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29/03/2016 12:11 CEST | Aktualisiert 30/03/2017 07:12 CEST

Warum Unmündigkeit uns in Gefahr bringt

Getty Images

Es gärt. Heimlich, still und leise. Und somit unkontrolliert. Was unweigerlich dazu führt, dass kein köstliches Bier draus wird, sondern eine ungenießbare, trübe Brühe. Im besten Fall. Im schlimmsten Fall etwas, das sich schon einmal zusammengebraut hat.

Als Leute vom Schlage Hugenbergs meinten, die deutsche Volksseele retten zu müssen, am Ende jedoch die Geister, die sie riefen, nicht mehr los wurden. Sie haben sich mit ihnen gemein gemacht, um sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Nur unterschätzten sie in ihrer selbstgerecht naiven Arroganz die normative Kraft des Faktischen, zu der eine zu allem entschlossene Minderheit imstande ist. Sie konnten den brauen Mob nicht mehr beherrschen, sie wurden von ihm beherrscht. Und entsorgt. Das völkische Grauen konnte fröhlich-pathetisch Urständ feiern, während der großbürgerliche Kleinbürger darob entsetzt die Arme hob und schrie: Damit hab' ich nix zu tun!

Mündige Bürger haben wir zu werden

Das Gefährliche ist, dass an allem, was derzeit gesagt wird, etwas dran ist. Im Deutschland dieser Tage wird vieles völlig zu recht kritisiert und auf tatsächliche Missstände hingewiesen. Nur dann schaltet der besorgte Bürger mit einem mal das Großhirn aus und lässt das Stammhirn schalten und walten.

Und statt Vernunft und Verstand ihren Dienst tun zu lassen, statt abzuwägen und die Dinge aus unterschiedlichen Blickwinkeln, in all ihren Facetten, Konsequenzen und historischen Dimensionen zu betrachten, bricht sich eine einfach strukturierte, monoperspektivische Denkweise Bahn.

Mündige Bürger haben wir zu werden, die sich nicht dumpf von anderen den Weg weisen lassen, sondern den Mut haben, selber zu denken.

Aber sollten wir nicht alle Kinder der Aufklärung sein? Die ist schließlich, so Kant, der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Mündige Bürger haben wir zu werden, die sich nicht dumpf von anderen den Weg weisen lassen, sondern den Mut haben, selber zu denken.

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In diesem Fall hätte man vielleicht die Chance zu erkennen, dass die plump eindimensionalen Argumentationen, wie sie einem derzeit aus allen Medien, aus dunklen Ecken und Kanälen deutsch-national und radikal-konservativ zugeraunt werden, strukturell nicht sonderlich weit von den Argumentationen entfernt sind, mit denen seinerzeit die Heilsritter der rein arischen Rasse das Land mit kaltschnäuziger Berechnung überzogen haben.

Die eigene Wahrheit wird zur einzigen Wahrheit

Wobei es höchst lehrreich ist zu wissen, was diese damals von ihrem eigenen Volk dachten und warum ihre Botschaften so eindimensional zu sein hatten: Schlichte Botschaften fürs schlichte Volk - das sichert den Erfolg bei den Massen. Oder um es mit den eigenen Worten des selbsternannten Führers zu sagen:

„Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten hat ... Damit wird ihre rein geistige Höhe umso tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll."

Adolf Hitler, Mein Kampf, Kap. Kriegspropaganda (1925/26)

Da, wo Ehre, Stolz und Vaterland ins Spiel kommen, weicht die Kraft rationaler Argumente. Da erhebt sich der Übermensch über andere, reklamiert die Wahrheit allein für sich: Die eigene Wahrheit wird zur einzigen Wahrheit. Gegenargumente werden als persönliche Beleidigungen empfunden. Als Bedrohung. Und die wird dereinst gnadenlos bestraft werden.

Doch wenn der Einzelne nicht bereit ist, Verantwortung für sich, sein Handeln und die Geschichte zu übernehmen, kehrt, so Popper, auch die Gewalt zurück.

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Fruchtbar nicht allein in

in Syrien, Somalia, Uganda oder Nord-Korea. Nein, überall. Auch bei uns. Oder in Polen, Ungarn, der Slowakei, Frankreich und Finnland.

Es ist, nach den unvorstellbaren Gewaltexzessen in den vergangenen 2000 Jahren, vor allem der „Humanitären Revolution der Aufklärung" (Steven Pinker) zu verdanken, dass uns, trotz aller grauenvollen Rückschläge im 20. Jahrhundert, der Zivilisationsprozess ein historisch ungekanntes Maß an Empathie und Selbstbeherrschung gebracht hat.

Insbesondere im zwischenmenschlichen Alltag. Doch wenn der Einzelne nicht bereit ist, Verantwortung für sich, sein Handeln und die Geschichte zu übernehmen, kehrt, so Popper, auch die Gewalt zurück. Und mit ihr die Barbarei. Unweigerlich.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf http://oehm60.blogspot.de/

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