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06/04/2016 12:29 CEST | Aktualisiert 07/04/2017 07:12 CEST

Von der Entmenschlichung der Begriffe zur Entmenschlichung der Menschen

dpa

Es ist wieder soweit. Viehzeug, Gelumpe, Dreckspack. Sozialschmarotzer und Asylinvasoren: Der Linguist Peter Schlobinski betont im Rahmen eines Artikels in der F.A.S. (28.02.2016), dass es nicht allein die Bachmänner dieser Nation sind, die sich wieder der Semantik der Ab- und Ausgrenzung bedienen.

Deren Sprachmuster- und symbole werden „inzwischen in aller Öffentlichkeit von Leuten geäußert, die sich zumindest selbst als Teil der bürgerlichen Mitte bezeichnen würden" und die „jetzt das Gedankengut und die rhetorischen Formeln zum Teil übernehmen".

Und das nicht nur auf den bekannt obskuren Pegida-Demonstrationen landauf, landab. Nein. Auch in veritablen Opernhäusern am Rhein. So geschehen jetzt bei einer Aufführung des iranischen Cembalisten Mahan Esfahani in Köln, dessen englische Moderation, so die Rheinische Post, vom Publikum rüde unterbrochen und mit 'Sprich Deutsch!' Rufen quittiert wurde. Wann hat es das das letzte Mal gegeben?

Die Macht der Metaphern ist groß. Und der Weg vom Viehzeug und von Sozialschmarotzern zum Parasiten, zu Zecken und Plagen nicht weit. Kaum mehr als ein kleiner Schritt. Wenn überhaupt.

Denn, was ist der Schmarotzer anderes als ein Parasit? Gemeinsamer Nenner dieser Begrifflichkeiten aus dem Wörterbuch des Unmenschen ist ihre verbale Entmenschlichung.

Die Macht der Minderheit

Hier vorgetragen durch eine Gruppe, die sich den solcherart Entmenschten gegenüber selbst als „das Volk" schlechthin autorisiert. Wenngleich noch eine Minderheit, überhöht sie sich doch in steter Redundanz und Penetranz völkischer Selbstgewissheit:

WIR - und niemand sonst - sind das Volk. Und ihr da unten, ihr seid die Parasiten. Wahlweise auch die Geisteskranken, wie Frau von Storch Andersdenkende gerne tituliert.

Manche benutzen diese klassisch demagogischen, eingängigen, weil simplifizierenden, Sprachmuster ganz gezielt, bewusst, intentional. Manche tun es aber auch aus Unachtsamkeit. Und manche, die Schlimmsten von allen, aus Unmündigkeit.

Denn Unmündigkeit, das wissen wir spätestens seit 1783, als Kant die Frage beantwortete, was denn Aufklärung sei, „ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen."

Und die Ursache dieses Unvermögens? Feigheit. Und Bequemlichkeit. Denn „es ist so bequem, unmündig zu sein" und sich seines Verstandes nur unter Leitung eines anderen zu bedienen. Warum sonst krakeelt es sich im Schoß der wohlig-warmen Masse der Wutbürger wohl so herrlich enthemmt?

Entmenschlichung der Menschen

Die Entmenschlichung der Begriffe bereitet den Boden für die Entmenschlichung der Menschen. Der anderen, die nicht „wir" sind. Und dazu gehören zunächst die Schmarotzer, später auch die Sympathisanten der Schmarotzer. Danach die, die man einfach dazu zählt, weil sie einem nicht in den Kram passen. Und am Ende sind es alle, die nicht der Meinung derer sind, die sich selbst als das Volk bezeichnen.

Wer trägt die Verantwortung für die Konsequenzen? Niemand. Zumindest niemand der Unachtsamen und Unmündigen. Denn das ist doch das Schöne am Prozess der unsichtbaren Hand, den Rudi Keller so einprägsam im Rückgriff auf Adam Smith beschrieb: Wie ein Trampelpfad entsteht?

Jemand nimmt vom Parkplatz aus nicht den Umweg über den Fußweg, sondern den direkten Weg über die Wiese hin zu seinem Ziel. Das tut er nur, weil er zu bequem ist, keinen Umweg gehen und schnellstmöglich ans Ziel kommen will.

So denkt und handelt jeder Einzelne, der den direkten Weg nimmt. Und was ist das Resultat der Tausenden, die so denken und handeln? Genau: ein Trampelpfad. Den niemand wollte. Den aber alle geschaffen haben. Und wer ist schuld? Niemand. Aber alle. Nur - wer will der Gesamtheit die Schuld geben, wenn niemand schuld ist?

Die Frage nach der Schuld

So sieht's dann aus: Keiner ist verantwortlich, niemanden trifft eine Schuld. Also muss sich auch niemand einer Schuld bewusst sein. Alle können sich wunderbar plausibel hinter solchen Argumentationen verstecken. Können ihre Hände in Unschuld waschen.

Und sich glaubhaft entrüstet zeigen, sollte jemand mit Fingern auf sie zeigen: "Das ist doch nicht meine Schuld!" Einerseits. Andererseits heißt nicht verantwortlich zu sein noch lange nicht, keine Verantwortung zu tragen:

Vielleicht plappere ich die Parolen ja nur nach, weil ich mich zurückgesetzt, missachtet und mit meinen Sorgen, Ängsten und Nöten nicht ernst genommen fühle. Nicht aber, weil ich anderen schaden will. So wie ich denken und handeln vielleicht Tausende. Tausende, die wie gesagt nur auf dem kürzesten Weg von A nach B gehen, aber keinen Trampelpfad entstehen lassen wollen.

