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04/01/2017 09:04 CET | Aktualisiert 05/01/2018 06:12 CET

Gewaltprävention oder Rassismus, wo verläuft die Grenze?

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An Silvester vor einem Jahr kam es zu vielen hundert sexuellen Übergriffen auf Frauen und Diebstählen. Die Täter hatten zu einem großen Teil Migrationshintergrund, viele von ihnen waren Flüchtlinge.

Nun, ein Jahr später war die öffentliche Aufmerksamkeit an Silvester stark auf Köln gerichtet. Die Stadt Köln musste eine Wiederholung der Ereignisse des Jahreswechsels auf 2016 natürlich verhindern. Daher gab es eine Lichtinstallation auf dem Bahnhofsvorplatz und ein Alkoholverbot wurde ausgesprochen.

Der Vorwurf im letzten Jahr war, dass die Polizei zu spät eingegriffen habe. Also war auch die Polizei von Polizeipräsident Mathies zu „einer niedrige Einschreitschwelle" angewiesen.

Über Straftaten darf von der Polizei nicht hinweggesehen werden, möchte sie Bilder wie letztes Jahr vermeiden. Soweit so gut, das leuchtet ein. Doch Mathies erklärt diese Einschreitschwelle anders: "das heißt also, dass wir sehr frühzeitig beginnen, Personen zu befragen, was sie hier konkret wollen, wenn ihr Aufenthalt nicht plausibel ist". Moment! Die Polizei entscheidet, wessen Aufenthalt an öffentlichen Plätzen an Silvester plausibel erscheint? Wessen Aufenthalt im öffentlichen Raum ist denn an Silvester "plausibel"? Die der Polizei? Die der phänotypisch Deutschen?

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Scheinbar erschien der Polizei der Aufenthalt nordafrikanisch aussehender Menschen als nicht „plausibel". Am Abend twitterte sie:

Auf Facebook heißt es zu dem Vorgehen am Abend weiter:

„Am Hauptbahnhof haben wir mehrere Hundert Personen, die augenscheinlich aus Afrika stammen, festgestellt. Diese werden nun auf dem Breslauer Platz kontrolliert. Ihre Identität wird festgestellt und dabei auch der ausländerrechtliche Status überprüft.

Es erfolgen unmittelbare Absprachen zwischen der Bundespolizei und der Polizei Köln.

Die Personengruppe ist unter Kontrolle und es geht von ihr keine Gefahr aus."

Auf Anfrage des Spiegels, was denn ein "Nafri" sei, ob man ihn an Hautfarbe, Kleidung oder Frisur erkenne, antwortete der Sprecher der Kölner Polizei: "Wie ein Nordafrikaner grundsätzlich aussieht, das weiß man." Das Muster der "unter Kontrolle" gebrachten, basierend also einzig auf dem common-sense Phänotypus von Nordafrikanern.

Doch ist es nun bereits kriminell „augenscheinlich aus Afrika" zu stammen? Ein Grund für Einkesselung und Platzverweis?

Der Sprecher der Bundespolizei Wolfgang Wurm zeigte sich in einem Interview überrascht, dass so viele Nordafrikaner überhaupt nach Köln unterwegs waren, „auch aufgrund der klaren Ansagen in den Medien". Die Polizei hatte offensichtlich gehofft, dass Nordafrikaner an Silvester von den öffentlichen Plätzen in Köln fern gehalten werden können. Die Menschen, die dennoch an Silvester in Köln feiern wollten und in größeren Gruppen unterwegs waren, in denen viele ein nordafrikanisches Aussehen hatten, wurden des Platzes verwiesen oder schon zuvor aus dem Zug geholt.

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Und bei einer Lichtinstallation in der anderen Ecke des Kölner Bahnhofsplatz leuchteten in großen Lettern Wörter wie Liebe, Gerechtigkeit, Achtsamkeit, Lebensfreude.

Insgesamt wurden in der Silvesternacht mehr als 650 Personen kontrolliert und aufgefordert Köln umgehend zu verlassen, weitere 1000 Platzverweise wurden ausgesprochen. 300 „Nafris" wurden noch vor Eintreffen in Köln aus dem Zug geholt und wieder zurückgeschickt.

Die Feier unter den leuchtenden Lettern verlief für die Menschen, die die Polizei phänotypisch nicht als nordafrikanisch identifizierte, ruhig. Der Einsatz wird von Polizei und Oberbürgermeisterin Henriette Reker als Erfolg gefeiert.

Oberbürgermeisterin Henriette Reker: „Ich möchte mich im Namen der Kölnerinnen und Kölner und der großen Zahl von friedliebenden Besuchern ausdrücklich bei der Führung und dem Einsatzpersonal der Polizei Köln, der Bundespolizei und auch den städtischen Einsatzkräften bedanken. Durch ihren Einsatz konnte Köln wieder so erlebt werden, wie Köln wirklich ist."

Schönere Blumen kann man Rassismus nicht überreichen.

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