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19/04/2016 05:40 CEST | Aktualisiert 20/04/2017 07:12 CEST

Freches Grinsen - Provokation oder Entschuldigung?

Jupiterimages via Getty Images

Die menschliche Kommunikation besteht nicht nur aus Worten, sondern ist auch maßgeblich von der Körpersprache, also durch Mimik und Gestik geprägt.

Der einfache Satz "Das ist heute aber ein tolles Wetter!" kann durch die entsprechende Betonung oder mit einem bestimmten Gesichtsausdruck sowohl Begeisterung, als auch Missbilligung ausdrücken.

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Ein wichtiger Teil der Körpersprache sind Demuts- und Beschwichtigungsgebärden. Sie dienen dazu, dem Gegenüber zur Konfliktvermeidung die eigene Harmlosigkeit zu demonstrieren oder ihn im Konfliktfall zu besänftigen.

Besänftigende Gesten sind zum Beispiel ein leicht gesenkter oder schiefgelegter Kopf, ein freundliches Lächeln oder der verschämte Blick von unten. Auch erhobene Hände mit den Handinnenflächen nach außen signalisieren: "Schau, ich bin ganz harmlos, von mir droht keine Gefahr". Diese Gestiken werden von fast allen Menschen ganz instinktiv erfasst.

Grinsen als Beschwichtigungsgeste

Es gibt aber auch Beschwichtigungsgestiken, die als solche nicht (mehr) erkannt werden:

"Erst macht er solchen Mist und dann grinst er mich noch frech an. Diese ständigen Provokationen treiben mich in den Wahnsinn!"

Sicherlich kennt jede Mutter und jeder Vater solche Situationen - das Kind stellt irgendeinen Unsinn an, die Eltern weisen nachdrücklich darauf hin, dass dieses Verhalten unangemessen und unerwünscht ist und das Kind grinst sie daraufhin breit an oder lacht laut. Dieses Verhalten macht uns oft sehr wütend, weil wir es als reine Provokation empfinden.

Das Lachen ist jedoch häufig gar nicht provokant gemeint, sondern eine reine Übersprungshandlung. Ist ein Kind zwischen zwei möglichen Handlungsalternativen hin- und hergerissen („Höre ich auf? Oder mache ich weiter?"), tut es manchmal Dinge, die vollkommen unerwartet sind und mit dem Verhalten in keinem Zusammenhang stehen.

Grinsen ist außerdem eine uralte Beschwichtigungsgeste, die uns eigentlich nicht provozieren, sondern die Situation entschärfen soll. Sie ist ein Überbleibsel der Evolution und lässt sich heute noch gut bei Affen beobachten.

Bei den Halbaffen, die den Menschen nicht ganz so ähnlich sind, sind die Gesichtsmuskeln nur sehr rudimentär entwickelt. Ihr Gesichtsausdruck ist daher immer gleich. Sie können mit ihren Muskeln ausschließlich ihre Zähne entblößen.

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Trotz dieser stark eingeschränkten Mimik können Halbaffen damit schon sehr unterschiedliche Botschaften ausdrücken. Wird das Maul aufgerissen ohne die Zähne zu zeigen, versteht der Gegenüber das als Drohgeste.

Wer breit grinst, kann seine Zähne gerade nicht zum Beißen verwenden.

Sind hingegen die Zähne deutlich zu erkennen, bedeutet das genau das Gegenteil. Indem der Halbaffe seine Zähne deutlich zeigt, will er signalisieren, dass er diese nicht benutzen will - eine eindeutig beschwichtigende Geste.

Denn wer breit grinst, kann seine Zähne gerade nicht zum Beißen verwenden - und genau das soll dem anderen gezeigt werden.

Bei menschenähnlicheren Primaten, wie den Lemuren oder den Rhesusaffen, ist das Zeigen der Zähne sogar eine regelrechte Demutsgeste. Wenn zwei Affen gegeneinander kämpfen und sich der schwächere zurückzieht, zeigt er in aller Regel ein breites Grinsen und signalisiert damit, dass er sich ergibt.

Paviane haben sogar ein richtiges Beschwichtigungsritual - sie verbeugen sich, strecken dem Widersacher ihren Po entgegen, schmatzen laut und grinsen breit. Das signalisiert dem anderen Tier: "Entschuldige bitte!"

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Grinsen als Entschuldigung

Dieses Verhalten ist rudimentär bei unseren Kindern erhalten geblieben - fühlen sie sich verlegen, weil wir sie bei unerwünschtem Verhalten ertappt haben oder weil wir mit ihnen wegen etwas schimpfen, dann zeigen sie uns ein breites Grinsen.

Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine Provokation, sondern um eine Art Verlegenheitslächeln und ist eine evolutionäre Demutsgeste, mit denen Kinder um Verzeihung bitten.

Leider führt das breite Angrinsen in unserem Kulturkreis immer wieder zu Konflikten, weil Eltern nicht in Betracht ziehen, dass das Kind damit auch um Verzeihung bitten könnte.

Sie reagieren dann ungehalten und ärgern sich über die Reaktion. Dieser zusätzliche Ärger löst bei den Kindern das Bedürfnis aus, die Eltern noch mehr zu beschwichtigen - sie grinsen unter Umständen noch breiter, was Eltern natürlich noch wütender macht.

Mit dem Wissen, dass das Grinsen auch eine Entschuldigung sein kann, kann man vielen Konflikten gelassener begegnen. Werden die Augen niedergeschlagen oder ganz abgewandt, handelt es sich sehr wahrscheinlich nicht um eine Provokation. Das Senken des Blickes soll deeskalierend wirken - den Gegenüber anzustarren wäre nämlich eine Drohgeste.

Andere Kinder halten den Kopf leicht gesenkt oder schief und reißen die Augen weit auf. Das "sich kleiner machen" ist die älteste aller Demutsgesten. Beim Drohen machen sich Lebewesen so groß wie möglich - sie plustern sich quasi auf.

Sind sie hingegen verlegen, machen sie sich auf jede erdenkliche Art klein. Große Augen sollen außerdem den elterlichen Beschützerinstinkt durch das Kindchenschema wecken.

Die Botschaft lautet: "Oh, tut mir leid, sei bitte nicht ärgerlich"

Das Lachen unserer Kinder in Konfliktsituationen macht uns wütend, weil wir es nicht als Beschwichtigung empfinden, sondern als provozierend. Wir übersetzen das Grinsen mit: "Es ist mir völlig egal, was Du sagst!"

Das stimmt in den meisten Fällen nicht, denn die Botschaft lautet: "Oh, tut mir leid, sei bitte nicht ärgerlich". Lächeln hat zudem eine aggressionshemmende Wirkung - schließlich lächeln wir normalerweise auch selbst, wenn wir uns bei anderen entschuldigen.

Versuch doch mal das nächste Mal auf ein vermeintlich freches Grinsen mit "Oh, ich sehe, es tut Dir leid" zu reagieren und schau, was passiert.

Wichtig ist, sich immer in Erinnerung zu rufen, dass ein bewusstes Provozieren erst dann möglich ist, wenn das Kind über ausreichend Empathie verfügt. Um jemanden absichtlich ärgerlich zu machen, muss man sich in seine Gedanken- und Gefühlswelt einfühlen können. - das ist (entwicklungsabhängig) erst mit etwa drei bis sechs Jahren der Fall.

Bei kleineren Kindern zwischen einem und vier Jahren kann man also fast immer von einer Beschwichtigungsgeste ausgehen, wenn sie einen (vermeintlich) frech anlachen.

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Provokation gehört gar nicht zum kindlichen Verhaltensrepertoire

Vorsätzliche Provokation ist eigentlich nicht im Verhaltensrepertoire von Kindern vorgesehen. Es ergibt nämlich evolutionsbiologisch gesehen keinen Sinn, dass sich Kinder gegen ihre Eltern grundlos auflehnen.

Für Kinder ist es nicht sinnvoll, durch unangemessenes Verhalten diejenigen zu verärgern, die für ihr Überleben sorgten. Schließlich bestand die Gefahr, dass sich die Eltern dadurch mehr einem der (damals noch zahlreichen) anderen Geschwister zuwendet und das Kind bei der Ressourcenzuteilung benachteiligt wurde.

Es liegt nicht in der Natur des Menschen, unkooperativ zu sein und Konflikte grundlos zu provozieren.

Sollte das Kind also grinsen oder lachen, um tatsächlich zu provozieren, dann sollten wir überlegen, warum es das tut. Möglicherweise ist sein Aufmerksamkeitsspeicher leer und es braucht eine extra Portion Zuwendung und findet keinen anderen Weg, dieses Bedürfnis auszudrücken.

Manchmal sind Kinder dann in dieser Provokation gefangen und wissen keinen anderen Ausweg, als weiter zu machen. Versucht in diesem Fall mal, Euer Kind einfach fest in den Arm zu nehmen, um die Situation zu lösen.

Dieser Artikel erschien im Original auf der Seite Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten.

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