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07/08/2015 11:30 CEST | Aktualisiert 07/08/2016 07:12 CEST

Warum Franz Josef Wagner ein zu einfaches Feindbild abgibt

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Von Posen, Inszenierung und Empörungsmaschinerie

Ja. Da hat der Meinungsfabrikant der BILD mal wieder einen rausgehauen! „Gossen Goethe" Franz Josef Wagner ging zuletzt in die Vollen: Smoothies schlürfende Hosenanzüge sind irgendwie, so versucht man sich an einer Wagner-Exegese, dafür verantwortlich, dass wir in Deutschland „mehr Tote als Babys" haben. Ebenso schuldig sind Mütter, die - Widerspruch in sich - keine Kinder bekommen.

Der Aufschrei war groß, die mediale Empörungsmaschine lief an. Dem Wagner muss man zumindest dies zugute halten: Ohne ihn gäbe es wahrscheinlich noch ein paar arbeitslose linke und liberale Journalisten mehr. Und der segelnde Chefkolumnist setzte gleich noch einen drauf: Im Welt-Interview mit Dagmar von Taube gab er tiefere Einblicke in das Reich seiner Gedanken. Die junge Literaturikone und Bachmannpreis-Finalistin Ronja von Rönne befindet:

„Es ist gruselig und poetisch und einfühlsam und sehr traurig und furchtbar und großartig und rückständig und seltsam"

Ist das Ironie? Oder steckt dahinter tiefe Einsicht?

Aufschrei provoziert, Ziel erreicht

Wagner jedenfalls hat sein Ziel erreicht. Mag der aufgeklärte, moderne, das heißt der vor allem von sich selbst überzeugte Kulturkritiker auch aus vollem Halse „nicht mal ignorieren" brüllen. Mag der Hinweis, dass an Wagner alles Pose sei, noch so sehr zutreffen. Der Mann ist im Gespräch. Ob als mächtige Resonanzfläche konservativer Sehnsüchte, ob als Feindbild der „Fortschrittlichen" und „Freiheitlichen". Dabei gibt Wagner ein allzu dankbares Feindbild ab.

Denn was dieser als Geschlechterkonflikt zu zeichnen versucht, hat ja durchaus ein Korrelat in ganz realen, nicht unproblematischen gesellschaftlichen Entwicklungen. Nein, nicht der stets gespenstisch aufgebauschte demographische Wandel, der sich mit minimalem jährlichen Produktivitätszuwachs (im Rahmen von etwa 0,2 bis 0,3 %) kompensieren ließe. Und auch die dämonischen Smoothies nicht. Die sind nun wirklich Geschmackssache.

Aber Anzugs-Menschen, Blaumann-Menschen, Nickelbrillen- und Tweedsakko-Menschen: Das werden wir in je nach Stellung mehr oder weniger freiwilligem Konformismus tatsächlich in zunehmendem Maße. Seit dem römischen Klientelismus ist zwischen sogenannter Digital Boheme und den Generationen "X","Y" und "Z" erstmals wieder ein Menschenschlag herangewachsen, der sich etwas darauf einbildet, selbst Freundschaften in erster Linie nach Kosten-Nutzen-Abwägungen zu pflegen.

Tiraden mit doppeltem Boden?

Doch wenn so ein ewig gestriger Wüterich wie Wagner dieses Thema in seiner unnachahmlich chauvinistischen Weise anschneidet, kann sich sogar der Stern unter die heroischen Verteidiger der Freiheit einreihen. Ganz süffisant fragt man dort an Wagner zurück: „Für wen [als sich selbst] sollte man denn sonst Karriere und Fitness machen?".

So geht im allgemeinen Gebrüll über den „Gaga-Kolumnisten" rasch vergessen, dass Freiheit mehr sein könnte als sich im günstigsten Falle zu entscheiden, für welchen Boss ich meine 40 bis 60 Stundenwoche abreiße.

Schon richtig: Franz Josef Wagner ist Pose und Inszenierung. Seine Tiraden sind kaum diskutabel. Doch wo man sich dem Theater sowieso nicht zu entziehen vermag, kann es sinnvoll sein ein wenig zurückzutreten und sich zu fragen, ob das Dargebotene nicht mindestens einen doppelten Boden hat.

Oder aber: Man geht die Sache künstlerisch an. Mit einem Beat-Poetischen Cut-up lässt sich, kompositorische Strenge und entsprechendes Arrangement vorausgesetzt, Wagner tatsächlich ungeahnte lyrische Tiefe entlocken:


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