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13/12/2016 07:38 CET | Aktualisiert 14/12/2017 06:12 CET

So haben Sie Ihre Angst vor Hunden noch nie betrachtet!

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Die Angst vor Hunden ist auch eine Frage des Gegenübers. Vor Lassie, Struppi, Idefix, Kommissar Rex oder Oskar, dem Hund aus TKKG, hätten wohl die wenigsten Menschen Angst, selbst wenn diese berühmten Vierbeiner geradewegs dem Flachbildfernseher oder dem verstaubten Kassettenrekorder entstiegen und sich neben sie auf die Couch legten.

Vor einem sechzig Kilogramm schweren menschenfressenden Ungetüm, das sich per Mutation wieder dem Wolf angenähert hat, hätten aber wohl selbst erfahrene Hundehalter Schiss. Sie würden schneller Reißaus nehmen, als das Herrchen der Bestie „Der tut nix, der will nur an Ihrem Wadenbein knuspern" sagen kann.

Das zeigt: Keiner ist angstfrei, jedermanns Furcht lässt sich herauskitzeln. Beim Turmspringen ist es eine Frage der Höhe, beim Laufen eine Frage der Distanz und bei Klassenarbeiten eine Frage der Vorbereitung. Im Falle von Hunden hängt vieles von Fellfarbe (eher weiß als schwarz), Rasse (eher Schäferhund als Pit Bull), Größe (eher klein als groß) und Stimmlage (eher hoch als tief) des Vierbeiners ab. Die Anzahl der Beine ist übrigens auch ein Aspekt: Hat der Vierbeiner durch einen Unfall bedauerlicherweise nur noch drei Beine, senkt dieser Umstand das Angstlevel beim Hundephobiker. Mitleid schlägt Panik. Handelt es sich jedoch in Wahrheit um einen verkappten Zweibeiner, weil sich der Vierbeiner bei jeder sich bietenden Gelegenheit am Gartenzaun oder - schlimmer noch - an Exemplaren der menschlichen Spezies aufrichtet, sprengt das die nach oben offene Angstskala.

Mein Hund Moritz ist schwarz, er hat einen Bart, ist mittelgroß, mittelschwer und bellt fast nie. Gäbe es eine Deutsche-Industrie-Norm für minimal furchteinflößende Hunde, müsste er sich zu ihrer Erfüllung aber vermutlich trotzdem den Bart abrasieren und das Fell weiß färben lassen. Bei Größe und Gewicht kann ich leider nichts machen, wenn ein Bekannter zu Besuch kommt, der sich fragt, warum Hunde nicht hinter einem Dingo-Zaun irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern leben können. Dabei ist Moritz immer ganz brav. Er freut sich über jeden Gast, der erkennbar kein Einbrecher ist, sich also an das in Mitteleuropa bewährte Verhaltensmuster hält und klingelt, bevor er über die Türschwelle tritt. Dann ist es aber ausgerechnet seine Menschenfreundlichkeit, die auf der anderen Seite die Hundeangst befördert. Moritz möchte am Gast schnüffeln, um ein Geruchsprofil seines neuen Freundes anzulegen; er steuert die Hände an, um nachzuschauen, ob dort vielleicht ein Leckerli versteckt ist; und er wimmert unseren Bekannten an, wobei dieser nicht weiß, dass das eine Frage sein soll, die frei übersetzt lautet: „Kennst du vielleicht ein paar neue Waldwege, die du mir zeigen könntest?"

Wer sich in so einer Situation nicht als neuer Freund des Hundes begreifen kann, sondern immer noch befürchtet, auf dessen Speisezettel zu stehen, leidet unter behandlungsbedürftiger Hundeangst. Kluge Menschen mit großem Latinum haben das Canophobie genannt. Andere kluge Menschen mit Psychologie-Diplom empfehlen dagegen oft die sogenannte Konfrontationstherapie. Der Patient soll eine unangenehme Situation mehrfach durchleben, auf dass Schweißausbrüche und Ohnmachtsanfälle bei der x-ten Wiederholung endlich ausbleiben. Im Idealfall lechzt der Hundephobiker nach erfolgreicher Therapie danach, den Zwinger eines Polizeihundes im Hooligankostüm zu betreten. Oder er verspürt den Drang, fremden Rüden die Zähne zu kontrollieren, während diese schlafen. Die Angst hat sich dann in Lebensmüdigkeit verwandelt.

Kleinere Fortschritte - an einem angeleinten Hund vorbeigehen, an einem unangeleinten Hund vorbei joggen oder in einem Restaurant sitzen, während unter dem Nachbarstisch ein Hund schläft - tun es auch und sind vermutlich auch gesünder.

Ich plädiere sehr dafür, die Konfrontationstherapie mit rationalen Argumenten zu unterfüttern. Mein Bekannter zum Beispiel hat Angst vor Hunden, hält es aber für eine kluge Idee, sich im Florida-Urlaub an einen Alligator heranzuschleichen, um ein Foto zu machen. Er geht dabei sogar davon aus, dass es nicht sein letztes Foto sein wird. Das ist ein Widerspruch - sogar Hunde haben Angst vor Alligatoren. Ich kann mir noch nicht mal vorstellen, dass der Kreisvorsitzende der Miami-Grünen besonders gerne zu Ortsterminen im Alligatorengebiet erscheint. Ich sage zu meinem Bekannten dann immer: „Du hast da was falsch verstanden. Der Hund ist der beste Freund des Menschen, nicht der Alligator" und suche als Ergänzung zur Hunde-Konfrontationstherapie nach einem Volkshochschulkurs, der ihm die Angst vor Alligatoren einimpft. Denn die kann einem buchstäblich den Kopf retten.

Hilft alles nichts: Ein Hundebiss ist für einen Canophobiker ein Damoklesschwert, das jederzeit heruntersausen kann. Für den Fall der Fälle betone ich daher immer das Glück im Unglück. Was ich meinen Bekannten sage, taugt eigentlich auch als Kampagne. Mir schweben Slogans vor wie „Vom Hund gebissen: Dann hat sich die Tetanusspritze wenigstens gelohnt". Oder: „Ein Hundebiss entspricht drei Adrenalinspritzen. Zuzahlung in der Apotheke entfällt." Mein Favorit bleibt allerdings: „Ihr Weg zu 400 Euro Schmerzensgeld: Lassen Sie sich vom Nachbarshund zwicken".

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