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08/12/2015 10:32 CET | Aktualisiert 08/12/2016 06:12 CET

Die brutale Wahrheit: So arbeitet Eva als Prostituierte

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Sie wirkt unsicher. Fast schon nervös. Vorsichtig streckt sie mir die Hand entgegen, als sie den Raum betritt. „Ich bin Eva", sagt sie leise. Eva trägt durchsichtige Strümpfe, einen engen, knappen Rock und ein Oberteil mit Leopardenmuster. Auf ihren Schultern liegt ein schwarz-glänzender Bolero. Eva ist 67 Jahre alt.

Wer sie auf der Straße treffen würde, hielte sie mit ihren weißblonden Locken, ihrem ruhigen Auftreten und freundlichen Blick für eine ganz gewöhnliche Frau, die ihre Rente bezieht und ein Leben führt, wie Millionen andere Deutsche in dem Alter.

Aber Eva arbeitet als Prostituierte.

Ich setze mich auf das Sofa, Eva nimmt vorsichtig neben mir Platz. Sie wirkt extrem schüchtern, wenn sie redet senkt sie den Kopf, blickt auf den Boden. Gegenüber steht ein großes Bett, auf dem Nachttisch daneben liegen ein paar Kondome und eine Rolle Küchentücher.

Dreimal die Woche kommt Eva hierher nach Berlin-Neukölln, mitten in eine unscheinbare Wohngehend. Das Bordell besteht aus einer ganz normalen Wohnung mit drei Zimmern und einer Küche. Dreimal die Woche bessert Eva hier ihre Rente auf.

„Ich kriege nicht viel Rente. Mit dem bisschen, was ich bekomme und all den Abzügen, davon kann niemand leben", sagt sie.

Wie viel ihr genau übrig bleibt, erzählt sie mir nicht. Aber sie erzählt, wie viel der Nebenjob im Bordell ihr bringt: 150 Euro. Im Monat. Dafür verbringt sie rund 100 Stunden im Bordell - manchmal mit Kunden, häufig aber auch einfach auf den nächsten Kunden wartend.

„Mal läuft es, mal sitze ich hier tagelang, wochenlang, ohne einen einzigen Kunden. Dann gehe ich jeden Abend mit nichts nach Hause. Außer Elke, die Bordellbetreiberin, gibt mir mal ein Abendessen ab. Große Sprünge kann ich damit aber so und so nicht machen."

Ist es das wirklich wert?

„So kann ich mir mal einen Friseur gönnen. Einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt oder ein paar neue Strümpfe. Ich gehe anschaffen, um zu überleben, ja. Aber auch, um mir diese kleinen Dinge zu leisten", erklärt sie.

Im Alter arm, obwohl sie ihr Leben lang hart geschuftet hat. Nicht nur Eva ergeht es so. Die Zahl der Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit ihrer Rente und dem Ersparten nicht bestreiten können, steigt seit Jahren. Über eine halbe Million alte Menschen sind derzeit auf die sogenannte Grundsicherung angewiesen, das heißt der Staat stockt ihre Rente auf das Niveau von Hartz IV auf.

Doch wohl nur ganz wenige von ihnen verdienen sich etwas zur kargen Rente hinzu, indem sie anschaffen gehen.

Eva hält kurz inne. Und dann sagt sie etwas, das mich zum Nachdenken bringt: "Eben genau mit diesen kleinen Dingen erhalte ich mir meine Würde. Auch wenn das, womit ich mein Geld verdiene, für manche Menschen würdelos ist."

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum sich Eva drei Mal in der Woche auf den Weg nach Neukölln macht. Er ist ebenso schlimm wie die Geldnot, vielleicht sogar schlimmer.

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Blick auf den Wartebereich im Bordell, (Credit: Sophia Maier)

Eva hatte früher ein anderes Leben. Es war ein normales Leben, vor der Prostitution. Sie hatte einen Ehemann, Kinder und später sechs Enkelkinder, machte ihr Examen in der Altenpflege. Sie hatte zumindest genug, um ein Teil unserer Gesellschaft zu sein.

Doch dieses normale Leben endete schlagartig. Sie verließt ihren Mann („er war nicht gut zu mir"). Mehr will Eva über diese Zeit nicht erzählen. Aber der Blick in ihre Augen verrät, dass es schlimm gewesen sein muss. Und demütigend.

Auch ihren damaligen Job in der Altenpflege verlor sie, sie fand keinen neue Anstellung. „Es gab nichts mehr für mich. Auf dem Arbeitsmarkt nehmen sie ja lieber jüngere Leute."

Mit 65 entschied sich Eva, anschaffen zu gehen. Es war eine große Überwindung.

„Ich war eigentlich gar nicht der Typ für so etwas", sagt sie. „Ich bin still, brauche Zeit, um mich auf fremde Menschen einzulassen."

Aber es will auch nicht jeder Kunde Sex von ihr. Manche wollen nur sprechen, sich in ihre Arme legen. „Vor allem junge Männer suchen die Geborgenheit", erklärt sie.

Eva versuchte einige Zeit, sich mit anderen Jobs die Rente aufzubessern. Doch sie scheiterte. „Für Menschen in meinem Alter gibt es nur ehrenamtliche Jobs, die nicht bezahlt werden."

Aber Eva kommt nicht nur wegen des Geldes nach Neukölln. „Ich bin hier nicht allein. Vor ein paar Jahren hatte ich einen Schlaganfall, da war ich mutterseelenallein. Genauso wie heute. Aber hier wird auf mich aufgepasst. Wir Frauen sind eine Gemeinschaft", sagt sie. Ihre Augen glänzen. Dann weint sie.

Evas Geschichte ist nicht nur eine Geschichte über Altersarmut, sondern auch von Armut an Gesellschaft; von Einsamkeit, vom Alleinsein im Alter. Und von einem ungewöhnlichen Weg, dieses Alleinsein erträglicher zu machen.

„Ich hoffe, dass ich später auch noch zum Kaffee trinken kommen darf. Wenn ich zu alt für den Job bin", sagt sie.

Bevor ich aufstehe, möchte ich Eva noch eine letzte Frage stellen. Inzwischen spricht sie offener mit mir.

Ich frage: „Was wünscht du dir für deine Zukunft?"

„Ich wünsche mir, dass es auf der Welt wieder mehr Courage gibt. Dass die Menschen wieder friedlicher miteinander umgehen", sagt sie.

Ich stelle ihr noch mal die gleiche Frage. Nach ihrer Zukunft. Nach ihrem Leben.

Sie überlegt. „Ein schönes Weihnachtsfest für alle Menschen und meine Frauen hier", antwortet sie schließlich.

Ich setze erneut an: „Angenommen dieser Wunsch geht in Erfüllung. Was wünschst du dir nur für dich, für dein Leben?"

„Dass ich zur Ruhe komme. Und ich will mal ins Kino gehen können. Und tanzen." Sie wischt sich mit dem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht. Auf ihrem Mund ist jetzt ein Lächeln.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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