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22/12/2015 10:37 CET | Aktualisiert 22/12/2016 06:12 CET

Was ich in einer Notunterkunft gesehen habe, hat mich beschämt

Sophia Maier

Vor elf Tagen erst kam sie mit ihren beiden Kindern in der Notunterkunft im Münchner Osten an. In der Ecke des 14-Quadratmeter-Zimmers steht ein kleiner, grauer Koffer, gefüllt mit allen Habseligkeiten der Familie. Die Wände sind kahl, der Raum spärlich eingerichtet: Betten, Kleiderschrank, kleines Bad. Das ist das neue Zuhause der jungen Familie.

Julia ist kein Flüchtling - und doch hat ihre Geschichte viel mit der aktuellen Flüchtlingskrise zu tun. Julia ist Deutsche, und sie ist arm. So arm, dass sie ihren Kindern nicht einmal Weihnachtsgeschenke kaufen kann.

Und Julia fühlt sich im Stich gelassen. Von ihrer Familie, von ihrem Lebensgefährten, der sie schlecht behandelt hat, von Angela Merkel und von unserem Land. Je länger ich mit ihr spreche, desto mehr verstehe ich das gigantische Problem, vor dem unser Land steht.

Ich sitze ihr gegenüber auf dem Bett. Sie ist abgemagert, ihre strengen Gesichtszüge wirken nicht wie die einer 29-Jährigen. Sie sieht schwach aus, fast schon gebrechlich.

Doch wenn sie über ihr Leben spricht, klingt sie entschlossen. Entschlossen das zu thematisieren, was sie bewegt.

Schnell sind wir bei der Flüchtlingskrise. Bei den Brandanschlägen auf Asylbewerberheime und rechtsextreme Aufmärsche. All das findet sie nicht gut.

Dennoch würde sie gern etwas sagen, sagt sie.

Ich ahne, was kommt.

„Wenn ich sehe, dass Flüchtlingsfamilien umsonst in den Zoo dürfen, dann bin ich traurig und wütend", sagt sie. "Auch ich würde gerne mit meinen beiden Kindern in den Zoo, wir haben aber kein Geld dafür". Sie sieht verbittert aus, während sie das sagt.

Ich hake ein, um zu sagen, dass das so nicht stimmt. Aber sie redet einfach weiter. Über die vielen Helfer, die sich gerade um Flüchtlinge kümmern. Die privat organisierten Ausflüge für Flüchtlingsfamilien oder die vielen Kleiderspenden.

"Das macht mich wütend, weil man als deutsche Familie für alles zahlen muss."

Sie redet und redet. Dabei würde ich gern erklären, dass die Flüchtlinge aus schrecklicher Armut und aus Krieg geflohen sind. Ich möchte ihr ausreden, wütend zu sein. Ihr sagen, dass es doch gar keinen Grund dafür gibt. Sie doch verstehen muss, dass wir diesen Menschen helfen müssen.

Aber sie lässt mich nicht zu Wort kommen.

„Die Flüchtlinge kriegen vieles umsonst", sagt sie. "Das macht mich wütend, weil man als deutsche Familie für alles zahlen muss".

Julia, ihr dreijähriger Sohn und ihre fünfjährige Tochter leben von etwa 1000 Euro im Monat. Davon müssen sie Lebensmittel, Kleidung, Busfahrten und vieles andere zahlen. Für einen spontanen gemeinsamen Ausflug, geschweige denn einen Urlaub, bleibe da kaum was übrig.

Um sich und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, macht Julia inzwischen eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement. Aber sie fragt sich, ob das spätere Gehalt für eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern reicht.

Julia weiß, dass es vielen Deutschen noch schlechter geht als ihrer kleinen Familie. Den Menschen auf der Straße, die jeden Tag und jede Nacht frieren und hungern, weil sie kein Dach über dem Kopf haben.

Und während sie spricht, komme ich ins Nachdenken.

Ich habe ihre Aussagen als stumpfe Hasskommentare abgetan.

Ich hatte nie verstanden, warum einige Deutsche gerade so wütend sind. Ich habe mich geärgert, wenn ich in den Facebook-Kommentarspalten wütende Sätze las wie „Und was ist mit den armen Deutschen?!" oder „Wir sind auch noch da!".

Aber vielleicht hätte ich früher mit diesen Menschen reden sollen?

Nun verstehe ich sie etwas besser. Ich teile ihre Meinung nicht. Viele Schlussfolgerungen halte ich für falsch. Aber das spielt hier keine Rolle.

Julia hasst keine Fremden. Sie sieht ein, dass die Flüchtlinge in Not sind.

Aber das ändert nichts an ihrer Lage.

Was dieser Tage oft weniger beleuchtet wird: In Deutschland leben Abertausende Menschen in Angst vor einem sozialen Abstieg. Oder Menschen, die wie Julia, jeden Tag ums Überleben kämpfen.

Auch ich habe sie Wutbürger genannt. Ich habe ihre Aussagen als stumpfe Hasskommentare abgetan.

Ich habe aber nicht richtig zugehört. Solange, bis ich auf dem Bett in diesem kargen 14-Quadratmeter-Raum saß.

Es ist falsch, die Sorgen und die Wut von Menschen wie Julia mit dem Hass der Rechtsradikalen gleichzusetzen. Wir tun ihnen damit Unrecht.

Es ist falsch, sie pauschal zu verurteilen. Denn genauso wie die Flüchtlinge, müssen wir auch die Zurückgelassenen wie Julia in die Mitte unserer Gesellschaft integrieren. Ohne sie werden wir diese gigantische Aufgabe nicht bewältigen.

"Alle sollen in den Zoo dürfen."

Bevor ich aufstehe, sagt Julia noch einen Satz:

„Ich wünsche mir Gleichbehandlung. Es soll den Flüchtlingskindern genauso gut gehen wie meinen Kindern. Alle sollen in den Zoo dürfen."

Vielleicht ist das längst so. Dann ist es aber bei Julia nicht angekommen. Und das zeigt, wie dringend wir über das Thema reden müssen.

Vielleicht müssen wir nun, mit genau so viel Engagement, die Zurückgebliebenen in unserem Land mitnehmen.

All das geht mir in dem kargen Zimmer von Julia durch den Kopf.

Und während ich nach dem Termin durch das sonnige München gehe, denke ich noch: Nach allem, was wir diesen Sommer geschafft haben, wird uns auch diese weitere Integrationsaufgabe gelingen. Wir müssen nur endlich damit beginnen.

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