BLOG
03/12/2016 11:39 CET | Aktualisiert 04/12/2017 06:12 CET

Afrika braucht keinen Marshallplan

CommerceandCultureAgency via Getty Images

Sowohl der Begriff wie auch das Konzept eines Marshallplans für Afrika sind falsch gewählt. Dem afrikanischen Kontinent fehlt es nicht an Geld, sondern an zielführenden Ideen und Projekten. Nun hat der Club of Rome seine Ideen dazu präsentiert: Deutschland soll einfach 120 Milliarden Euro zahlen.

Europas Politiker aller politischen Richtungen und Weltanschauungen überschlagen sich seit Monaten in ihrer Forderung nach einem Marshallplan für Afrika: was vor dem Sommer mit einer Initiative christlich-sozialer Abgeordneter im Europaparlament begann, haben zwischenzeitlich der deutscher Entwicklungsminister Müller (CSU), Österreichs Bundeskanzler Kern und selbst FPÖ-Präsidentschaftskandidat Hofer übernommen.

Jeder von ihnen fordert mindestens 100 Milliarden Euro für Afrika. Unterstütz werden sie dabei von einflussreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, bis hin zum Wiener Erzbischof und Kardinal Schönborn. Allein dadurch, dass eine Forderung vielfach wiederholt wird, wird sie jedoch nicht richtig. Und eine so weltanschaulich übergreifende Einigkeit verschiedenster Persönlichkeiten sollte wohl auch eher Zweifel aufkommen lassen.

Falsches Konzept

Sowohl der Begriff wie auch das Konzept eines Marshallplans sind für den Kontinent Afrika falsch. Der Plan wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum Wiederaufbau von durch einen Krieg zerstörten wirtschaftlich entwickelten und industrialisierten Staaten geschaffen. Sowohl in seiner Bedeutung wie auch in seinem angeblichen Erfolg wird der Marshallplan dabei auch noch historisch regelmäßig überschätzt.

Er trug zwar zum Anschub des legendären Wirtschaftsaufschwungs durchaus bei, allein verantwortlich war er dafür jedoch keineswegs. Für bis heute nicht entwickelte Staaten Afrikas, die vielfach auch noch in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt oder gar failed states sind, ist das Marshallplan-Konzept jedenfalls wahrlich nicht geeignet.

Fonds Zukunft Afrikas

Angesichts dieser offensichtlichen Themenverfehlung ist es dem Club of Rome (gemeinsam mit dem deutschen Senat der Wirtschaft) fast schon wieder hoch anzurechnen, diesbezügliche Ideen und Vorstellungen aufs Papier gebracht zu haben. Ihre im November präsentierte Denkschrift sieht jedenfalls einen „Fonds Zukunft Afrikas" vor. Dieser soll zwischen 2017 und 2030 von Deutschland mit insgesamt 120 Milliarden Euro dotiert werden.

Der Fonds soll von Deutschland initiiert und anlässlich des G20 Gipfels bzw. des geplanten EU-Afrika-Gipfels im kommenden Jahr verkündet werden. Die Mittel sollen „partnerschaftlich" gemeinsam mit afrikanischen Partnern verwaltet werden, um den lang erwarteten großen wirtschaftlichen Aufschwung in Afrika und insbesondere in den nordafrikanischen Mittelmeeranrainerstaaten bewirken. Primäres Ziel wäre es, eine sichere Region von Nachbarstaaten in Nordafrika zu etablieren.

Abgesehen davon, dass nicht wirklich begründet wird, warum ausgerechnet Deutschland diesen Fonds allein stemmen sollte (eine besondere koloniale Widergutmachungsverpflichtung entfällt angesichts der vergleichsweise geringen kolonialen Vergangenheit Deutschlands), wird der Aspekt der politischen Umsetzung völlig außer Acht gelassen.

Warum sollte Deutschland, der Sparzuchtmeister Europas, urplötzlich Afrika finanzieren? Der lapidare Hinweis, wonach die Kosten der deutschen Wiedervereinigung viel höher waren, kann nicht als ernsthafte Begründung dienen.

Unkenntnis afrikanischer Verhältnisse

Was den interessierten Leser dieser Denkschrift (u.a. unterzeichnet von Ernst Ulrich von Weizsäcker) wahrlich zu Verzweiflung bringt, ist die offensichtliche Blauäugigkeit und Unkenntnis afrikanischer Verhältnisse. Durch mehr Transparenz, weniger Korruption und eine deutliche Erhöhung der Steuereinnahmen in den Staaten Afrikas solle es zu raschen Verbesserungen kommen.

Durch den „klugen Einsatz von Steuereinnahmen" könne damit die Investitionsfähigkeit erheblich stimuliert werden. Die honorigen Herrn des Club of Rome scheinen jedenfalls angesichts solcher Forderungen selten bis gar nicht in Afrika gewesen zu sein. Dort geht es nicht um Effizienzsteigerung bestehender Strukturen.

In den meisten afrikanischen Staaten geht es vielmehr darum, überhaupt zum ersten Mal so etwas wie funktionierende staatliche Institutionen zu etablieren. Es gibt einfach keine „Steuereinnahmen", die man erhöhen könnte.

Nicht das Geld fehlt, sondern die Ideen

Das anhaltende Problem Afrikas ist nicht das fehlendes Kapital, sondern der Mangel an sinnvollen, förderwürdigen Vorhaben. Experten weisen immer wieder darauf hin, dass genügend (und manchmal sogar zu viel) Finanzmittel für Afrika zur Verfügung stehen. Das Problem liegt jedoch darin, dass es einfach zu wenig sinnvolle Projekte gibt.

Nicht das Geld fehlt, sondern die Ideen. Seit Jahren werden bereits Milliarden an europäischen Entwicklungsgeldern, die „nicht abgerufen werden" - also einfach nicht verbraucht werden (können) - in die Finanzierung und den Betrieb der afrikanischer Sicherheits- und Verteidigungsinfrastruktur umgeleitet. Das bekannteste Beispiel ist die so genannte Friedensfazilität für Afrika.

Eine Art Marshallfonds würde in dieser Situation gar nichts helfen. Wenn es dafür noch eines Beweises bedurfte, dann hat ihn der Club of Rome mit seiner Denkschrift geliefert. So gesehen muss man sich für die weltfremden Überlegungen des Altherrenclubs bedanken. Es lag zwar nicht in ihrer Absicht, aber sie haben einen Marshallplan für Afrika damit hoffentlich unmöglich gemacht.

Auch auf HuffPost:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.