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21/10/2017 10:05 CEST | Aktualisiert 23/10/2017 09:55 CEST

Pro Jahr nehmen sich in Deutschland ca. 10.000 Menschen das Leben - so versuche ich, zu helfen

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Die Frage, ob ich mich durch meine YouTube-Serie "Komm lieber Tod" als Lebensretter fühle wurde mir einmal von einer TV-Moderatorin gestellt. Über eine Millionen Aufrufe hat diese Serie "für das Leben" bereits generiert.

Lebensretter, das klingt so gewaltig und heldenhaft. Meine Antwort auf die Frage war ein schlichtes "Nein". Unter einer Lebensrettung stelle ich mir eine konkrete Situation vor. Eine Person treibt hilflos im Fluss und ein anderer Held oder Heldin springt mutig ins Wasser, um die Person an Land zu ziehen.

Oder jemand spendet Stammzellen und erfährt, dass dadurch eine schwere Krankheit besiegt worden ist und damit auch ein Leben gerettet wurde. Wie kam dann die Moderatorin darauf, mir diese Frage zu stellen? Ich bin nie in reißende Fluten gesprungen, noch habe ich, trotz Registrierung in der DKMS-Datenbank, Stammzellen gespendet. Fangen wir von vorne an.

Das Thema Suizid ist absolut tabuisiert und die Medien scheuen es aus Angst vor dem Nachahmereffekt, da die vorherrschende Meinung besagt, Berichte über Suizide können andere Betroffene in ähnlichen Situationen zum Selbstmord anregen. Dieser Nachahmereffekt, auch Werther-Effekt genannt, ist keine Behauptung, sondern eine wissenschaftlich belegte Tatsache.

Goethes Werther und sein Verhältnis zu Herrn Papageno

1974 untersuchte der amerikanische Soziologe Phillips erstmals den Zusammenhang zwischen Suiziden und der Berichterstattung über Selbstmorde in den Printmedien. Vereinfacht ausgedrückt war das Ergebnis der Studie, dass Berichte über Suizide Menschen zum Selbstmord anregen können.

Und dabei handelt es sich keinesfalls um vorgezogene Taten von Menschen, die sich sowieso umbringen wollten, sondern zusätzlich generierte Suizidfälle. Eine weitere Rolle spielte auch, wie berühmt die Person war, die sich das Leben genommen hatte und wie häufig das Ereignis erwähnt wurde. Ebenso spielt die Wortwahl eine Rolle, denn je heldenhafter die Selbsttötung geschildert oder romantisch verklärt wurde, desto ungünstiger für die Suizidrate.

Mittlerweile haben über 40 wissenschaftliche Studien diesen Effekt eindeutig belegt. Der Begriff Werther geht übrigens zurück auf das von Goethe verfasste Werk "Die Leiden des jungen Werther" (1774), ein fiktionaler Briefroman, an dessen Ende sich der Held aufgrund einer unglücklichen Liebesbeziehung eine Kugel durch den Kopf gehen lässt. Schon damals wurden Nachahmungstaten im Zusammenhang mit dem literarischen Werk beobachtet und das Buch daher zeitweise verboten.

Aufgrund der Studien wurden in den 80er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts in zahlreichen Ländern Richtlinien erlassen, die Medienschaffenden vorgaben, wie sie über Suizide berichten sollten: Zurückhaltend! Also weder den Ort noch die Methode des suizidalen Aktes erwähnen und ja nichts glorifizieren und heroisieren.

Es gibt aber auch einen gegenteiligen Effekt zum Werther-Effekt. Der nennt sich Papageno-Effekt und ist zurückzuführen auf die Figur des Vogelfängers aus Mozarts Oper "Die Zauberflöte". Der Vogelfänger Papageno fürchtete den Verlust der Gefühle seiner geliebten Papagena und sah im Selbstmord sein einziges Heil.

