BLOG
11/11/2015 08:01 CET | Aktualisiert 11/11/2016 06:12 CET

Ich wollte nie glauben, dass bei Pegida normale Bürger sind. Bis ich eine von ihnen war

dpa

Normalerweise stehe ich hinter der Absperrung, die mich von den Wutbürgern trennt. Ich bin die, die ganz vorne steht. Ich bin die, die ihre mit Rechtschreibfehlern gespickten Plakate liest und in ihre verbitterten Gesichter schaut. Und ja, ich gehöre auch zu denen, die ruft "Nazis raus".

Doch dieses Mal wollte ich es anders machen, bei der besonders denkwürdigen Pegida-Demo vergangenen Montag.

Es ist kurz nach 19 Uhr, als ich entscheide, die Seiten zu wechseln. Also klettere ich auf die andere Seite der Absperrung.

Ich will den Anhängern näher kommen. Ja, vielleicht will ich sogar verstehen, was diese Menschen dazu bewegt, sich entgegen aller Buhrufe von tausenden Menschen in der Öffentlichkeit zu zeigen - und zwar nicht nur ihr Gesicht. Sondern vor allem ihre Gesinnung, ihren Unmut.

Doch das, was ich in den Stunden darauf erlebe, ist noch schlimmer. Viel schlimmer als alles, was ich erwartet hatte. Was ich sehe, hat nichts mit Hetze gegen Ausländer und Flüchtlinge zu tun.

Höchstens 100 Menschen stehen mit mir auf der anderen Seite der Absperrung. Die meisten von ihnen wirken völlig harmlos, fast schon normal.

Sie versammeln sich ums Rednerpult. Ein Mann spricht, kritisiert die Polizisten um ihn herum, sie seien nicht in der Lage, ihre Versammlungsfreiheit zu gewähren. Schließlich handle es sich hier um eine friedliche und demokratische Zusammenkunft.

Ich nähere mich der Menschenmenge, ziehe mein Smartphone aus der Tasche. Erst knipse ich nur Bilder, verhalte mich unauffällig, versuche die Sätze auf den Plakate zu fotografieren.

„Überfremdung ist Völkermord" steht auf dem Plakat einer alten Dame, das sie ordentlich an einem Stock befestigt an. Sie wirkt stolz, während sie überzeugt die Botschaft in den Himmel hält.

pegida

Als ich es dann endlich schaffe, das Plakat scharf vor die Linse zu bekommen, drängen sich zwei ältere Pegida-Damen dazwischen. Sie versperren mir mit ihrem Plakat die Sicht, auf dem sie Verse aus der Bibel zitieren.

„Lügenpresse", brüllt mich die eine an.

Mist. Sie haben mich enttarnt.

Die andere schaut mich mit funkelnden Augen an. „Du bist böse. Soooo böse!", flüstert sie und kommt dabei dicht an mein Ohr. Dann schlägt sie mir mit voller Wucht den Holzstock des Plakats auf meinen rechten Fuß, während sie den Stock weiterhin umklammert und mich mit ihren Augen fixiert.

Im gleichen Moment stimmen die Pegida-Anhänger ein Lied für Deutschland an.

Ich positioniere mich in sicherer Entfernung direkt hinter der Meute - beginne zu filmen. Ich kann nur wenige Sekunden aufnehmen, bis sich mir ein jüngerer Mann nähert.

Schnell nehme ich das Handy nach unten, versuche, es rechtzeitig in meiner Jackentasche verschwinden zu lassen.

„Bist du von der Lügenpresse?", raunzt er mich an. „Nein, ich bin von der Huffington Post", erwidere ich. Er kommt bedrohlich nah an mich heran. Ich werde unsicher. Ich mache ihm sofort klar, dass auf meiner Aufnahme keine Gesichter zu erkennen seien. Dass ich nur das Lied aufnehmen wollte. Dass ich es nicht veröffentlichen werde.

pegida

Doch er kommt noch näher. Ganz nah, mit seinem Gesicht an meines. Ich spüre seinen Atem und ekle mich ein bisschen.

„Süße", sagt er, "wenn ich Aufnahmen von dir auch nur irgendwo sehen werde, egal wo - dann werde ich dich finden. Das verspreche ich dir. Und wenn ich dich finde, dann werde ich etwas mit dir machen."

Ich gehe einen Schritt zurück. Ich habe Angst - und er sieht mir das an. „Du brauchst keine Angst zu haben", sagt er. "Ich werde dir keine Gewalt antun".

„Sondern", frage ich leise. „Wenn ich dich finde, werde ich etwas ganz anderes mit dir machen. Und das wird dir vielleicht sogar Spaß machen." Dabei grinst er mich breit an.

Ich möchte mich übergeben.

Nein. Ich habe an diesem Abend nicht herausfinden können, warum diese Menschen so ängstlich sind. Warum sie hassen und hetzen.

Ich habe auch nicht herausfinden können, wer Pegida ist. Die Frauen mit den böse funkelnden Augen? Oder der widerliche Kerl, der mich bedrohte?

Manche werden jetzt sagen: Das sind nur eine einzelne Geschichten, individuelle Begebenheiten. Und das stimmt. Denn nicht jeder Pegida-Demonstrant ist ein Nazi, genauso wenig wie jeder ein widerwärtiger Belästiger ist.

Aber entscheidend ist: Auch die Menschen, denen ich dort begegnet bin, sind Pegida. Menschen, die sich offensichtlich im Recht dazu fühlen, andere körperlich zu verletzen - weil man zur „Lügenpresse" gehört oder einfach nur nicht ihre Gesinnung teilt. Oder die eine junge Frau sexuell belästigen - die damit drohen, sie aufzusuchen und zu vergewaltigen.

Plötzlich gibt es immer mehr solcher Menschen in Deutschland. Sie leben ihre Gewaltfantasien aus und bekommen dafür noch Applaus. Wo soll das hinführen?

Am Ende des Abends bin ich entsetzt, erschüttert, ratlos.

Mir war klar, dass es solche Menschen in Deutschland gibt. Auf einmal zeigen sie sich ganz offen und unverstellt.

Ja, es gibt Meinungsfreiheit in Deutschland. Ja, nicht jeder muss Zuwanderung und Flüchtlinge gut finden. Wir sind ein freies Land.

Doch dieses Erlebnis hat nichts mehr mit Flüchtlingspolitik, ängstlichen Mitmenschen oder Abstiegsangst zu tun.

Das ist die eklige Fratze von Pegida. Der müssen wir ins Gesicht schauen.

Auch auf HuffPo:

Peinlich: Das sind die 5 größten Blamagen in einem Jahr Pegida

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite