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17/03/2016 18:00 CET | Aktualisiert 20/03/2017 06:12 CET

Warum die Deutschen so alleine sind

Thomas Trutschel via Getty Images

Was ist denn mit dieser Gesellschaft los, die im Moment so viele in Gefahr sehen? Gibt's die denn noch? Was ist das für eine Gesellschaft, wo die Menschen so respektlos miteinander sind? Wer ist denn hier heute noch bereit, alten Menschen zu helfen?

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Wer ist bereit, für Kinder, Frauen oder Migranten einzustehen, wenn sie angepöbelt und angegriffen werden? Ich beobachte jeden Tag Respektlosigkeiten auf der Straße und Leute, die wegschauen.

Was ich besonders schlimm finde, ist, dass es die Schwächsten am härtesten trifft.

Das war auch mein Gefühl, als ich ein Elternpaar beobachtete, das im Park etwas abseits rauchte. Ihr vielleicht 4-jähriger Sohn spielte derweil vergnügt in einer Pfütze.

Als sie fertig waren, entdeckten sie ihr inzwischen patschnasses Kind. Der Vater brüllte seinen Sohn an, ob er eigentlich blöde sei, sie hätten ihm doch gerade erst gesagt, er solle sich nicht dreckig machen, weil sie danach noch essen gehen wollten.

Respekt vor der Würde

Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber ich fand das unglaublich. Ein 4-Jähriger ist doch nicht verantwortlich dafür, was seine Eltern als Nächstes tun wollen! Ich bin zu dem Vater gegangen und habe ihn zurechtgewiesen. Ich habe ihm gesagt, dass er verantwortlich für seinen Sohn ist, und das bedeutet, dass er ihn beaufsichtigen muss. Seinen Sohn dermaßen anzuschreien, ist respektlos.

Die Reaktion des Vaters war: „Das ist meine Sache, wie ich mit meinem Sohn spreche. Halten Sie sich da raus." Aber das ist ein Denkfehler. Natürlich herrscht in Deutschland Meinungsfreiheit. Aber das bedeutet nicht, dass Sie tun und lassen können, was Sie wollen. Im deutschen Grundgesetz steht nämlich auch, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Wenn Sie also jemanden - und sei es Ihr Sohn - respektlos behandeln und so seine Würde mit Füßen treten, verletzen Sie seine Grundrechte.

Damit steigen Sie also quasi aus dieser Gesellschaft aus.

Genauso wie die vielen, die wegschauen und nichts tun. Ich meine alle diese Menschen, die sich mit Kopfhörern und tief über ihr Handy oder ihr Buch gebeugt, von ihrer Umgebung isolieren. Alle diese Respektlosigkeiten auf der einen Seite und die Gleichgültigkeit auf der anderen sind eigentlich nichts anderes als ein massenhafter Ausstieg aus der Gesellschaft.

Der Einzelne verliert

Und jetzt versetzen Sie sich mal in die Lage eines solchen Menschen, der schon trotzig gesagt hat: „Die Gesellschaft kann mich mal!" oder eines solchen Smombie (Smartphone Zombie). Wie fühlen Sie sich? Richtig: vereinzelt, alleine und schwach. Schwach? Ja!

Denn Sie können ja nun auch von niemandem mehr erwarten, dass er sich für Sie einsetzt, wenn Sie Hilfe brauchen. Also müssen Sie Stärke demonstrieren, damit ja keiner auf die Idee kommt, Sie anzugreifen.

Was daraus resultiert, ist mehr Aggressivität in der Gesellschaft. Sie müssen sich schließlich schützen - es tut ja sonst niemand - und der Angreifer könnte am Ende jeder sein. Ich finde, das ist eine beängstigende Entwicklung. Das macht Deutschland schwach.

Gemeinsam stark

Wer Verantwortung für sich selbst übernimmt, verhält sich anders. Der übernimmt auch Verantwortung für andere. Das ist das Gebot der Mitmenschlichkeit.

Wenn Sie bereit sind, auf den anderen zu achten, für ihn einzustehen, können Sie erwarten, dass der andere auch für Sie da ist, wenn Sie das brauchen. Wenn Sie so wollen, ist Mitmenschlichkeit also auch ein Akt der Selbsterhaltung, der Eigenverantwortung.

Und genau das wünsche ich mir: Mehr Achtsamkeit und Respekt in dieser Gesellschaft. Das macht Deutschland stark. Und in einer starken Gesellschaft ist auch der Einzelne stark - weil er nicht allein ist.

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