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03/08/2015 08:16 CEST | Aktualisiert 03/08/2016 07:12 CEST

Depressionen bagatellisieren: Wenn Harald Schmidt nicht mehr zum Lachen ist

Vanessa Clara Ann Vokey via Getty Images

Ganz ehrlich: Ich habe Harald Schmidt schon immer gemocht. Diesen Akrobaten des Wortwitzes und mit seinem Sarkasmus und Zynismus hat er mich oft zum Lachen gebracht. Harald Schmidt strahlt so viel Kompetenz und Sachverstand aus, dass ich von ihm auch ein rostiges Auto kaufen würde, wenn er mir versichert, dass die Karre noch gut fährt.

Vielleicht habe ich etwas geschlafen, aber erst gestern bin ich über die Plakataktion der Stiftung Deutsche-Depressionshilfe gestolpert, die seit Mitte Juli lanciert wird. Etwa 1500 Plakate sollen öffentlich aufgestellt werden und Harald Schmidt wirbt dort mit seinem Konterfei: „Ganz im Ernst: Depressionen sind nicht lustig, aber gut behandelbar."

Ist das sein verdammter Ernst?

Ich finde es löblich, dass sich Harald Schmidt mit seiner Prominenz für das Thema Depression und deren Entstigmatisierung einsetzt. Aber mich stören an dieser Kampagne zwei Dinge:

Zum einen: Ich befürchte, dass diese Plakataktion ungefähr den gleichen Effekt haben wird wie die in regelmäßigen Abständen aufgestellten Großplakate auf den Autobahnen:

„Fahr nicht so schnell" oder „Fahre mit Abstand" lesen wir da, während wir gemütlich mit 130 km/h über die Autobahn gondeln und sie links mit 230 Sachen an uns vorbeibrettern. Und setzt du zum Überholen an, dauert es nur Sekunden, bis dir ein eiliger Zeitgenosse mit seinem Mercedes-Stern ein Muster in deine Heckklappe stempeln will.

Diese Plakate interessieren niemanden wirklich oder werden einfach von der breiten Masse ignoriert. Der Effekt könnte verpuffen.

Und welche Botschaft wird da eigentlich transportiert?

Depressionen sind gut behandelbar, ist doch keine große Sache - das bisschen Seelenwehwechen? Es geht doch gerade darum, dass wir für mehr Offenheit und Akzeptanz bei denen werben, denen das Thema Depression fremd ist, oder die betroffene Menschen mit abschätzigen Bemerkungen verurteilen.

Klar, man will auch die Betroffenen direkt ansprechen und ihnen Mut machen, sich behandeln zu lassen. Und genau hier liegt der zweite Knackpunkt der Kampagne: nämlich das „gut behandelbar".

Sind Depressionen wirklich gut behandelbar? Welche Depressionen sind denn gemeint? Die leichten, ein Burn-Out, schwere depressive Episoden, manisch-depressive Erkrankungen?

Ich freue mich für jeden, der in seinem Leben niemals von einer Depression heimgesucht wird. Diese Menschen sollten jeden Tag ein Gläschen Champagner trinken und feiern, denn sie wissen nicht, wie gut es ihnen geht.

Denn Depressionen sind wirklich nicht lustig, sie klauen dir wertvolle Lebenszeit. Und ich beneide jeden von Depressionen betroffenen Menschen, der zum Arzt geht, eine Pille verschrieben bekommt und danach sein Leben beschwerdefrei weiter genießen kann.

Kampagne bagatellisiert statt aufzuklären

Das „gut behandelbar" bagatellisiert ein großes Problem: Geh zu 5 Ärzten und du erhältst mindestens 6 verschiedene Präparate. Die Ärzte doktern und probieren herum: wenn dieses Medikament nicht hilft, dann nehmen sie doch dieses hier.

Ich habe auch Zweifel, ob immer ein geeignetes Medikament verschrieben wird, und nicht das, bei dem ein Arzt Bonuspunkte für den nächsten gesponserten 5-Sterne-Golfurlaub in Andalusien erhält.

Ich lese viel über das Thema und ganz erschrocken bin ich von den wahrhaften Medikamenten-Odysseen, die manche Leute mit Depressionen hinter sich haben. Diese Menschen sind verzweifelt, suchen wirklich Hilfe und Erleichterung und hoffen darauf, nein, sie sehnen sich danach, ein Medikament möge ihnen helfen.

Und oft wird doch eine bescheidene Wirkung mit einem Haufen an üblen Nebenwirkungen erkauft (Gewichtszunahme, Schwindel, Übelkeit), die am therapeutischen Effekt zweifeln lassen.

Ich habe auch eigene Erfahrungen gemacht. Vor Jahren litt ich unter fürchterlichen Panikattacken und wer nicht weiß, was das ist, dem kann man das auch kaum erklären. Die Lebensqualität geht schnell gegen Null.

Auch ich bin zum Arzt gerannt und habe gebetet, dass die Heilung möglichst schnell eintreten möge. Mir wurde ein Mittel verschrieben, mit dem der Arzt „gute Erfahrungen gemacht hat".

Pustekuchen! Schon das Einschleichen des Medikamentes war der Horror und der therapeutische Effekt war später kaum wahrnehmbar. Nach einigen Monaten brachte ich 15 Kilo mehr auf der Waage, war ständig unkonzentriert und lief wie leicht benebelt durch die Welt. Mich hat es nicht gefreut, aber garantiert den Hersteller dieses extrem teuren Präparates.

Aber für die Pharmaindustrie ist es doch o.k., „läuft"! Warum auch in teure Forschung und langwierige Zulassungsverfahren investieren, wenn sich das Zeug blendend verkauft. In der Schweiz beispielsweise hat sich die Verordnung von Psychopharmaka in den letzten 20 Jahren vervierfacht! „Läuft"!

Und es gibt nicht wenige Experten, die der Meinung sind, dass sich die Psychopharmaka in den letzten 30 Jahren nicht wesentlich weiter entwickelt haben. Ein Molekül oder einen Baustein austauschen und schon wird ein neues Wundermittel geboren und angepriesen.

Letztens habe ich bei Facebook den Eintrag einer jungen Frau gelesen, garniert mit vielen Smileys. Sie wollte der Welt freudig verkünden, dass sie nach einem Jahr endlich einen Platz für eine Gesprächstherapie gefunden hat. Hallo? Ein Jahr musste diese Frau leiden, bis sie endlich einen Platz gefunden hat!? Na hoffentlich stimmt dann auch die Chemie zwischen Patientin und Therapeut, damit sie nicht nochmal ein Jahr suchen und warten muss.

Nicht klein reden, sondern Lösungen finden!

Depressionen sind sicher behandelbar, aber dann hätte ich es besser gefunden, wenn man hier ehrlicher ans Werk gegangen wäre: „Depressionen könnten viel besser behandelt werden, wenn die Pharmaindustrie endlich wirksamere Medikamente herstellt und wenn es erheblich mehr Therapieplätze gäbe." Dann, vielleicht dann könnte man dem Spruch auf dem Plakat wirklich Glauben schenken.

So ist die vermeintliche Aufklärungskampagne lediglich ein Hohn für jeden Menschen mit Depressionen. Ein steif und lächelnd dastehender Harald Schmidt hebt die Qualität dieses Spruches nicht - im Gegenteil, das Ganze bekommt erst damit einen richtig fahlen Beigeschmack.

Von dem reflektierten Menschen Harald Schmidt hätte ich mir etwas mehr Empathie und Authentizität in dieser Sache gewünscht.

Stefan Lange

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