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11/05/2014 04:34 CEST | Aktualisiert 11/07/2014 07:12 CEST

Land in der Cloud: Wie Estland sich vor militärischen Übergriffen schützen will

Auch wenn wie in diesem Jahr die zehnjährige EU-Osterweiterung feiern, weckt die aktuelle Krise bei einigen Ländern Ängste vor Übergriffen. In Estland hat man ganz eigene Ideen, um sich Attacken zu schützen: Die Esten wollen das erste Land in der Cloud werden.

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Auch wenn wie in diesem Jahr die zehnjährige EU-Osterweiterung feiern, weckt die aktuelle Ukraine-Krise bei einigen Osteuropäischen Ländern Ängste vor möglichen russischen Übergriffen. In Estland, seit 1991 unabhängig von der Sowjetunion, hat man ganz eigene Ideen, um sich potentiellen Attacken zu schützen: Die Esten wollen das erste Land in der Cloud werden.

Bei meinem Besuch kürzlich in der estnischen Hauptstadt Talinn habe habe ich Taavi Kotka, Deputy Secretary General - ICT at Ministry of Economic Affairs and Communications for Estonia interviewt und mit ihm über das e-Government in Estland und die staatliche Förderung der IT gesprochen. Dabei hat mir Kotka auch von den Plänen erzählt, die estnische ID-Karte auch für nicht Staatsbürger einzuführen. Doch das ist nicht die einzige ein wenig eigenwillige Idee: Estland möchte seine elektronischen Staatsservices in einer Cloud speichern.

Wie soll die Cloud funktionieren?

Zu diesem Zweck soll ein Netz von Daten-Botschaften entwickelt werden: In befreundeten Staaten sollen Daten-Center installiert werden mit den selben Regeln wie in realen Botschaften. Dort sollen alle Daten gespeichert werden, die für die Funktion des Staates notwendig sind. Vorteile sieht Kotka dabei vor allem für die Datensicherheit: Sollte eine militärische oder Cyberattacke auf Estland ausgeführt werden, könnte Estland als Staat auch weiterhin agieren.

In welche Richtung die Befürchtungen gehen, zeigt Kotka dabei in einem vom staatlichen Enterprise Estonia herausgegebenen Magazin "Life in Estonia", in dem er die Funktion dieser Cloud auch ausführlicher erklärt:

"Estonians could live in Finland or London, be deported to Siberia or whatever: we could still elect our parliament, collect taxes etc. Businesses would continue to operate, documents would be exchanged, addresses could continually be changed in registers and new citizens would be born..."

Wie kann das technisch funktionieren?

Für deutsche Verhältnisse ist diese Idee ziemlich unvorstellbar, für Esten ist sie hingegen nur folgerichtig: Denn dort kann man bereits heute so ziemlich alles online erledigen, z.B. Parlamentswahlen, Vertragsabschlüsse, Firmengründungen und Kabinettssitzungen. Wie so ein e-Service genau aussieht, hat mir Tiit Anmann, CEO des estnischen Unternehmens signwise, für ein weiteres Video am Beispiel der elektronischen Signatur erklärt, mit der sich in Estland in nur wenigen Minuten Verträge und andere Dokumente unterzeichnen lassen. Darüber hinaus gibt Anmann auch noch einen Einblick in die eServices. die der estnische Staat zur Verfügung stellt:

Ist das sicher?

Kritiker werden einwenden, dass so ein Land in der Cloud doch viel gefährdeter sei für Cyberattacken als andere Staaten. Die Esten jedoch halten große Stücke auf ihre IT-Sicherheit, räumen aber ein, dass es das perfekt sichere IT-System natürlich nicht gäbe. Auf Fragen nach möglichem Missbrauch des Systems und Sicherheitslecks wird allerdings auch gerne mal mit Allgemeinplätzen geantwortet: Dass auch die sicherheitsbewussten Deutschen etwa Google & Facebook nutzen würden. Oder dass der größte Unsicherheitsfaktor der Mensch in Gestalt von internen Mitarbeitern wie Edward Snowden sei, dem es gelungen sei das Sicherheitssystem der NSA zu unterwandern.

Über das Thema Sicherheit der Cloud habe ich auch mit Andrus Järg, General Manager von Skype Estland gesprochen, der Clousysteme sogar für besonders sicher hält. Fü Menschen, die nach den Risiken fragen, hat er daher eine einfache Antwort: "Dass Menschen Angst vor neuen Entwicklungen haben, ist natürlich. So war es auch beim Computer - und der ist heute normal. So wird es auch mit Cloud-Computing sein." Es klingt gut. Man kann nur hoffen, dass er recht hat.