Kurz bevor er sich an einem Baum aufhängen wollte, kreuzten drei Knaben seinen Weg und überredeten ihn davon, dass es Alternativen zur Selbsttötung gäbe. Papageno ließ von seinem Vorhaben ab.

Ich kann mich nicht mehr genau an den Ausgang der Oper erinnern, aber ich meine mich zu erinnern, dass Papageno am Ende die Liebe seiner angebeteten Papagena wiedergewonnen hat und am Ende wurden viele Papaginis in die Welt gesetzt.

Auch wenn es sich bei Papageno, ähnlich wie bei Werther, um eine Kunstfigur handelt, ist die Darstellung wohl das erste belegte Beispiel von gelungener Suizidprävention. Wenn also darüber berichtet wird, dass Menschen einen Ausweg aus einer suizidalen Krise gefunden haben, wenn wir mehr über ihre Motive und Wege der Krisenbewältigung erfahren, dann könnte das sogar suizidprotektiv wirken.

Geprägt wurde der Begriff "Papageno-Effekt" von Wissenschaftlern des Teams um Prof. Dr. Niederkrotenthaler vom Zentrum für Public Health an der Universität Wien. Der Konjunktiv"„könnte suizidprotektiv wirken ..." ist gerade Gegenstand von wissenschaftlichen Studien. Ziel ist es, herauszufinden, welche Art der Darstellung über verhinderte Suizide einen Beitrag leisten kann, die Selbstmordzahlen zu senken. Dazu gehört neben der Erwähnung einer gelungenen Krisenbewältigung auch die Nennung von Hilfsangeboten und Hotlines.

Wer kontrolliert eigentlich das Internet?

Wir sollten trotz wissenschaftlicher Forschung einige Tatsachen nicht aus den Augen verlieren: Pro Jahr nehmen sich in Deutschland ca. 10.000 Menschen das Leben und somit sterben durch Suizid mehr Menschen als durch Kriminalität, Drogen und Verkehr zusammen! Bundesweite Aufklärungs-Kampagnen gibt es nicht im Gegensatz zu hunderten "Don´t drink and drive"-Plakaten an Autobahnen oder "Gib AIDS keine Chance" an jeder zweiten Bushaltestelle.

Und die ganzen Verbände und Stiftungen verlieren sich in Einzelaktionen und arbeiten nicht zusammen, weil jeder sein eigenes Süppchen kocht und meint, er habe die Patentlösung in der Suizidprävention für sich gepachtet.

Die Medienrichtlinien sind auf eher auf die klassischen Informationsträger wie Presse, Radio und TV beschränkt. Immerhin führt die aktuelle Broschüre der WHO auch einen Verhaltenskodex für die Sparte Onlinemedien auf, gemeint ist der Content, den die Presse auf den eigenen Online-Portalen veröffentlicht.

Eine wirkliche Kontrolle ist im Zeitalter der Informationsgesellschaft eher Wunschdenken. Es gibt unzählige Portale, Gruppen und Chats in denen sich Betroffene ungezügelt über die besten Suizidmethoden austauschen können.

Mehr zum Thema: Ein Brief an meinen besten Freund, der sich das Leben genommen hat

Die Hilfsangebote oder weitere suizidprotektive Maßnahmen haben die Netzwelt ebenso erreicht, aber das Kräfteverhältnis zugunsten des Papageno-Effekts hat sich damit nicht automatisch zum Positiven geneigt.

Es wäre eigentlich Aufgabe der klassischen Medien, mehr über Menschen zu berichten, die suizidale Krisen überwunden haben, aber gerade hier besteht noch Nachholbedarf. Der Vorteil unserer Zeit liegt eindeutig darin, dass wir ohne Genehmigung eines Redakteurs oder Erlaubnis einer moralischen Instanz den "suizidprotektiven Content" selbst liefern können. YouTube ist da ein gutes Beispiel.

