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08/08/2015 05:25 CEST | Aktualisiert 08/08/2016 07:12 CEST

Ein Türke wollte die AfD reformieren. Nun ist er wütend.

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Als einer der wenigen Deutsch-Türken wollte Tuncay Deniz die AfD reformieren. Doch er wurde bitter enttäuscht. Nun könnte er der neuen Alfa-Partei beigetreten. Das Protokoll eines fremdelnden Politneulings

Tuncay Deniz ist wütend. Anfang Juli 2015 steht der Ingenieur mit türkischen Wurzeln vor der Essener Grugahalle, einem Betonbau aus den 1950er-Jahren. Hier spielten einst Rockgrößen wie Frank Zappa und Led Zeppelin. Doch das ist lange her. Heute stehen die Menschen hier Schlange für Mario Barth und Cindy aus Marzahn.

An diesem sonnigen Juliwochenende zerfleischt sich hier die Alternative für Deutschland (AfD) auf ihrem Bundesparteitag - und Deniz kann es nicht mitansehen. „Jetzt ist Schluss", sagt er mit hochrotem Kopf. „Die Pöbeleien, Proteste und das Verbreiten von Vorurteilen sind nicht zu ertragen." „Mit dem sogenannten national-konservativen Flügel kann ich nur wenig anfangen", sagt Deniz mit vor Schweiß glänzendem Gesicht.

Es ist das heißeste Wochenende des Jahres. Dass er als Familienvater statt im heimischen Garten zu liegen, in einer stickigen Betonhalle endlose Debatten, nervtötenden Zwischenrufen und rechten Parolen lauscht, sei für ihn indes „kein besonderes Opfer".

Der 51-jährige Flugzeugbauer aus München trat bereits Mitte 2013 in die AfD ein. In seiner Heimatstadt kandidierte er für den Stadtrat. Außerdem ließ er sich für die Bundestagswahl aufstellen.

Dass er nie auf einem aussichtsreichen Listenplatz landete, war für ihn nie ein Problem. Bis zuletzt verteidigte er seine Partei immer wieder gegen Vorwürfe, die AfD sei rechtsnational. Während er durch die Reihen der Delegierten läuft, scherzen ältere Herren in Tweet-Anzügen: „Ach, der Türke ist auch wieder da!" Deniz grüßt freundlich.

„Die Rassismusvorwürfe sind unbegründet und nicht haltbar", wiederholte Deniz gebetsmühlenartig, wenn er, der Deutsch-Türke, mal wieder nach den Rechten in seiner Partei gefragt wurde. Zuletzt verteidigte er sie noch kurz vor dem Parteitag: Die Vorwürfe seien lediglich „wahltaktische Unterstellungen der etablierten Parteien".

In Essen änderte sich seine Meinung schlagartig. Er sei sich zwar „der Gefahr von rechts", wie er es nennt, bewusst gewesen. Doch er habe das Risiko unterschätzt. Kurz nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses verlässt er den Parteitag. Seine Partei ist gespalten, Deniz tief enttäuscht.

Der mögliche Alfa-Neuanfang

Tuncay zählt sich zum „liberalen Flügel". Seine Kernthemen sind „der Kampf gegen die Altersarmut, die Mitbestimmung der Bürger durch Volksentscheide und die Rückführung von Macht von der EU in die nationalen Parlamente". Doch seit Längerem brodelt es in ihm.

Zurück in München spricht sich Deniz mit seinem Ortsverband ab. „Eine gemeinsame Zukunft mit dem rechten Flügel kann es nicht geben", sagt Deniz. Bereits seit Aufkommen der Pegida-Bewegung ärgere er sich über „Petry, Gauland und Co.". Mitte Juli steht fest: „Natürlich treten wir aus der Partei aus." Die AfD „in ihrer bisherigen Form" sei in Essen „zu Grabe" getragen worden.

„Eine dumpf-nationale Pegida-AfD entspricht in keinster Weise meinen politischen und gesellschaftlichen Werten", schreibt er in einer offiziellen Stellungnahme zu seinem Parteiaustritt.

„Rumpöbeln und schreien kann jeder Prolet, aber sich wirklich mit den Problemen der Zeit konstruktiv auseinanderzusetzen, das ist der Intelligenz vorbehalten", sagt Deniz zwei Wochen nach dem Parteitag - noch immer mit Wut im Bauch. Diese Wut war für ihn immer auch ein Antrieb. Zuletzt richtete sich sein Zorn aber immer öfter gegen die eigene Partei.

Die Schuld an seinem Austritt sieht er allerdings auch bei Parteigründer Bernd Lucke. Deniz findet, wie immer, markige Worte: „Der bisherige Parteichef habe zu viele Fehler begangen. Er ist Mitschuld an der Katastrophe", sagt der Münchener.

Als Lucke am 19. Juli die „Allianz für Fortschritt und Aufbruch" (Alfa) gründet, bleibt Deniz skeptisch: „Er ist bestimmt nicht der geborene Parteivorsitzender", sagt er. Ob er einen Neustart mit der Alfa wagen sollte, weiß er Anfang August noch immer nicht.

„Eine neue Partei zu gründen, die Strukturen neu zu schaffen, das alles ist sehr aufwendig", bilanziert Deniz sein zweijähriges Engagement in der AfD. Dabei gehe sehr viel Zeit drauf. Dennoch empfindet Deniz, auf dessen Facebook-Seite noch immer das AfD-Logo zu sehen ist, seine Politikerkarriere nicht als gescheitert.

„Frau Merkel" versenke weiterhin unzählige Milliarden in Griechenland, „während hier bei uns im Land das Geld für die Grundversorgung unserer Alten und Kinder nicht mehr ausreicht", sagt Deniz. Der deutsch-türkische Familienvater aus München ist sich in der AfD treu geblieben. Einer seiner ersten Sätze wird auch sein bislang letzter als Politiker sein: „Dagegen muss man etwas unternehmen."

Tuncay Deniz wird etwas unternehmen. Er ist noch immer wütend.


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