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21/01/2016 13:17 CET | Aktualisiert 21/01/2017 06:12 CET

Liebe Eltern, lasst Eure Kinder in Ruhe!

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Die meisten Eltern tun alles dafür, dass es ihren Kindern gut geht. Die meisten Eltern kennen diese Angst, das was Sie tun oder sagen, könnte falsch sein.

Ich glaube, wir Eltern tun und sagen tatsächlich ständig Dinge, die unsere Kinder behindern. Dabei können wir das ganz leicht vermeiden - indem wir unsere Kinder einfach mal in Ruhe lassen!

Frust, Freude und Entdeckerlust

Anton weint voll Frust. Es gelingt ihm nicht, die Schnürsenkel seiner Jacke zu binden. Seine Mutter greift nach seinem Fuß um dem Kind zu helfen.

Hanna erklimmt mit vollem Körpereinsatz ein kleines Mäuerchen. Ihr Vater ruft: "Pass auf, dass Du nicht runter fällst."

Max bohrt auf einem Spielplatz verzückt mit einem Stecken in der Erde. "Geh doch in den Sandkasten, da sind auch Schaufeln und Förmchen." - "Nein." - "Willst Du lieber wippen? Oder schau mal, die Schaukel ist gerade frei geworden." Das Kind schüttelt den Kopf. "Na dann rutsch doch wenigstens. Das machst Du doch so gerne."

Was ist an diesen Beispielen so bedeutend?

Die Kinder in den Beispielen machen gerade wichtige Erfahrungen. Dafür brauchen sie ihre Mütter nicht. Sie brauchen Zeit und Ruhe, um sich weiter auf Ihre Aufgabe konzentrieren zu können. Und sie brauchen die Gewissheit: Wenn ich meine Eltern brauche, sind sie für mich da. Sie helfen mir, die Schuhe zu binden, streicheln die Beule an meinem Kopf und gehen mit mir zur Schaukel, wenn mir langweilig wird.

Gestörte Entwicklung

Machen wir uns bewusst: Mit jeder ungefragten Hilfestellung, mit jeder Unterbrechung des Spieles, mit jeder Ermahnung zur Vorsicht, stören wir unsere Kinder in ihrem "Flow" (Der Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi bezeichnete damit das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit). Der natürliche Flow ist eine der wichtigsten Triebfedern für die Entwicklung unserer Kinder. Nur weil sie sich so ganz und gar auf etwas einlassen können, sind sie in der Lage so rasend schnell zu lernen und zu wachsen.

Mit jeder Unterbrechung vermitteln wir unseren Kindern außerdem, dass ihre Tätigkeit nicht wichtig genug ist, um sie nicht zu stören. (Wie oft hören sie Sätze wie "Ich telefoniere gerade. Das ist wichtig. Stör mich nicht."?)

Es ist also nicht einfach nur nervig, wenn Papa oder Mama dauernd ihren Senf dazu geben, sondern schädlich - für die kindliche Entwicklung und für unsere Beziehung zueinander.

Zum Lernen gehören übrigens auch Versuch und Irrtum. Der kleine Anton aus dem obigen Beispiel wird lernen, wie es aussieht, wenn seine Mutter den Schuh zubindet. Und vielleicht, dass seine Mutter gar nicht daran glaubt, dass er es schaffen könnte. Welche Freude wäre es gewesen, wenn er es nach einigen weiteren Versuchen doch selbst geschafft hätte?

Natürliches Wachstum zur Selbstständigkeit

Es ist eine der größten Herausforderungen im Alltag einer Mutter oder eines Vaters immer aufs Neue zu erkennen, wo ihre Kinder sie brauchen und wo nicht.

Wie schaffen wir es, die Balance zwischen Unterstützen und Freiraum geben zu finden?

Achtsame Anwesenheit

Sei da und greife nur dann in das Tun Deines Kindes ein, wenn es Dich danach fragt!

Was "da sein", was "Tun" und was "fragen" bedeutet, ist natürlich abhängig vom Alter des Kindes:

Bei kleinen Kindern, die noch kein Telefon bedienen können, bedeutet "da sein" greifbar sein. Bei einem Teenager bedeutet es ansprechbar zu sein.

Das Greifen nach einem Gegenstand mag uns Erwachsenen nicht als wichtige Tätigkeit erscheinen. Doch für ein Baby ist es ein entscheidender Entwicklungsschritt. Es will es selber können. Wenn es ihm nicht gelingt und es Hilfe will, werden wir es schon merken.

Ein Neugeborenes kann nicht "fragen" und doch können wir achtsam wahrnehmen, ob es gerade zufrieden ist, oder hoch genommen werden will.

Die Unmutsäußerungen eines Kleinkindes sind noch keine Frage nach Hilfe. Es schimpft eben gerade etwas vor sich hin um sich Luft zu machen. Wenn es Hilfe will, wird es sicher "Mama" rufen.

Manchmal geht es eben nicht anders

Es gibt nur drei Ausnahmen, in denen das Eingreifen der Eltern auch ohne Frage der Kinder wichtig ist:

Erstens natürlich wenn unser Kind sich in ernsthafte Gefahr bringt. Dann sollten wir nicht mehr ermahnen, sondern direkt handeln. Allgemeine Ermahnungen zur Vorsicht sind IMMER kontraproduktiv, weil sie die Konzentration stören. (Etwas anderes sind Hinweise wie "Siehst Du, dass es dort vorne steil nach unten geht?")

Die zweite Ausnahme ist, wenn das Kind die persönlichen Grenzen der Eltern oder anderer Menschen überschreitet. Wir brauchen hier viel Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit abzuwägen: Ist es eine persönliche Grenze oder nur ein Prinzip oder eine gesellschaftliche Norm? Wer nähme größeren Schaden - derjenige, dessen Grenzen überschritten würden oder das Kind, wenn jemand in sein Handeln eingreifen würde?

Die dritte Ausnahme ist, wenn es unsere Geduld als Eltern überschreitet. Dann ist eine höfliche, sanfte Hilfestellung für alle Beteiligten wohltuender, als ein Elternteil, das kurz vorm Explodieren steht. Und auch hier gilt: Bei genauer Betrachtung ist es weit seltener nötig Kinder anzuschieben, als wir glauben.

Fazit: Unsere Kinder brauchen auch mal ihre Ruhe!

Im Alltag greifen wir viel zu oft gewohnheitsmäßig in das Tun unserer Kinder ein.

Lasst uns achtsam sein für solche Situationen und öfter mal Schweigen. Damit geben wir nicht nur unseren Kindern die Möglichkeit sich ungestört zu entwickeln - wir schaffen auch neuen Raum dafür, auf uns selbst zu achten.

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