"Komm lieber Tod ist ein mutiges Projekt, das absolut in unsere Zeit passt"

Die Biographie-Serie "Komm, lieber Tod" handelt von meinem Leben mit Depressionen und Todessehnsüchten. In 60 Folgen mit einer Gesamtspielzeit von knapp acht Stunden lasse ich meinen Erlebnissen und Gedanken freien Lauf.

Ich erzähle davon, wie ich schon als Kind lieber einschlafen und nicht mehr aufwachen, oder in einer anderen, besseren Welt aufwachen wollte. Und wie es sich genau anfühlt, sich das Leben zu nehmen. Ungeschminkt und ungefiltert.

Ich erzähle, wie in mir das Programm Selbstzerstörung gestartet wurde und wie euphorisch ich beim Versuch war. Das klingt schizophren, aber die schwere Depression, in der ich mich damals befand, rief einen paradoxen Effekt hervor.

Als ich die Entscheidung getroffen hatte, mir das Leben zu nehmen, fühlte ich mich plötzlich befreit und ruhig. Den Versuch habe ich überlebt, leider - so dachte ich damals und heute bin ich glücklich, am Leben zu sein.

Mehr zum Thema: Ich wollte mir das Leben nehmen - eine SMS hat mich davor gerettet

Die Reaktionen auf meine Biographie-Serie waren zahlreich und sehr berührend. Unter den fast 500 Nachrichten und E-Mails waren mehrere Zuschauer, die mir sagten, dass sie nach der Serie von ihrem Vorhaben, sich das Leben zu nehmen, Abstand genommen haben.

Das berührt mich sehr! Und genau das war mein Ziel: Ohne Tabus aufklären und einen gesellschaftlichen Beitrag zur Entstigmatisierung leisten, ohne Heroisierung oder Romantisierung.

An den Stellen, an denen es "kritisch" wirkt, erfüllt die Serie immerhin noch eine dokumentarische Aufgabe. Denn Empathie für Betroffene und ein Bewusstsein für das Tabuthema Suizid schafft man weder in einem kurzen Zeitungsbericht, noch in einem TV-Interview zwischen zwei Werbeblöcken.

"We love to entertain you ...", even with critical content

Stichwort "Entertainment" - kann ein so schwieriges Thema unterhaltsam dargestellt werden? Eine ganz schwierige Frage.

An der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht", die ebenfalls das Thema Suizid abhandelt, scheiden sich die Geister. Den zahlreichen Warnungen der Experten, die Serie könne labile Menschen zu Nachahmungstaten verführen, steht kaum eine positive Erwähnung gegenüber, wie viele Leben durch die Serie gerettet worden sind, eben weil ein Bewusstsein für das Thema geschaffen worden ist, weil Gespräche und Diskussionen in Familien, Schulen und der Gesellschaft angeregt worden sind.

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Einen gewissen Entertainment-Faktor wollen wir bei "Komm lieber Tod" gar nicht verschweigen. Lebensgeschichten müssen auch interessant oder neudeutsch "teasy" dargestellt werden, sonst verlieren sie sich in der Angebotsvielfalt der Netzwelt. Die Fragestellung "Soziale Medien und Suizidprävention?" war Gegenstand meines Vortrages beim World Psychiatry Congress vor einigen Tagen in Berlin.

Wenn ich dem Urteil eines Zuschauers trauen darf, dann passt unsere Serie in den Geist der Zeit - Blogbeitrag von Dr. Dreher.

Trotz der vielen positiven Reaktionen fühle ich mich aber nicht als Lebensretter. Ich habe anderen einen Gedankenanstoß geliefert. Ich hoffe und wünsche mir, dass die Personen den Mut und die Kraft finden, nun ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen, denn das eigene Leben muss man selbst retten, selbst wenn es anfangs nur mit professioneller Unterstützung geht. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe.

Lebensretter? Nein, aber glücklich, andere Leben erreicht zu haben!

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