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22/01/2015 12:47 CET | Aktualisiert 24/03/2015 06:12 CET

Personalauswahl der Zukunft: Werden Werte zum Einstellungskriterium?

Thinkstock

Unternehmen durchleuchten ihre Bewerber immer intensiver - und interessieren sich zunehmend auch für die Werte ihrer zukünftigen Angestellten. Veränderte, komplexer werdende Anforderungen an Manager und Führungskräfte, aber auch aufsehenerregende Unternehmensskandale rücken eine werteorientierte Personalauswahl in den Fokus.

Erkenntnisse aus der vor allem in den USA längst etablierten Ethical-Leadership-Forschung gewinnen damit auch in Deutschland an Relevanz. Das bestätigt eine jetzt veröffentlichte Untersuchung der Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik und der Dr. Jürgen Meyer Stiftung.

Ob Mittelständler oder Konzern: Viele Unternehmen würden gern mehr darüber wissen, an welchen Werten sich ihre Mitarbeiter orientieren, was das Handeln ihrer Führungskräfte leitet und wie integer ihre Beschäftigten sind. Ein Ethical Leadership Assessment, also die Verankerung ethischer Kriterien in Führungskonzepten und im Recruiting, wird daher auch als Prävention vor betriebsschädigendem Verhalten diskutiert - als Ergänzung zu oft aufwendigen, aber meist rein juristischen Compliance-Maßnahmen.

Einen ökonomischen Nutzen erhoffen sich die Betriebe zudem aus der Übereinstimmung der Werteorientierungen von Mitarbeitern und Unternehmen, von der sie sich gern schon vor der Einstellungsentscheidung überzeugen würden.

Doch wie und ob ein Ethical Leadership Assessment funktionieren kann, ist noch immer weitgehend unklar. Die Psychologen streiten: Sind Werte messbar - und wenn ja, überschreitet man damit ethische Grenzen? Deutsche Unternehmen zeigen zwar einerseits ein großes Interesse an einer werteorientierten Personalauswahl, doch sie beklagen zugleich einen Mangel an geeigneten Instrumenten.

Ein Recruiting, das ethische Kriterien einbezieht, wird von Personalmanagern besonders bei der Auswahl von Führungskräften als relevantes Thema angesehen, denn dort sind die Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume am größten. Häufig wird zudem ein wesentlicher Einfluss des Vorgesetzten- auf das Mitarbeiterverhalten angenommen.

Den meisten Unternehmen geht es nicht in erster Linie darum, etwa mit den in den USA sehr verbreiteten, aber nicht nur in Deutschland äußerst umstrittenen Integrity-Tests die Kandidaten zu durchleuchten. Vielmehr wünschen sich gerade mittelständische Familienunternehmen zu ihrer Kultur passende Entscheider, deren Werte mit den Handlungsmaximen des Betriebs in Einklang stehen.

Konkret kann es dabei zum Beispiel um Abwägungsentscheidungen zwischen ökonomischen Zielen und ökologischer Verantwortung gehen, aber auch um Verhaltensweisen im betriebsinternen Miteinander.

Woher das Interesse an einem werteorientierten Recruiting tatsächlich rührt und wie belastbar es ist, bleibt indes fraglich. Eine klare Antwort kann auch die Untersuchung der Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik und der Dr. Jürgen Meyer Stiftung, für die 24 Interviews mit Personalern, Personalberatern und Wissenschaftlern geführt wurden, nicht geben. Vieles deutet demnach aber darauf hin, dass die Treiber eines Ethical Leadership Assessment weniger in den Betrieben selbst als in den Personalberatungen zu finden sein könnten.

Zudem drängen offenbar verstärkt auch dubiose Anbieter von Auswahlinstrumenten auf den Markt. Sie treffen auf HR-Abteilungen, deren Verunsicherung greifbar scheint. Denn die Personaler bewegen sich in einem äußerst unübersichtlichen Feld und bekommen im Unternehmen häufig nur die Rolle eines internen Dienstleisters statt die eines strategischen Akteurs zugewiesen.

Eindeutig scheint zu sein, dass ein werteorientiertes Recruiting nur als Teil eines umfassenden Gesamtkonzepts erfolgreich sein kann. Die Entwicklung und der Einsatz geeigneter Auswahlinstrumente allein reichen also nicht aus. Doch ob das Thema in der Hauptsache von Anbietern bestimmter Testverfahren und von Personalberatungen gesetzt wird und schnell wieder aus der Diskussion verschwindet, oder ob ein Ethical Leadership Assessment zum Element des Personalmanagements von morgen wird, muss sich erst noch zeigen.