Kann ich mich nun von der Verantwortung freisprechen, weil ich seine Entstehung ja nicht beabsichtigt habe? Nein. Denn ich muss die Konsequenzen meines Handelns überblicken - auch seine unbeabsichtigten Konsequenzen, für die ich nicht persönlich verantwortlich bin, für die ich aber allein durch meine Teilhabe eine Mitverantwortung trage.

Die selbstverschuldete Unmündigkeit

Selbstverschuldet ist meine Unmündigkeit, so Kant, wenn ich nicht den Mut habe, mich meines eigenen Verstandes zu bedienen. Die Konsequenzen meines Handelns zu bedenken. Mich selbst - und niemanden sonst! - in die Pflicht zu nehmen.

Verantwortung zu übernehmen. Für mich. Mein Handeln. Und nicht zuletzt für die Geschichte, wie Popper betonte. Denn tun wir es nicht, fallen wir wieder zurück in die Barbarei.

Beim Trampelpfad mag man nun über die Unmündigkeit noch großzügig hinwegsehen. Bei der Entmenschlichung der Menschen aber nicht. Denn was steht am Ende einer solchen Entmenschlichung?

Wir wissen es nicht erst seit der Shoa, seit Ruanda, Pol Pot, Stalin oder dem Genozid der Türken an den Armeniern: Es ist nicht allein die Entmenschlichung der Opfer - es ist auch, und das sollten die Täter wissen und bedenken, die der Täter selbst.

Denn ist die völlige Entrechtung und „organisierte Entmenschlichung" (Martin Weißmann) der anderen erst einmal propagandistisch sauber genug vorbereitet, ist die Ausgrenzung vollkommen gelungen und gibt man denen, die auf der richtigen Seite stehen, neben der absoluten Macht über die, die auf der falschen Seite stehen, auch noch die Gelegenheit, diese auszuüben, so werden sie die Gelegenheit nutzen.

Die Unterhaltungstruppe

Günther Anders nannte diese Gelegenheit „die Chance der unbestraften Unmenschlichkeit", die sich in unserer dunklen Zeit kaum einer entgehen lassen wollte, wenn sie sich einem bot. Warum das so war? Das banal Böse schlummert nun mal in jedem von uns:

„Eine Unterhaltungstruppe der Berliner Polizei, bestehend aus Musikern und Künstlern, die zur Frontbetreuung Mitte November 1942 in Luckow war, (bat) den Kommandeur des Reservepolizeibataillons 101, am nächsten Tag bei der anstehenden Judenaktion mitschießen zu dürfen.

Dem Ansinnen wurde entsprochen - am nächsten Tag vergnügte sich die Unterhaltungstruppe selbst, und zwar, indem sie Juden erschoss". Sönke Neitzel/Harald Welzer, Soldaten (2011).

Keiner hatte sie dazu gezwungen, niemand sie dazu eingeteilt, aufgefordert oder animiert. Die Unterhaltungstruppe wollte sich einfach nur etwas Abwechslung verschaffen. Und da bot sich die unwiderstehlich verlockende Möglichkeit an, mal etwas zu tun, was unter gewöhnlichen Umständen absolut tabu ist.

So entwickelte sich an der Ostfront mit der Zeit geradezu ein „Exekutionstourismus". Und die etwas waidmännischere Variante, die „Judenjagd", wie Angehörige des besagten Reservepolizeibataillons 101 ihre gezielten Säuberungsaktionen gerne nannten.

Nachkriegs-Experiment

Die zu Tieren degradierten Juden wurden in den Wäldern gejagt, aufgestöbert und dann erlegt. Waidmannsheil Hitler. Die Unmenschlichkeit wurde zur Normalität, ja zum Freizeitvergnügen zuvor völlig unbescholtener, „ganz normaler Männer" (Gruber/Kühl). Von Unrechtsbewusstsein keine Spur.

Warum auch? Die Sozialpsychologie weiß seit langem, dass die Täter nur auf die menschlich-allzumenschliche, intuitive Rechtfertigungsstrategie setzen, wonach sie, wie Steven Pinker sagt, „ehrlich an ihre Version der Geschichte (glauben), wonach sie das unschuldige, seit langem leidende Opfer" sind.

Das alles ist aber durchaus kein spezifisch deutsches Problem. Deshalb musste auch das berühmte Nachkriegs-Experiment von Stanley Milgram scheitern: Sein Ziel war es, die notorisch obrigkeitshörige Natur des Deutschen zu beweisen. Damit sollte der Nationalsozialismus sozialpsychologisch erklärt werden.

Stattdessen legte das Experiment den anthropologisch konstanten Charakter der Gehorsamsbereitschaft nahe. Und zwar völlig unabhängig von Alter, Herkunft, Bildung, Geschlecht oder Ethnie. Wobei sich Milgram 1974 übrigens in einem Fazit ganz explizit auf Hannah Arendts Eichmann-Analyse von der Banalität des Bösen berief.

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Der Teufel sind nicht die anderen, der Teufel ist Jedermann. Also auch ich. Und um mich im Zaum zu halten, habe ich die moralische, staatsbürgerliche und intellektuelle Pflicht, mich in selbstbestimmter Unabhängigkeit meines Verstandes zu bedienen. Jeden Tag aufs Neue. Ohne Unterlass. Denn wie schon Siegfried Lenz 1952 in seinem Roman „Der Überläufer" schrieb:

„Wer kontrolliert denn die Werte der Welt? Du, du allein."

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