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13/04/2016 05:55 CEST | Aktualisiert 14/04/2017 07:12 CEST

Eine selbsterfüllende Prophezeiung

Grant Faint via Getty Images

Im Rahmen des aktuellen 'U.S. News & World Report' wurden 16.000 Bürgern aus 60 Ländern befragt. Das doch ziemlich überraschende Resultat dieser Erhebung: Die Mehrheit der Befragten kürte Deutschland zum "Besten Land der Welt". Ein Ergebnis, auf das man durchaus stolz sein könnte, hatte Deutschland doch über Jahrzehnte hinweg einen, gelinde gesagt, lausigen Ruf.

Wenn, ja wenn da nicht das Ergebnis einer anderen Untersuchung wäre, das einen etwas stutzig macht: Der World Happiness Report 2015 der UNO. Dieser Report beleuchtet die Zufriedenheit der Menschen in den einzelnen Ländern. Und da ergibt sich ein befremdliches Bild: Deutschland landet recht abgeschlagen auf Platz 26 von 158 Ländern.

Diskrepanz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung


Woher kommt diese signifikante Diskrepanz zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung? Wir haben ein Bruttosozialprodukt und eine Außenhandelsbilanz, um die uns die Welt beneidet. Eine im internationalen Maßstab vorbildliche Rechtsstaatlichkeit. Eine allgemein akzeptierte Stellung der Presse als vierte Gewalt der Demokratie.

Ein solides soziales System, das sich trotz aller systemischen Schwächen weitgehend bewährt hat. Vor allem: innere Sicherheit und stabilen Frieden seit nunmehr 70 Jahren. Aber - glücklich ist der Deutsche dennoch nicht.

Aus der nüchternen Faktenlage ergibt sich keine hinreichende Erklärung dafür, warum das so ist. Sind es also eher subjektive, intuitive oder irrationale Faktoren? Ist es vielleicht vorauseilende Angst um mögliche soziale Spannungen aufgrund der aktuellen Flüchtlingskrise? Eine diffuse Angst vor dem Verlust unserer hohen Lebensqualität?

Ein solches Phänomen der Differenz zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiver Realität haben die beiden amerikanischen Soziologen Dorothy Thomas und William Thomas bereits 1928 beschrieben - sinniger Weise am Beispiel paranoiden Verhaltens: "Wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich." Und zwar ganz gleich, wie irreal diese Situationen auch sein mögen. Diese Erkenntnis ist in der Verhaltensforschung als das ‚Thomas-Theorem' bekannt.

Geradezu idealtypisch funktioniert dieser Mechanismus, wie der amerikanische Soziologe Robert Merton zeigte, bei sozialen Vorurteilen: Angenommen, ich behaupte, muslimische Flüchtlinge sind eine Bedrohung für den sozialen Frieden und die Lebensqualität. Ganz egal, ob diese Behauptung nun objektiv begründet ist oder nicht - sie mündet unweigerlich in der Forderung, muslimische Flüchtlinge vor Ort auszuschließen, sie auszugrenzen, ihnen jegliche Integrationsmöglichkeit zu verwehren.

Immer mehr soziale Konflikte

Das führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu verstärkten sozialen Konflikten und Spannungen, auch innerhalb der Gruppe der Flüchtlinge. Im Extremfall werden die Flüchtlinge im Verlaufe der Ereignisse dann zu genau dem, was prognostiziert wurde: zu einer Bedrohung für den sozialen Frieden und der Lebensqualität. Eine selbsterfüllende Prophezeiung par excellence.

Soweit sind wir noch nicht in Deutschland, die irrationale Xenophobie hält sich in Grenzen. Noch. Denn immer mehr solcher Stimmen werden laut, auch aus gewöhnlich gut situierten Kreisen. Und das in unserer derzeitig so privilegierten Situation, wirtschaftlich, sozial wie politisch.

Was passiert aber, wenn sich unsere ökonomische Lage in den nächsten Jahren tatsächlich merklich eintrüben sollte und es uns dann de facto so schlecht geht, wie sich der Deutsche laut ‚World Happiness Report 2015' heute schon fühlt? Mir schwant nichts Gutes.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf oehm60.blogspot.de.

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