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11/09/2015 07:18 CEST | Aktualisiert 11/09/2016 07:12 CEST

Arbeitslos im Ausland: Probleme und Lösungen für Expatriats

München ist voller lauter Kirchenglocken und ich wohne neben einer der lautesten. Alle 15 Minuten wird die vorstädtische Beschaulichkeit meiner 1-Zimmer-Wohnung dank einer imposanten bayrisch-katholischen Kirche von einem harten, kalten Klang unterbrochen: ein Läuten um Viertel nach, zwei zur halben Stunde und drei 15 Minuten später. Zur vollen Stunde läutet es viermal, gefolgt von einzelnen Glockenschlägen, die die jeweilige Uhrzeit verkünden.

Während ich in meinem Schlafzimmer/Büro sitze und meine nächsten Schritte plane, dient das Läuten als erschütternde und unwillkommene Erinnerung daran, wie schnell die Zeit in einem fremden Land vergeht. Wenn irgendwem die Stunde schlägt, dann mir, dem arbeitslosenExpat.

(Anmerkung: Kurzform von „Expatriate" - ein Arbeitnehmer, der von seinem internationalen Unternehmen vorübergehend in eine ausländische Zweigstelle entsandt wird)

Es ist schwer, arbeitslos zu sein - egal, wer man ist oder in welchem Land man lebt - aber für Expats ist es sowohl eine besondere Herausforderung als auch eine besondere Chance.

Die Gefahr der Isolation ist größer, die Arbeitssuche ist oft schwerer, aber auf der anderen Seite ist der Sinn für Abenteuer und Abwechslung, den so viele Expats besitzen, besonders von Vorteil wenn es darum geht, seine Freizeit zu genießen oder einen neuen Job zu finden.

1. Nutze deine Expat-Community

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Ich versuche meinen Status als Expat zu meinem Vorteil zu nutzen, indem ich in meiner Expat-Community aktiv bin und zu verschiedenen Clubs in dieser internationalen Stadt beitrage. Wenn ich Menschen kennenlernen möchte, die für internationale Firmen oder englischsprachige Unternehmen arbeiten, dann gibt es kaum einen besseren Ort für mich als einen der vielen Sportclubs, Social Clubs oder Netzwerktreffen, die von Seiten wie InterNations und Toytown angeboten werden.

Die Menschen, die man in diesen Clubs und Communities trifft, sind grundsätzlich sehr verständnisvoll und bieten gerne ihre Unterstützung an. Natürlich macht man auch gelegentlich Bekanntschaft mit dem ein oder anderen unaufgeklärten Zeitgenossen, der einem vorwirft von „seinen Steuergeldern" zu leben, aber im Großen und Ganzen sind Expats durchaus bereit, zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu helfen.

Außerdem wissen Expats, dass diejenigen, die den Mut haben ins Ausland zu gehen und sich neuen Herausforderungen zu stellen, am Ende oft die flexibleren, proaktiveren und erfolgreicheren Kollegen sind.

2. Lass dich nicht von Heimweh überwältigen

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Ich vermisse die englischen Kirchenglocken. Sie haben einen viel wärmeren, altmodischeren Ton und halten es seltener für nötig, einem mitzuteilen, wieviel Uhr es gerade ist: eine wirklich überholte Funktion im 21. Jahrhundert. Heimweh - eine ständig drohende Gefahr - wird durch Arbeitslosigkeit oft noch verschlimmert.

Viele Expats gehen ins Ausland um zu arbeiten. Wenn das wegfällt, steht das neue Leben plötzlich auf wackligen Beinen. Soll ich hier nach einem Job suchen, wieder nach Hause gehen, oder mein Glück ganz woanders versuchen?

Auf der anderen Seite kann der Jobverlust auch eine gute Möglichkeit sein, um sich endlich in der neuen Umgebung einzuleben und sich besser zu integrieren. Zuvor verbrachte ich neun Stunden am Tag in einem rein englischsprachigen Büro mit hauptsächlich nicht-deutschen Kollegen.

Jetzt verbringe ich meine Zeit damit, eine deutschsprachige Stadt zu erkunden, in der ich so oft wie möglich mit Einheimischen in Berührung komme und mehr über die Sprache und meinen neuen Wohnort lerne. In diesem Kontext ist sogar das Zappen durch deutsche TV-Sender eine produktive Aktivität.

