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02/04/2016 06:42 CEST | Aktualisiert 03/04/2017 07:12 CEST

"Wer fremdenfeindliche Klischees bedient, schwächt sich selbst."

JOHANNES EISELE via Getty Images

Georg Christoph Lichtenberg war ein Meister des geschliffenen und vor allem des kurzen, prägnanten Wortes. Er konnte, wie kaum ein anderer, einen geistreichen, scharfsinnigen Gedanken rhetorisch brillant, ganz pointiert in einem Satz fassen. Wahre Geistesblitze und Gedankensplitter, kunstvoll in Wortspiele und Anspielungen gebettet, voller Ironie und intellektueller Tiefe.

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Er notierte seine Aphorismen, Kondensate lang gehegter und gepflegter Gedanken, in Schreibhefte, die er voller Selbstironie „Sudelbücher" nannte. Wie prophetisch. Verweist doch dieser Titel gänzlich unironisch auf das Gedankengut, das sein müder, nachlässig zwischen Tür und Angel dahingeworfener digitaler Abklatsch, der Tweet, derzeit an die Oberfläche spült: „Twitter" als Sudelbuch der Moderne.

Leider entblöden sich auch manche Politiker nicht, mehr auf Tweets denn auf Aphorismen zu setzen. So auch Erika Steinbach. Besagte Sprecherin für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat dieses Medium bereits seit Jahren für sich entdeckt, sich dabei aber leider nicht Lichtenberg zum Vorbild genommen. Schade eigentlich.

Stattdessen reüssiert sie in regelmäßigen Abständen mit recht sinnfälligen Aussagen. So 2012, als sie sich sprachlich gewitzt von den Nazis distanzierte, indem sie, schwupps, deren Ansichten in die Nähe von Rot-Rot-Grün rückte: Sie enttarnte die Nazis als linke Partei, schließlich hieß diese ja „Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei". Eine fürwahr entwaffnende Logik.

"Es geht nicht um Islamfreundlichkeit, sondern um Menschenfreundlichkeit."


2014 gelang ihr der nächste Coup, als sie kurzentschlossen mit einer Argumentation in die Multi-Kulti-Diskussion eingriff, die an Deutschlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. „Es geht nicht um Islamfreundlichkeit, sondern um Menschenfreundlichkeit. Koran ist nicht frauenfreundlich, damit nicht menschenfreundlich." Punkt. Aus. Ende der Diskussion. Eine kategorische Absage an jeden überkonfessionellen Dialog durch die Sprecherin für Menschenrechte.

Vor kurzem überraschte sie die Öffentlichkeit mit einem neuen Meisterwerk, in dem sie das Elend Hunderttausender, ihre Flucht und Vertreibung, mit der Horrorvision maximaler Überfremdung, dem Verlust abendländischen Identität und dem endgültigen Ende unserer Lebensqualität kontrastierte.

Damit bedient sie sich bewusst eingängiger Stereotypen, die sich im Netz wie bei einer Polymerase-Kettenreaktion in kürzester Zeit tausendfach kopieren:

„Die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach hat mit einem Tweet öffentliche Empörung ausgelöst. Steinbach hatte am Wochenende auf Twitter unter der Überschrift "Deutschland 2030" ein Foto von einem kleinen blonden, hellhäutigen Kind geteilt, das von dunkelhäutigen Menschen umringt wird. Unter dem Bild steht: "Woher kommst du denn?"http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-02/erika-steinbach-tweet-rassismus-twitter-fremdenfeindlichkeit

Dankenswerterweise weist die ZEIT noch darauf hin, dass dieses Foto im Netz nicht allzu neu ist. „Unter anderem findet man es auf der Seite der rechtsradikalen Plattform volksbetrug.net." Zufall? Vielleicht. Selbst Kardinal Woelki wurde es zu viel. Das schüre nur Ängste und spalte die Gesellschaft, so Woelki. Diese Entgleisung „spricht Steinbachs Amt als menschenpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion Hohn". Wie wahr.

Eine Drohkulisse der Überfremdung


Die Drohkulisse der Überfremdung. Sie ist ein Appell an niedere Instinkte, bedient archaisch-dumpfe Urängste vor dem Fremden, Anderen, Unbekannten. Vergessen ist, dass die Geschichte der Bibel selbst eine Geschichte der Flucht und Vertreibung ist.

