doch 2010 kam es zu einem Urteil des Landgerichtes Düsseldorf, das die Titelführung außerhalb der beiden verständnisvollen Bundesländer oder auch im Internet für unzulässig erklärt hat (Az. 12 O 284/06).

Die Kanzlei Dr. Bahr schreibt:

Das Führen eines slowakischen Doktor-Titels zusätzlich zu der Berufsbezeichnung ist dann wettbewerbswidrig, wenn dies ohne Herkunftszusatz geschieht. Ein ausländischer Hochschulgrad kann nur in der Form getragen werden, in welcher er verliehen wurde (OLG Schleswig, Urt. v. 26.05.2011 - Az.: 6 U 6/10).

Der verklagte Steuerberater trug einen ausländischen Doktortitel, den er in der Slowakei erworben hatte. Der Grad wurde wurde ihm offiziell unter der Bezeichnung "doktor filozofie" verliehen. Diese Bezeichnung verwendete der Beklagte jedoch nicht im Alltag, sondern verwendete vielmehr die allgemein-übliche Abkürzung für einen Doktor-Titel.

Die Richter des OLG Schleswig stuften dies als Wettbewerbsverstoß ein. Der Verkehr werde in die Irre geführt, da der Beklagte nicht den Titel in seiner ursprünglichen Fassung verwende.

Diese Ansicht teilt auch das LG Halle (Urt. v. 15.07.2010 - Az.: 4 O 1602/09) und das LG Düsseldorf (Urt. v. 18.02.2009 - Az.: 12 O 284/06). Beide nehmen in solchen Fällen ebenfalls einen Wettbewerbsverstoß an.

In Bratislava scheint, so ein in der Szene bekannter Blogger, „in jenen Jahren und bis heute an der Fakultät für Management stets mehr oder weniger dieselbe Kommission zusammengekommen zu sein, wenn wieder einmal ein Bezahlkandidat aus Deutschland oder Österreich zur Prüfung antrat: Fast ausnahmslos unter Mitwirkung von Slahor, der sehr oft in der Funktion des Betreuers erschien." Gemeint ist Prof. Dr. Ludomir Slahor, eben jener eingangs erwähnte schillernde Akademiker.

Jetzt wäre das alles eine Sache, die man getrost alleine dem Vroniplag oder anderen Doktorandenprüfern überlassen könnte, wenn es da nicht ein pikantes Detail gäbe.

Ausgerechnet an der so hoch gelobten privaten Quadriga-Hochschule in Berlin leitet ein „Prof. Dr. Thorsten Hofmann" das „Institute for Crisis, Change and Conflict Communications", der seinen Doktortitel nach eigenen Angaben (E-Mail liegt den Verfassern und dem Berliner Senat für Bildung, Jugend und Wissenschaft vor) in „Bratislava, Comenius Universität, Fachbereich ‚Management'" erworben hat.

„Doktorvater war Prof. Dr. Ludomir Slahor", eben jener Herr, der uns am Anfang der Recherchen begegnet ist. Die Doktorarbeit des Herrn Hofmann war während der gesamten Recherche unauffindbar und auch auf mehrfache Anfragen hin reagierten die Quadriga-Hochschule und Herr Hofmann an den entscheidenden Stellen nicht aufklärend.

Der angeblich von Ludomir Slahor zu akademischen Weihen promovierte Herr Hofmann schmückt sich darüber hinaus auf der einen oder anderen gewerblichen Webseitenicht nur mit seinem südslowakischen Doktortitel, sondern auch mit einem Professorentitel, den er - wiederum nach eigenen Angaben (E-Mail liegt den Verfassern und dem Berliner Senat für Bildung, Jugend und Wissenschaft vor) - aus einer „Gastprofessur" an der Universidad Autonoma de Guadalajara Villahermosa im sonnigen Mexiko ableitet.

Der mit diesen doch recht ungewöhnlichen Weihen ausgestattete Herr Hofmann war offenbar auch ansonsten offenbar ein recht umtriebiger Mann, hat er doch nach eigenen Angaben auch eine „Verhandlungsausbildung (...) im Bundeskriminalamt (BKA) und Bundesministerium des Innern" durchlaufen. Dies ließ sich in der Recherche weder verifizieren noch falsifizieren. Oder einfacher gesagt, kann stimmen oder auch nicht.

Fakt ist jedoch, dass inzwischen der Berliner Senat für Bildung, Jugend und Wissenschaft - Abteilung für Hochschulrecht und ausländische akademische Grade (Referat IV A 4) - ein „laufendes Verfahren" zum professoralen Vorzeigedoktor der Quadriga-Universität führt (E-Mail liegt den Verfassern vor).

Verstörend ist, dass sich offenbar weder die Quadriga-Hochschule noch der mutmaßlich promovierte Professor als Aushängeschild der Quadriga der Tragweite einer solchen Sachlage bewusste sind. Vielmehr wurde den recherchierenden Journalisten eine „interessengeleitete" Motivationslage unterstellt.

Vielleicht fühlt sich Vroniplag berufen, einmal auf die Suche nach der angeblichen Dissertation zu gehen, die einen schmucken Titel tragen soll: „EU-Lobbying Comparison Germany vs. France: Elaboration of professional structures behind modern corporate lobbying in different EU states".

Verwunderlich wäre auch nicht, wenn die Arbeit bald im Netz auftaucht. Denn im Einklang mit dem deutschen Pressekodex wurden sowohl die Quadriga-Hochschule als auch Herr Prof. Dr. Thorsten Hofmann mehrfach um Stellungnahmen gebeten.

Dieser Report wird daher keinen der Beteiligten überraschen, weshalb es nicht verwunderlich wäre, wenn der Fachmann für Katastrophenkommunikation gerade dabei ist, eine Katastrophe in eigener Sache zu verhindern. Zur Sicherheit wurden deswegen alle betreffenden Webseiten gespeichert.

Die Recherchen an diesem Fall werden auf jeden Fall fortgesetzt. Warum? Weil private Hochschulen boomen und die Integrität der Lehre ein gesellschaftlich hoch relevantes Thema ist. Wenn man als Gesellschaft solche Einrichtungen zulässt, dann sollten wenigstens die akademischen Standards sattelfest sein. Dass hier zumindest berechtigte Zweifel bestehen - daran besteht in diesem Fall sicher kein Zweifel.

Update: Da die Huffington Post diesen Bericht - anders als andere Blätter - zeitverzögert veröffentlichte, gibt es eine neue Entwicklung seit des Verfassens. Herr Dr. Hofmann wird bei der Qudriga-Hochschule inzwischen nicht mehr als Professor geführt.

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