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15/02/2016 13:39 CET | Aktualisiert 15/02/2017 06:12 CET

Ich wurde vergewaltigt und Deutschland ist es scheißegal

Discha-AS via Getty Images

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Ich glaube, ich bin ein leichtes Opfer. Ich bin sehr klein und ziemlich dürr. Obendrein Ausländerin und eine Frau. Wobei sich als Frau zu sehen voraussetzt, sich in erster Linie als Mensch zu sehen. Was bei mir nicht wirklich der Fall ist. Manchmal schon, manchmal ist die Wut so groß, dass ich schreie: „Ich bin doch auch ein menschliches Wesen!". Aber das Menschsein an sich hat schon lange seine Legitimierung verloren. Und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob es nur an meiner sehr zynischen Weltsicht liegt oder die Gesellschaft tatsächlich so widerlich ist.

Ich war nicht immer so. Auch ich war offen, fröhlich, recht beliebt.

Ich möchte nicht darüber schreiben, wie die ganze Gewalt vonstattengegangen ist. Das schaffe ich einfach nicht, tut mir leid. Sondern was sie mit mir gemacht hat. Welche tatsächlichen Folgen solche Erlebnisse haben.

Als Kind wurde ich missbraucht, als Erwachsene vergewaltigt. 2 Jahre danach gab es einen weiteren Vergewaltigungsversuch, doch da konnte ich flüchten weil der Täter angeschickert war, Koordinationsprobleme hatte und ich vor lauter Angst wild um mich getreten und geschlagen habe. Natürlich hat die Polizei mir nicht geglaubt. Ein so zierliches Mädchen kann KANN sich einfach nicht gegen einen Mann wehren.

Über eine Stunde haben mir zwei übergewichtige, der Rente nahen Polizisten zugesetzt. Ich würde ein Leben zerstören. Sie kriegen es doch eh raus. Sie haben so viel Erfahrung. Blablabla. Ich stand noch immer unter Schock und am Ende der Befragung hab ich gesagt, was sie hören wollten.

Nicht weil es der Wahrheit entspricht, sondern weil ich nicht mehr konnte. Ich konnte diesen Männern einfach nicht mehr zuhören. Ich habe mich während der Befragung gefühlt als würde ich unter einem Bulldozer zermalmt. Und es gab keine Chance auf Hilfe. Niemand glaubte mir und der Kerl läuft immer noch draußen herum. Das war 2014.

Angst. Überall. Permanent. Vor allem und jedem. Ich gehe nur vor die Tür wenn ich muss. Der tägliche Weg zur Arbeit ist eine Tortur. Ich ziehe meinen Schal so hoch, dass nur meine Augen frei sind. Ich blicke nur noch auf den Boden. Habe kaum noch Freunde. Ich habe mich abgekapselt. Smalltalk oder soziale Interaktion sind für mich schwierig geworden. Selbst diesen Text zu tippen kostet mich unglaubliche Überwindung. Für diese eineinhalb Seiten habe ich mehrere Stunden gebraucht, unterbrochen von Heulattacken.

Ich gehe nur vor die Tür wenn ich muss. Der tägliche Weg zur Arbeit ist eine Tortur.

In meinem Kopf rasen tausend Gedanken gleichzeitig, aber kein einziger kommt über meine Lippen. Ich glaube, ich werde von meinen Kollegen als etwas seltsam angesehen. Ich rede nicht viel, vermeide Augenkontakt. Und wenn ich mal was sage ist es wohl unpassend, denn ich ernte stets verwunderte Blicke. Und wahrscheinlich denken sie auch, dass ich intellektuell unterlegen bin.

Überall könnten sich potentielle Täter verstecken. Ich will unauffällig sein, kleide mich schlicht.

Darüber hinaus setzt sich die Angst auch in anderen Bereichen meines Lebens fort. Ich habe Angst, zu versagen, weshalb ich nichts mehr mache, was mich weiterbringen könnte. Keinerlei Hoffnung habe, dass es überhaupt was bringt. Also gehe ich jeden Tag zur Arbeit, komme wieder zurück und verschließe die Tür.