Adam und Eva. Abraham. Jakob. Josef. Mose. Maria, Josef und Jesus. Alles Fremde in der Fremde. Ohne Heimat, bestenfalls geduldet. Flucht und Vertreibung allenthalben, eine ‚Flüchtlingsinvasion' von konstituierender Bedeutung für unser christliches Selbstverständnis.

Wie lautet der Komplementärbegriff zu „Überfremdung"? Reinheit. Der Nation. Des Volkes. Der Ethnie. So raunt es derzeit ausgerechnet im erzkatholischen Polen. In Ungarn. Tschechien. In der Slowakei. Und auch schon wieder hier, bei uns. Es wird nicht mehr nur sprachlich ausgegrenzt, sondern auch wortwörtlich.

Kein muslimischer Fuß auf deutschen Boden. Und der nächste Schritt? Die Geschichte lehrt uns, dass die Kennzeichnung des Fremden eine Variable ist, die je nach Gemengelage mit der Gruppierung besetzt wird, die gerade opportun ist.

Heute ist es der Moslem, morgen der Rom. Dann lässt der ewige Jud' auch nicht mehr lange auf sich warten. Und die Verfasser solcher Zeilen, die Gutmenschen, Nestbeschmutzer, Vaterlandsverräter, hat manch einer sicher auch schon im Visier.

Um das zu wissen, genügt bereits ein kurzer Blick in die diversen Foren Asozialer Medien. Hier werden wieder einmal in unschöner Tradition simplifizierende, herrlich eingängige Gegensätze gepredigt. Wir, ihr. Deutsch, undeutsch. Gut, böse. Denn:

„Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten hat." Und weiter: „Damit wird ihre rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll."

Vielsagende Einsichten eines gewissen Herrn Hitler.

Wer angesichts der unleugbar dramatischen Entwicklung auf der Balkanroute statt im Sinne christlicher Nächstenliebe zu handeln die christlichen Werte bedroht und sogar - Spengler lässt grüßen - den Untergang des gesamten christlichen Abendlandes kommen sieht, sollte, falls er sich nicht doch den „Beschränktesten" zurechnet, für die Hitler seine Blaupause der Manipulation entwarf, einmal kurz innehalten, um sich als mündiger Christ mit Kant und Bloch zu fragen: Wo komme ich her?

Die Orientierung sollte ihm nicht schwerfallen: ex oriente lux. Aus dem Osten kam das Licht, die Erleuchtung, das Christentum. Christus, gepriesen von der Welt, die Gestalt annahm in den magoi apo anatolon, den Weisen aus dem Morgenland.

Sensibilität ist gefragt


Wir sollten sensibel sein. Viel zu viele höhlen gerade zentrale christliche Werte und Begriffe demagogisch aus. Laden sie völkisch auf, widmen sie um, missbrauchen sie für ihre Zwecke. Sie inszenieren eine Drohkulisse, bei der das imposante Bühnenbild einer Gefahr für abendländische Kultur und Hemisphäre gerade groß genug ist, um darin die reale, völlig nachvollziehbare Angst des besorgten Bürgers um sein überschaubares Umfeld zu betten.

So bekommt die ganz persönlich empfundene Bedrohung jedes Einzelnen seine angemessene Dimension, speist sie sich doch nun mal aus der Überhöhung. Übersteigerung. Mystifizierung. Sie wird so lange irrationalisiert, bis keine rationalen Argumente mehr verfangen.

Auch nicht in der Mitte der Bevölkerung. Also bei all denen, die sich reflektiert genug wähnen, um vor einer derartigen Instrumentalisierung gefeit zu sein. Zu denen sich sicherlich auch jene CSU-Lokalpolitiker aus dem bayrischen Zorneding zählen, die Ende letzten Jahres einen deutschen Pfarrer kongolesischer Abstammung rassistisch beleidigten. Auch ihnen, wie Frau Steinbach, sei im Vertrauen gesagt: Wer fremdenfeindliche Klischees bedient, schwächt sich selbst. Und stärkt die Extreme.

Die leidvolle Bestätigung dieser historischen Erfahrung durfte gerade eben erst der slowakische Ministerpräsident Fico, ein Sozialdemokrat übrigens, machen. Das Ergebnis seiner Strategie: Marian Kotleba, der Chef der offen faschistischen LSNS, der sich von seinen Anhängern ganz ungeniert ‚Führer' nennen lässt, zieht mit 8% ins Parlament ein. Glückwunsch.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf oehm60.blogspot.de.

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