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14/10/2015 11:08 CEST | Aktualisiert 14/04/2017 13:24 CEST

Ich ließ vier Flüchtlinge bei mir wohnen – es machte mich glücklich

dpa

„Dann nimm doch eine Flüchtlingsfamilie auf, du Gutmensch." Ja, diesen Satz habe ich mir von Freunden und Bekannten in Diskussionen über die Flüchtlingssituation oft anhören müssen. Viel zu oft.

Weil ich die Ängste der Menschen um mich herum nicht verstehen will. Weil ich Seehofers Flüchtlingspolitik für gefährlich halte. Und weil ich es ekelhaft finde, wie wir in der öffentlichen Diskussion Kriegsflüchtlinge als legitime Geflohene, aber Wirtschaftsflüchtlinge als Schmarotzer degradieren.

Die Forderung ist Schwachsinn. Sie ist nur der müde Versuch, tolerante Menschen zum Schweigen zu bringen. Man kann Flüchtlingen auf viele Arten helfen und niemand wird gezwungen, seine Wohnung mit ihnen zu teilen. Auch nicht die „besorgten Bürger".

Vor wenigen Wochen ist es doch passiert: Ich nahm vier bei mir zu Hause auf. Und ich werde nie vergessen, was das mit mir gemacht hat.

Marija, Predag, Velko und Marco kommen aus Serbien. Sie sind Roma und werden in ihrem Heimatland diskriminiert. Ich habe sie bei einer Hilfsaktion für Flüchtlinge in Berlin kennengelernt. Wir tauschten Nummern aus. Ich versprach Marija, dass sie sich immer melden könne, falls sie Hilfe brauche.

Dass sie wenige Tage später mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen völlig aufgelöst und halb erfroren vor meiner Tür stehen würde, hätte ich niemals erwartet.

Die Familie hatte keinen Schlafplatz mehr. 18 lange und kalte Stunden zogen sie mit ihren wenigen Habseligkeiten von Unterkunft zu Unterkunft. Alle weigerten sich, die Familie aufzunehmen. Wir sind überfüllt, hieß es. Auf der Polizeistation wurden sie wieder weggeschickt. „Verpisst euch, ihr habt hier nichts verloren. Haut endlich ab!", schrie der Beamte die Familie an. Und ja, das habe ich mit meinen eigenen Ohren gehört, weil Marija in diesem Moment mit mir telefonierte.

Das System hatte offensichtlich versagt. Und ich musste mich entscheiden, ob ich mich darüber empöre und die Schuldigen suche - oder ob ich der Familie einfach ein Zuhause schenken möchte.

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Ich beschloss, sie aufzunehmen. Ich wollte diesen Menschen beweisen, dass es in Deutschland nicht nur Vollidioten gibt, die Brandsätze auf Flüchtlingsheime werfen. Sondern auch gute Menschen. Und dass sie keine Angst vor den Deutschen haben müssen.

Mir war nicht bewusst, dass auch ich mich in dieser Zeit verändern würde. Sehr. Mir wurde zum Beispiel bewusst, wie viele Dinge ich als selbstverständlich sehe. Obwohl sie es nicht sind.

Ich habe die beiden Jungs erst in die Badewanne gesteckt. Sie waren von den Strapazen des Tages komplett durchgefroren. Und die Erlebnisse der letzten zwei Monate haben sie schwer traumatisiert. Nicht nur, weil sie still, fast schon verstört waren. Ich konnte den Schmerz auch in ihren Augen sehen.

Die Familie lebte in einer Berliner Notunterkunft mit 300 anderen Flüchtlingen. Eine Unterkunft, in der Flüchtlinge eigentlich nur wenige Tage bleiben sollen. Sie lebten dort ohne Beschäftigung, ohne fließendes Wasser, ohne Türen. Und vor allem ohne Privatsphäre.

Ich sah, wie dankbar die Kinder waren. Nur weil sie jetzt in einer Wohnung leben durften. Marco fasste alles an, was er zum Greifen bekam. Er staunte, er untersuchte, er war einfach fasziniert.

Zuerst entdeckte er den Wasserhahn. Er drehte ihn auf, ließ den kalten Wasserstrahl über seine kleinen Hände laufen. Er war so unfassbar glücklich und hörte nicht mehr auf zu lachen. Einfach nur, weil er fließendes Wasser spürte. Es sah aus, als würde er die Welt zum erstem Mal entdecken.

Sein Bruder Velko fand Gefallen an der Schlafzimmertür. Er machte die Tür auf, dann machte er sie wieder zu. Auf und zu, immer wieder. Nicht, weil ihm langweilig war.

Er genoss dieses Gefühl: Eine Türe zum Abschließen. Ein eigener Raum. Für ihn, für seinen Bruder und für seine Eltern. In der Unterkunft trennte ihn nur ein dünner Vorhang von den hunderten weiteren Flüchtlingen. Keine Privatsphäre, keine Normalität. „Jede Familie braucht eine Tür", sagte er in gebrochenem Englisch.

Auch Marija und ihr Mann Predag wirkten erleichtert. Die Zeit bei mir befreite sie von dem Gefühl der absoluten Nutzlosigkeit der letzten Wochen. Endlich.

Marija kochte serbische Spezialitäten, machte das Geschirr, wischte den Tisch. Ich konnte sie nicht davon abhalten. „Sophia, bitte lass mich. Endlich darf ich wieder etwas tun. Ich bin so dankbar." Dankbar für Dinge, die uns nerven. Auf die wir keine Lust haben, über die wir uns andauernd beschweren.

Ihr Mann Predag fegte die Terrasse, brachte den Müll weg. Einfach so, ohne Aufforderung. Weil er sich endlich wieder nützlich und wertvoll fühlen wollte. Wir konnten uns nie unterhalten, weil er kein Englisch sprach. Aber die Tränen in seinen Augen waren Botschaft genug.

Nachdem wir die Kinder ins Bett brachten, saßen wir spätabends am Tisch zusammen. Wir sprachen viel, wir lachten und weinten zusammen. Ich fragte Marija nach ihrem größten Wunsch für sich und ihre Familie.

Sie griff vorsichtig nach meiner Hand auf dem Tisch und schaute mir in die Augen: "Sophia, alles, was ich will, ist ein kleiner Raum für meine Familie. Ein Tisch, an dem wir zusammen essen können. Ein Bett, in dem wir gemeinsam kuscheln können. Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um Millionär zu werden. Ich bin gekommen, um ein Mensch sein zu dürfen. Ein Mensch, der glücklich ist."

Und das ist doch eigentlich der verständlichste Wunsch, den ein Mensch nur äußern kann - egal, woher er kommt. Egal ob Deutscher, Syrer oder Wirtschaftsflüchtling. Ein glücklicher Mensch sein zu dürfen und ein besseres Leben anzustreben. Danke Marija, dass du mich daran erinnert hast.

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