Wenn du dein Leben lang um Hilfe gerufen hast aber niemand dir glaubt, dass du sie wirklich brauchst, würdest du mir nichts dir nichts wieder aufs Pferd steigen? Ich habs versucht und bin mehrfach glorreich gescheitert. Die Angst verlässt mich nicht. Panikattacken kommen und gehen, wie es ihnen beliebt. Ich habe ernsthaft Sorge, dass ich aufgrund dessen meinen Job verlieren könnte.

Wenn ich es mal geschafft habe, mich in den Schlaf zu weinen, kommen die Träume. Wie diese verschiedenen Männer auf mir lagen, mich festhielten. Ich kann immer noch ihren heißen Atem an meinem Ohr spüren. Wie ich weinte und bettelte, sie mögen bitte aufhören. Die Schmerzen im Unterleib. Die Demütigung, die Verzweiflung. Das Bedürfnis permanent die Beine zusammenzukneifen. Wenn ich aufwache, bin ich verschwitzt und habe Herzklopfen, muss die Panik niederkämpfen und mich daran erinnern, dass das gerade ein Traum war.

Die Angst verlässt mich nicht. Panikattacken kommen und gehen, wie es ihnen beliebt.

Ich bin in einen Strudel der Depression geraten. Therapeuten? Bin dabei, aber ich hätte gerne einen, der mich auch ernst nimmt. Gibt es das? Meiner Erfahrung nach nicht. Selbst Therapeuten machten sich über mich lustig. „Wahrscheinlich haben Sie was getrunken und haben einfach vergessen, dass Sie es auch wollten, nicht Frau R.? Kommen Sie, geben Sie es doch zu."

Jeden Tag phantasiere ich davon, mir das Leben zu nehmen. Der Einsamkeit, Angst, Wut und dem Schmerz zu entfliehen. Natürlich tu ich es nicht. Aber nicht weil ich das Leben für „kostbar" halte. Mittlerweile müsste dem_r Leser_in klar sein, dass ich zu viel Angst vor den Schmerzen habe. Nicht sehr heroisch, aber das bin ich auch nicht. Darum geht es auch nicht.

Ich fühle mich nicht wie ein Mensch. Sondern eher wie ein hängender Boxsack mit Löchern, auf den man einschlagen kann, soviel man will und später friedlich von dannen zieht. Während ich gebrochen und allein in der Ecke liege. Mein Leben ist zerstört. Nicht das der Täter sondern meines!

Ich kann nicht mehr lieben, nicht mehr vertrauen und bin am Rande des Suizids. Und die beschissene Gesellschaft denkt über das eine Prozent nach, wo eine Vergewaltigung erfunden war. Oder ein Fliehender der Täter. Und was ist mit den restlichen 99,99%?! Wo bleiben da die Polizisten, Therapeuten, Freunde, Politiker?!

Opfer sind der Gesellschaft egal.

DEUTSCHLAND, DU KOTZT MICH AN!!!!

Nach den Übergriffen in Köln war der Aufschrei groß. Auf einmal interessierten sich alle für die Situationen von Frauen in Deutschland. Die alltäglichen Belästigungen, Fummeleien oder Kommentare, die viele von ihnen ertragen müssen.

Einige Wochen später ist das Thema weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Die vielen engagierten Frauenrechtler von Anfang Januar sind verstummt. Dabei müssen wir über dieses Thema sprechen.

Wir wollen eure Meinungen, eure Geschichten, euren Aufschrei - gemeinsam machen wir den Tätern und auch der Politik klar, dass es so nicht weitergehen kann. Frauen dürfen in Deutschland nicht mehr Opfer sexueller Gewalt werden. Schreibt uns eure Geschichten und/oder schickt ein Video an Blog@huffingtonpost.de

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