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01/12/2015 04:58 CET | Aktualisiert 01/12/2016 06:12 CET

Buchauszug: Eine Spur aus Frost und Blut

Jupiterimages via Getty Images

In den Fenstern der Stadt brannten festliche Lichter. Die Bewohner warteten in ihren geschmückten Häusern auf den Heiligen Abend und kuschelten sich in die heimelige Geborgenheit ihrer Familien.

Nur noch eine Woche, dann würden sie Kerzen an den Bäumen entzünden, Weihnachtslieder singen, Gedichte aufsagen und Geschenke auspacken.

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»Gefüllte Mülltonnen, fette Bäuche und besoffene Eltern, die ihrer Brut Zucker in den Arsch blasen, statt ihr Liebe zu geben«, sagte die Alte, die allein zwischen den Häusern in der Dunkelheit stand und durch die Fensterscheiben spähte.

Eisige Kälte

Mit ihrem Erscheinen hatten sich minus fünfzehn Grad über die Stadt gelegt - ein eisiger Hauch, dem ein Seufzer folgte. Aber niemand konnten ihn hören, weil niemand ein Fenster öffnete, um in die stille Winternacht zu horchen. Wer nicht schnell genug zu Hause war, legte Mütze und Schal fest um den Kopf und rannte durch die Kälte.

Die Alte tat das nicht. Sie ging mit sehr langsamen, bedächtigen Schritten über den vereisten Gehweg, eine Spur aus Kälte und Frost folgte ihr auf dem Fuße. Ihr langer, dunkelgrüner Filzrock baumelte um die stämmigen Beine und wärmte sie.

Ihr Mantel war aus demselben Stoff, und eine schwarze Wollstola lag um ihre Schultern. Die grauen Haare trug sie zum Dutt gebunden, als würde sie verirrte Vögel einladen wollen, darin Zuflucht zu suchen, bevor sie in der Nacht erfroren.

Die Alte richtete die kleine runde Brille auf der knubbeligen Nase und senkte den Blick auf den Gehweg, der im schummrigen Licht der Straßenlaterne nur schwer zu erkennen war. Sie wusste weder wo sie sich befand, noch wie sie dort hinkäme, wo sie hinmusste.

Von weit oben sah die Stadt ganz anders aus, als wenn man mitten in ihr stand. Über die Jahrhunderte hatte sie vergessen, wie hart sich der Boden unter den Füßen anfühlte, und Müdigkeit drückte ihr aufs Gemüt und wollte sie zum Anhalten zwingen. Aber sie würde nicht ruhen, bevor sie ihr Ziel erreicht hatte.

Eine leise Melodie

Mit rissigen Lippen pfiff sie eine leise Melodie. Ihr Atem verteilte sich wie feiner Rauch in der eisigen Luft. Die unbestimmte Tonfolge hatte nichts mit Weihnachtsliedern gemein. Derartige Feiertage interessierten sie nicht. Als Jesus geboren wurde, hatte sie schuften müssen, und so war es auch all die Jahrhunderte davor und danach gewesen.

Wenn die Menschen in ihren Häusern saßen und Weihnachten feierten, hatte sie immer die meiste Arbeit. Aber sie war schon lange zu alt, um das alles allein zu bewältigen.

Gicht hatte ihre Finger versteift, das Greifen war zur Qual geworden, besonders das Wuchten der schweren Stoffe wollte ihr nicht mehr gelingen. Was nützte die Unsterblichkeit, wenn der Körper gebrechlich wurde? Sie sah sich schon eines Tages in einem Sessel in ihrem Haus sitzen, zu wenig mehr fähig, als zu atmen.

Also hatte sie ein Portal erschaffen, durch das Gehilfen zu ihr kommen konnten. Starke Männer, die ihr zur Hand gehen sollten, aber jeder einzelne hatte noch beim Durchschreiten der magischen Barriere den Verstand verloren.

Dann versuchte sie es mit Frauen - der Effekt war derselbe. Zu guter Letzt holte sie sich ein junges Mädchen, auch wenn sie sich nach all den Versuchen wenig Hoffnung machte. Doch das Mädchen verlor nicht den Verstand.

Es war neugierig und aufgeschlossen und hüpfte durch ihr Reich, als wäre es auf einem Ausflug in einen Zoo oder einen Park. Da es ihren richtigen Namen nicht aussprechen konnte, nannte es die Alte »Frau Holle«, was vage ähnlich klang. Dennoch fand die Alte Gefallen an diesem Namen und der Vorstellung, fortan nicht mehr allein zu sein.

Sie wollte sich erst wieder Gedanken über die Menschen machen, wenn Marie im hohen Alter gestorben wäre. Aber die Freude an ihrer kleinen Gehilfin währte nicht lange. Ein Winter verging, sie ließen es ordentlich schneien, aber dann welkte Maries kleine Seele.

Obwohl alles bestens lief, wurde das Mädchen immer trauriger. Sie wollte nach Hause, aber Frau Holle konnte sie nicht gehen lassen. Und eines Tages stürzte sie sich ohne ein Wort der Warnung auf die Erde hinab. Niemals würde Frau Holle den Anblick des kleinen Körpers vergessen, der auf dem harten Pflaster nahe ihres Elternhauses zerplatzt war.

