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24/10/2015 10:25 CEST | Aktualisiert 24/10/2016 07:12 CEST

Gott und die Simpsons

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(Coverfoto mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Es ist ein ungewöhnliches Buch. Nicht in erster Linie aufgrund der provokanten Verknüpfung einer beliebten Zeichentrickserie mit dem Thema Theologie. Forschungsarbeiten darüber, wie gesellschaftliche Phänomene in der Popkultur repräsentiert werden, gibt es einige (etwa die lesenswerten Untersuchungen „Asterix und seine Zeit: Die große Welt des kleinen Galliers"). Nein: Sebastian Molls „Das Evangelium nach Homer" ist ungewöhnlich, weil es sich um einen doppelten Versuch der Annäherung handelt.

Die miesepetrigeren unter den Christen sollen angeregt werden, über ihren Glauben gemeinsam mit den Simpsons auch einmal zu lachen, nicht-christliche Freunde der Simpsons bekommen nebenbei eine leicht zu lesende Einführung in theologisches Denken. Der Autor ist promovierter evangelischer Theologe und Laienprediger der methodistischen Kirche (im Gegensatz zu Simpsons-Pfarrer Lovejoy, der, so Moll, Mitglied des „Western Branch of American Reform Presbylutheranism" ist).

Worum es geht:

Der Inhalt von „Das Evangelium nach Homer" ist mit Heinrich Schmitz, der das nur 120 Seiten starke Buch für Die Kolumnisten rezensiert hat, schnell zusammengefasst:

„Ein guter Prediger macht halt aus jeder Vorlage eine gute Predigt. Jeder wird sich an Otto Waalkes Predigt über „Theo wir fahr'n nach Lodz" erinnern. Gute Vorlagen liefern die Simpsons serienweise und so kann Moll sich mit der Autorität und den Widersprüchen der Bibel, dem Problem der Theodizee, der Kraft des Gebetes, der christlichen Ethik, der Institution Kirche, dem Zwiespalt zwischen Wissenschaft und Religion, mit Sekten, Kulten und Kultsekten und den Weltreligionen im Allgemeinen auseinandersetzen, ohne zu langweilen oder allzu belehrend daherzukommen. Lehrreich ist das trotz des sehr unterhaltsamen Stils. "

Auch auf eine problematische Formulierung bezüglich des Verhältnisses von Judentum zu Christentum wies Schmitz treffend kritisch hin:

"Ein einziger Satz in diesem Buch ist mir allerdings übel aufgestoßen. „Es gehört zu den tragischen Entwicklungen der Weltgeschichte, dass sich das Volk Gottes dem Sohn Gottes nicht vollständig geöffnet hat." Und dieser Satz ist nicht satirisch von einem der Simpsons daher geplappert, sondern offenbar ganz ernst gemeint von Moll. Es ist schade, dass Rabbi Krustofski ihm auf diesen Satz nicht unmittelbar antworten kann.",

Der Autor versprach mittlerweile, die Passage für kommende Auflagen zu überdenken. Diese Art mit Kritik umzugehen ist löblich.

Kierkegaard hat recht, Matussek unrecht

Wer nun darüber nachdenkt, sich selbst oder seinen Lieben mit der kurzweiligen Lektüre vielleicht den ein oder anderen Lacher unterm Weihnachtsbaum zu schenken, sei gewarnt. So amüsant sich „Das Evangelium nach Homer" in vielen Passagen liest, und so recht Schmitz damit hat, dass Moll gläubigen und nichtgläubigen Lesern Brücken zueinander baut - das Buch enthält gerade für Nichtchristen auch immer wieder schwer verdauliche Gedanken.

„Das Evangelium nach Homer" bleibt bei aller Simpsonsaffinität am Ende ein durchaus christlicher Text, der bestimmten Auslegungen der Religion vor anderen den Vorzug gibt. Wer "Das Evangelium" vor allem wegen der Simpsons liest, dem kann das aufstoßen.

So stolperte ich etwa über meinen von Moll zitierten Namensvetter Kierkegaard:

„Die Bibel ist nicht dazu da, dass wir sie kritisieren, sondern dazu, dass sie uns kritisiert".

Doch was als Absage an quellenkritisches Bibelstudium gelesen für einen Aufreger gut wäre, kann, ausgeweitet auf jedes literarische Werk, das den einzelnen Menschen überdauert, den Blick schärfen: Tatsächlich ist es oft das Ringen mit der Tradition, dem Text, dem zeiterprobten Gedanken, woran der Einzelne wächst. Auch wenn er diesen Gedanken nicht für sich selbst als richtig anerkennen muss.

Einen eindeutigen Fehler, nebenbei, enthält das Buch auch: Im Vorwort preist Matthias Matussek die Simpsons als „älteste und erfolgreichste Comicserie der Welt". Was das Alter betrifft waren nicht nur Produktionen von Disney dann doch einige Jahrzehnte schneller.

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