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04/10/2015 08:36 CEST | Aktualisiert 04/10/2016 07:12 CEST

Was ist eigentlich aus der Homo-Ehe in Deutschland geworden

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Ein polnischer Priester, der sich letztes Wochenende zu seiner Homosexualität bekannte, wurde vom Vatikan seiner Aufgaben entbunden.

Die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen und Ehen, vor der Kirche und auch vor dem Gesetz ist nach wie vor ein Thema, an dem sich Geister, ganze Gesellschaften spalten. Grund genug um einen Blick auf das Frühjahr 2015 zu werfen und zu fragen:

Was ist eigentlich aus der außerordentlich medienwirksamen Debatte rund um die Öffnung der Ehe für Homosexuelle in Deutschland geworden?

Zunächst ein Rückblick.

Im Mai diesen Jahres hat die irische Bevölkerung per Volksentscheid für die Zulassung von gleichgeschlechtlichen Ehen gestimmt. Im Juli fiel dann auch in den USA das Urteil: In allen US-amerikanischen Ländern dürfen gleichgeschlechtliche Ehen geschlossen werden.

Ein Aufschrei ging durch die Welt, Lesben und Schwule weltweit machten mobil, um für ihr Recht auf Gleichberechtigung einzustehen.

Bei soviel Fortschritt in der Welt wollte dann auch Deutschland endlich den Weg in die moderne Zeit antreten: Politiker solidarisierten sich, Prominente schrieben einen Brief an den Bundestag:

Stellt gleich, was gleich ist."

Und nicht zu vergessen: Eine überwältigende Zahl an Nutzern sozialer Netzwerke färbte ihr Profilbild regenbogenfarben. Um ein Zeichen zu setzen. Um zu zeigen: Wir engagieren uns für die gleichgeschlechtliche Ehe. Uns ist es nicht egal.

Der Beginn der Debatte ist jetzt bald ein halbes Jahr her. Von meinen 360 Facebook Freunden hat noch einer das Regenbogen Profilbild. Man sieht auf normalen Bildern ja auch viel besser aus.

Man kennt dieses Phänomen. Ähnlich war es mit der Ice-Bucket-Challenge, bei der es eigentlich um eine schlecht erforschte Nervenkrankheit ging, für die Spenden gesammelt werden sollten.

Viele machten mit. Viele wussten nicht mal worum es eigentlich geht.

Eigentlich ging es nur um kreischende Mädchen in knappen und durchnässten Sommerklamotten. Viele Spenden kamen zusammen. Aber es sind noch nicht genug, die Forschung ist teuer. Und trotzdem ist heute ALS aus dem öffentlichen Bewusstsein der Medien und sozialen Netzwerke verschwunden.

Auch die Profilbilder, die als Zeichen einer Bewegung gedacht waren, schienen mehr Zeichen für Trendbewusstsein als für Anteilnahme zu sein. Heute ist dieses Thema aus den sozialen Netzwerken gänzlich verschwunden.

Was ist bis jetzt aus der Debatte geworden?

Das raus zu finden ist gar nicht so leicht. Denn nicht nur die Aufmerksamkeit bei Facebook und Co hat abgenommen, sondern proportional dazu auch das Interesse der Medien.

Bereits vor zwei Wochen hat der Bundesrat mit den Stimmten der roten und grünen Länderregierungen einen Gesetzentwurf beschlossen, der die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare vorsieht. Die Regierung dagegen hat einen Entwurf vorgelegt, der vereinzelt Angleichungen des Rechts für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften vorschlägt.

Keine Öffnung der Ehe.

Letzten Montag wurden diese beiden Positionen vor dem Rechtsausschuss diskutiert.

Dabei ist es laut Berichten weniger um den Entwurf der Regierung sondern mehr um die Frage nach der Notwendigkeit der Änderung der Verfassung gegangen, wobei sich die meisten Sachverständigen dafür aussprachen. Ihrer Meinung hat sich der Begriff von Familie und Ehe gewandelt und Ehe könne auch nicht mehr ausschließlich an der Fortpflanzungsoption fest gemacht werden.

Für die laut Aussage der Opposition nicht ausreichenden und oberflächlichen Bereinigungen des Rechts, wie von der Regierung vorgesehen, wäre nur eine einfache Mehrheit im Bundestag nötig.

Für die Änderung des Artikel 6 des Grundgesetzes zur Regelung der Eheschließung, wäre eine Zweidrittelmehrheit sowohl im Bundesrat als auch im Bundestag nötig.

Die SPD hat sich für die Verfassungsänderung offen gezeigt, CDU und CSU sind bis auf wenige Ausnahmen dagegen.

Ohne die Zustimmung der CDU/CSU Fraktion kann die Zweidrittelmehrheit allerdings nicht zustande kommen, da sie mit 310 Sitzen der SPD und der Opposition mit ihren 256 Sitzen deutlich überlegen ist.

Lange Rede, kurzer Sinn:

Es gab also eine breite öffentliche Debatte und mit Sicherheit sehr hilfreichen Rückhalt für Menschen, die sich aufgrund ihrer Sexualität ungerecht behandelt fühlen. Auch die Tatsache, dass es überhaupt Gesetzentwürfe zur Überarbeitung des Gesetzes in diesem Bereich gibt, ist ein Fortschritt.

Aber nur ein sehr kleiner.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Gesetzentwurf der Länder zur Öffnung der Ehe in überschaubarer Zukunft beschlossen wird, ist unwahrscheinlich. Vermutlich bleibt es zunächst bei den Alibi-Änderungen, die von der Regierung vorgeschlagen wurden. Und damit steht Deutschland was Toleranz und Offenheit anbetrifft im internationalen Vergleich wieder hinten an.

Deshalb ein Plädoyer:

Für die Öffnung der Eheschließung, für die Gleichberechtigung und für jede unterstützenswerte Bewegung, die nach dem großen Hype wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet.

Für weniger Vergessen, weniger schlecht getarnte, narzisstische Selbstdarstellung und mehr ernsthaftes, ausdauerndes Engagement!

Auf dass die Regierung auch bald im modernen Zeitalter ankommt.

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