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04/11/2015 04:38 CET | Aktualisiert 04/11/2016 06:12 CET

Wieso wegen der Generation Y nicht die Welt untergeht

Thinkstock

Ich kann es nicht mehr hören.Und vor allem lesen.

Meine Generation, die Generation Y ist ja so verkommen: Wir gucken nur noch auf Bildschirme und uns nicht mehr in die Augen. Während wir in der digitalen Welt nach Likes hecheln, geht das echte, wahre Leben an uns vorbei.

Wir wollen alles möglichst schnell und uns dabei so wenig wie möglich binden. Bloß keine Nähe zulassen. Schneller Sex, keine Liebe. Und deswegen sind wir alle einsam und allein und grundunglücklich sowieso. Und wer nicht unglücklich ist, der hat nur noch nicht verstanden, wie verrottet er innerlich ist. Verdrängung nennt man das dann.

Dieses pathetische, besserwisserische Selbstmitleid nervt unfassbar. Ich habe keine Lust mehr, mir sagen zu lassen, wie unglücklich ich bin.

Deswegen eine Bestandsaufnahme:

Drei Gründe, wieso die Welt doch nicht an unserer Generation und ihren Marotten untergeht.

1. Soziale Netzwerke sind nicht der Teufel!

Auch wenn uns grade jetzt ein australisches Instagram-Model versucht, das Gegenteil mitzuteilen versucht und uns die ganze Falschheit und zerstörerische Kraft der digitalen Welt vorhält.

Ganz sind soziale Netzwerke nicht mehr aus dem alltäglichen Leben wegzudenken. Gleiches gilt für Smartphones und Whatsapp. Es geht doch aber nur darum, wie man mit der ständigen Vernetzung umgeht.

Und dabei ist es doch denkbar einfach. Wenn man nicht jeden seiner Schritte öffentlich macht, macht man sich auch nicht von den Meinungen und Likes anderer Menschen abhängig. Wenn man die Netzwerke primär zur reinen Kommunikation und weniger zur Selbstdarstellung nutzt, muss man auch nicht online in Tränen ausbrechen, weil man unter dem selbst aufgebauten Druck zusammenbricht. Und wenn man nicht hundert Fotos am Tag postet, hat man auch noch ein reales Leben.

2. Pech in der Liebe heißt nicht gleich beziehungsunfähig!

In den letzten zwei Jahren sind fünf Beziehungen in meinem näheren Umfeld in die Brüche gegangen. Sieben neue sind entstanden. Eine davon sogar durch die App Tinder. Mein Facebook-Newsfeed ist voller Hochzeitsfotos. Zwei Bekannte haben ihre Partner während ihres Auslandsaufenthaltes getroffen. Ich bin seit bald drei Jahren Single. Was sagt uns das?

Kann man länger als drei Monate Single sein, ohne emotional verkrüppelt zu sein? Ja! Sind junge Leute heute vielleicht vorsichtiger, sich auf eine feste Beziehung einzulassen, wenn Auslandsaufenthalte und Praktika in verschiedenen Städten anstehen? Ja! Verlieben sich Leute trotzdem Hals über Kopf und geben einen Dreck auf Vorsicht? Ja! Heiraten Menschen nicht mehr bis sie höchstens 22 sind? Ja!

Und, ich kann es gar nicht genug betonen, das ist vollkommen okay! Nur weil Menschen offener damit umgehen, dass Sex außerhalb fester Beziehungen ebenfalls befriedigend sein kann, und es oberflächliche Dating-Apps wie Tinder gibt, heißt das nicht, dass man mit dem Wort Beziehungsunfähigkeit Panik verbreiten muss.

3. Alleine und anonym sein sind völlig verschiedene Dinge!

Ich mag es, den ganzen Tag mit niemandem zu sprechen, Filme zu schauen und zu schreiben. Ich sitze während der Zugfahrt zu meiner Universität am liebsten alleine, mit Kopfhörern auf und der Musik bis zum Anschlag aufgedreht.

Ich laufe alleine durch die Straßen meiner Stadt und genieße es, im Nieselregen durch kleine, verschlafene Straßen zu laufen und nur Eindrücke aufnehmen zu können. Ich kann durch Menschenmassen laufen, niemanden kennen und froh dabei sein. Ich bin manchmal gerne und mit voller Überzeugung. alleine. Nicht einsam. Aber alleine.

Aber ich falle auch meiner Mutter am Flughafen um den Hals, wenn sie mich besuchen kommt. Ich vermisse Freunde und weiß, dass bei unserem nächsten Wiedersehen alles wie immer sein wird. Ich finde neue Freunde und bedauere jetzt schon, dass unser gemeinsames Semester bald zu Ende ist. Ich reise alleine durch Zagreb und werde dann von einem Taxifahrer gefahren, der deutsch spricht. Und habe dann die unterhaltsamste Taxifahrt meines bisherigen Lebens.

Alleine mit sich zufrieden zu sein, scheint heutzutage ja besonders angsteinflößend und wenig erstrebenswert zu sein. Dabei muss man nur mit sich selbst genug im Reinen sein, um seine eigene Gesellschaft auch genießen zu können. Und nicht davor wegzulaufen.

Vielleicht verdränge ich ja nur alle meine Probleme, aber:

Ja, ich bin glücklich!

Und wenn ich das nächste Mal wieder einen Artikel lese, der mich vom Gegenteil überzeugen will, dann kriegt der Autor von mir ein so unglaublich hyperglückliches Feedback, dass er Regenbogen kotzt.

Video: Überempfindliche und unglückliche Kinder: Generation selbstverliebt: Eltern ziehen Scharen von kleinen Narzissten groß

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