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24/10/2015 08:15 CEST | Aktualisiert 18/02/2017 09:39 CET

Ein Afghane erhoffte sich in Deutschland das Paradies. Stattdessen fand er das

dpa

Mozamel weiß, dass viele Menschen in Deutschland Angst vor den nächsten Jahren haben. Sie haben Angst, dass die Integration misslingen wird. Und auch die deutschen Politiker scheinen ihren Optimismus verloren zu haben. CDU-Mitglieder schreiben einen Brandbrief an die Kanzlerin, Seehofer kritisiert den Umgang mit Balkanflüchtlingen und inzwischen fordern auch die zuwanderungsbegeisterten Grünen die Begrenzung von Flüchtlingszahlen.

Ich habe mit Mozamel aus Afghanistan gesprochen. Darüber, wie die Stimmung in Deutschland gegenüber Flüchtlingen kippt.

Mozamel glaubt, dass etwas schief läuft in Deutschland. Deswegen will er seine Geschichte erzählen. Und er hat eine Botschaft an all die Politiker. Aber auch an die "besorgten Bürger":

Mein Papa kam vor drei Jahren in euer Land. Weil Deutschland sein auserkorenes Land der Hoffnung war. Das Land für ein besseres Leben. Ein Land voller guter Menschen, die Flüchtlinge willkommen heißen und mit offenen Armen empfangen. Das hörte er zumindest.

Er hat vieles auf sich genommen, um diese Hoffnung wahr werden zu lassen. Ich weiß nicht, wie er den langen Weg von Afghanistan bis nach Deutschland geschafft - geschweige denn überlebt hat. Er konnte wegen einer körperlichen Behinderung kaum laufen. Wir haben ihn auch nie gefragt, was er in den vielen Monaten der Reise übers Mittelmeer erlebt hat. Bis heute nicht.

Egal ob Afghane, Syrer oder Albaner - jeder, der diese Strapazen der Reise auf sich nimmt, das Zurücklassen von Geliebtem hinnimmt - der trägt eine Hoffnung in sich, die größer sein muss, als der Schmerz, die eigene Heimat hinter sich zu lassen. Und eine Zuversicht, in einem Land zu leben, in dem er willkommen ist.

Nachdem Papa endlich Deutschland erreichte, wartete ich mit meiner Familie zwei lange Jahre in Afghanistan, bis auch wir kommen durften. Ich hatte viel Angst in dieser Zeit. Todesangst. Wir wurden bedroht, zogen von Ort zu Ort, versteckten uns. Deswegen konnte ich über ein Jahr nicht zur Schule gehen. Es war die härteste Zeit meines Lebens.

Ich sehnte mich in diesen Jahren danach, keine Angst mehr haben zu müssen. Deutschland bedeutete auch für mich Hoffnung. Genau wie für Papa. Jetzt bin ich endlich da und es ist alles anders als ich erwartet hatte.

Die Stimmung hat sich in den vergangenen Monaten in Deutschland verändert. Die Menschen lächeln seltener, wenn sie mir auf der Straße begegnen. Flüchtlingsheime brennen, tausende Menschen treffen sich auf Plätzen und brüllen Parolen gegen uns. Als ich vor einem Jahr kam, da haben sie noch „Willkommen" gerufen. Jetzt verschränken sie ihre Arme und wenden sich ab.

Haben sie Angst vor uns?

Ich zumindest habe inzwischen Angst vor Deutschland. Angst vor den Politikern, die so schnell ihre Meinung über uns und unsere Zukunft in ihrem Land ändern.

Ich möchte euch sagen: Wenn ihr in einem ersten Schritt Menschen willkommen heißt, dann kümmert euch anschließend um sie. Ändert nicht eure verdammte Meinung. Sondern versucht, eine Lösung für diese Menschen zu finden. Eine menschenwürdige Lösung.

Ihr steht in der Verantwortung, deutsche Politiker. Wie kann es sein, dass ihr in wenigen Wochen eure Meinung so radikal ändert? Ihr habt uns noch vor wenigen Monaten versprochen: Ihr seid willkommen. Wir geben euch einen sicheren Ort. Ich verstehe nicht, warum ihr - und ja, auch die Deutschen - eure Ansichten so schnell ändert. Warum ihr eure „Willkommen-Schilder" in die Ecke gelegt habt und davon sprecht, Zäune um euch herum zu bauen.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder ihr helft. Oder ihr verschließt eure Augen. Und wenn ihr uns helfen wollt - dann helft uns ohne irgendeine Bedingung und macht keine Ausnahmen.

Hört auf, uns nur als Problem zu betrachten. Lasst uns arbeiten, studieren, lasst uns teilhaben an eurer Gesellschaft. Das ist alles, was wir uns erhoffen.

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