Und so musste Frau Holle von vorn beginnen. Sie sicherte das Portal mit einem Schlüssel. Wer nun zu ihr wollte, musste bluten, damit nur jene durch die Barriere kämen, die als unschuldig und rein erkannt wurden.

All die Fehlversuche

Es war ihr zu anstrengend gewesen, all die Körper der Fehlversuche zu beseitigen. Und es funktionierte. Jedes Mädchen, das zu ihr fand, nannte sie »Marie«. Und wenn die Seelen zu welken begannen, musste sie die Mädchen wieder gehen lassen. Jungs kamen gar nicht erst durch die Barriere hindurch und ertranken jämmerlich in dem Brunnen, in dem der Durchgang versteckt lag.

Doch kaum hatte sie diese Lösung gefunden, wurden die Menschen zum Problem. Der Brunnen sollte zugeschüttet werden, um die Kinder zu schützen. Die einfältigen Menschen begriffen nicht, dass all das nur ihrem eigenen Wohl diente.

Wenn es nicht schneite, würde es regnen - aber erst dann, wenn die Kälte vorüber war. So lange, bis keine einzige Winterwolke mehr existierte. Die Menschen würden ertrinken und der Himmel sich das Wasser zurückholen.

Frau Holle hatte es mitangesehen. Als sie damals auf der Suche nach Gehilfen gewesen war, war ein Winter ohne Schnee verstrichen. Die darauf folgende Todesflut hatte nur den Brunnen und leere Häuser zurückgelassen. Mit den Jahren war das Dorf dann neu besiedelt worden.

Da war sie zum ersten Mal auf die Erde hinabgestiegen. Sie redete mit dem Dorfvorstand, verlangte, jeden Winter ein Mädchen zu bekommen, das sich dafür lediglich in den Finger stechen und in den Brunnen stürzen müsste.

Als Lohn versprach sie Gold. Bei Missachtung drohte sie mit Tod und Verderben. Es half, genügend Gold im Gepäck zu haben, um die Widerworte in Gier zu ersticken. Frau Holle war so freundlich gewesen, wie sie nur konnte, um nie wieder einen Fuß auf die Erde setzen zu müssen. Der Handel hatte Jahrhunderte funktioniert - viele Jahrhunderte lang.

Aber es war unbefriedigend, die Mädchen immer wieder gehen zu lassen und bei jeder neuen Marie von vorn anzufangen.

Frau Holle experimentierte weiter, als sie eine Marie so perfekt fand, dass sie sie unbedingt behalten wollte. Sie versuchte, ihr Unsterblichkeit zu schenken, damit die Seele nicht welkte. Aber wie sie es auch anstellte, nichts funktionierte. Ihre letzte Hoffnung war, dass das magische Tor, der Rosenbogen, der zurück in die Heimat der Mädchen führte, der Schlüssel sein könnte.

Während Marie fleißig die Betten ausschüttelte, verankerte Frau Holle die Entlohnung in Form flüssigen Golds in der Krone des Bogens. Sie schnitt sich in die Hand und verteilte ihr Blut mit der Gabe der Unsterblichkeit im Gold und zur Sicherheit auf dem magischen Rosenbogen. Es musste funktionieren.

Der Winter endete, und Marie stellte sich erschöpft unter die Krone des Rosenbogens. Es sah wunderschön aus, wie der zierliche Körper mit Gold übergossen wurde.

Staunen über den Reichtum

Auf der anderen Seite standen ihre Eltern und die Dorfbewohner und staunten über den Reichtum, der über das Mädchen floss. Doch bevor sie einen Schritt über die Schwelle setzen konnte, ergriff Frau Holle ihre Hand und wollte sie zurückziehen, während die Menschen auf der anderen Seite nur das Gold sahen und ebenfalls nach ihr griffen und an ihr zerrten.

Aber es gab kein Zurück. Das Portal ließ sie nur in eine Richtung durch.

Frau Holle hatte sie gehen lassen müssen, bevor sie auseinanderriss, aber sie war wütend gewesen. So wütend, dass sie beschloss, keines der Mädchen je wieder gernzuhaben.

Diese Marie war perfekt gewesen. Fleißig, ruhig, gänzlich frei von Widerworten und wunderschön. Genau sie hatte Frau Holle bei sich behalten wollen, stattdessen hatte sie allein in ihrem Reich gestanden, mit goldenen Händen und unbändiger Wut im Bauch.

Und auf der anderen Seite machten sich die Menschen über das Mädchen her. Sie rissen an den goldenen Haaren und den Kleidern, um etwas von dem Reichtum mit nach Hause zu nehmen. Marie, die so sehr für ihren Fleiß belohnt worden war, schrie vor unsäglichen Schmerzen.

Aber daran erinnerte sich heute keiner mehr. Winter für Winter kamen Mädchen zu ihr, verrichteten die Arbeit mal gut und mal schlecht, wurden mit Gold oder mit Pech entlohnt und verschwanden aus Frau Holles Reich so schnell, wie sie gekommen waren.

Und bei den Menschen wurde aus der Tatsache eine Legende und aus der Legende das Märchen von »Frau Holle«, das in der Weihnachtszeit kleinen Kindern vorgelesen wurde, als wäre die Geschichte der Phantasie eines Schriftstellers entsprungen ...

Ein Buchauszug aus einer schwarze Winternachtgeschichte: Eine eiskalte Neuinterpretation des bekannten Märchens „Frau Holle"

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ISBN: eBook 978-3-95824-425-2

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