3. Bestehe auf die staatliche Unterstützung, die dir zusteht

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Tatsächlich hat es einen großen Vorteil für mich in Deutschland zu bleiben: Ich habe hier mehr Geld zur Verfügung, als das in dieser Situation zu Hause der Fall wäre. Im ersten Jahr meiner Arbeitslosigkeit bekomme ich als in Deutschland lebender EU-Bürger circa 60 Prozent meines vorherigen Nettogehaltes als Arbeitslosengeld.

Das bedeutet zwar eine erhebliche Einschränkung meiner finanziellen Mittel, aber trotzdem noch keine komplette Änderung meines Lebensstils. In England würde ich mit ungefähr 70 Pfund die Woche über die Runden kommen müssen -- tatsächlich eine sehr geringe Summe wenn dies die einzige Einnahmequelle ist.

Gemessen an europäischen Standards sind die in Deutschland gezahlten Leistungen aber nicht sehr hoch. Viele europäische Länder haben großzügigere Systeme, wo Menschen, die kürzlich ihre Arbeit verloren haben, 70 oder sogar 80 Prozent ihres bisherigen Gehalts erhalten und in manchen Fällen werden diese Leistungen weit über ein Jahr lang ausgezahlt. Selbst in den USA erhalten Menschen unmittelbar nach dem Jobverlust 50 Prozent ihres bisherigen Gehalts (auch wenn dies nur für die ersten sechs Monate gilt).

Als Expat ist man vielleicht überrascht, wie viel Unterstützung man vom Staat erhält, selbst wenn man erst seit Kurzem in einem bestimmten Land lebt. Auf wie viel man letztendlich Anspruch hat, kommt auf die eigene Nationalität an. Wäre ich kein EU-Bürger, würde die finanzielle Unterstützung viel geringer ausfallen.

Trotzdem bieten viele Industrienationen eine Art finanzielles Sicherheitsnetz für diejenigen, die erst seit kurzer Zeit dort leben und arbeiten. Die vollen Leistungen zu erhalten, die einem zustehen, ist oft ein bürokratischer Kraftakt, und sich selbst über alles zu informieren kann schwierig sein, wenn man die Sprache nicht perfekt beherrscht. Es ist also wichtig so lange nachzufragen, bis man sicher ist, dass man alle Informationen erhalten hat, die man braucht.

Verschieden Ämter bieten oft verschiedene Leistungen an. In England und Deutschland erhält man sein Arbeitslosengeld und sein Wohngeld beispielsweise von ganz verschiedenen Einrichtungen (einmal auf nationaler, einmal auf lokaler Ebene). Viele Menschen wissen das nicht und verzichten daher unabsichtlich auf Unterstützung.

Zusätzlich zu den grundlegenden finanziellen Leistungen gibt es einen Überfluss an Weiterbildungsangeboten und Programmen für Arbeitssuchende in beiden Ländern. Sachbearbeiter informieren leider nicht immer über jedes Programm, das zur Verfügung steht. Es ist also wichtig selbst zu recherchieren. Am besten ist es, mit anderen Menschen zu reden, die in derselben Situation sind, und viele Fragen zu stellen.

4. Igle dich nicht ein und verlasse auch mal das Haus

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Es ist immer eine gute Idee, sich - falls möglich - einen Platz zum Arbeiten und zum Schreiben von Bewerbungen zu suchen, der etwas weiter von der eigenen Wohnung entfernt ist.

Glücklicherweise kann ich auf den Lesesaal der Bayrischen Staatsbibliothek zurückgreifen, wo die Arbeitsatmosphäre sehr angenehm ist, kostenloses W-Lan zur Verfügung steht und himmlische Ruhe herrscht, ohne Glockenläuten. Außerdem gibt es noch meine Lieblingscafés und Biergärten überall in der Stadt, wo ich hingehen und Zeitung lesen kann (auf Deutsch natürlich).

Isolation ist besonders gefährlich für den arbeitssuchenden Expat. Zusätzlich zu der offensichtlichen Aufgabe, sich für neue Jobs zu bewerben oder an Projekten zu arbeiten, muss man versuchen, den Tag mit möglichst sinnvollen Dingen zu füllen.

Für mich ist es oberste Priorität, mit Freunden in Kontakt zu bleiben und auch mal herauszukommen. Das hält mich in Schwung, sorgt für Beschäftigung, und garantiert, dass ich bereit sein werde, sobald sich mir die richtige Möglichkeit bietet.

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