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08/02/2016 07:34 CET | Aktualisiert 08/02/2017 06:12 CET

Heute schon gecoacht? Warum nicht überall Coaching drinnen ist, wo Coaching draufsteht.

Goodshoot via Getty Images

Coaching ist in. Jeder der etwas auf sich hält, leistet sich heutzutage einen Coach. Diese große Nachfrage verleitet wiederum sehr viel, sich auch ohne qualifizierte Ausbildung und entsprechendem Know-How Coach zu nennen. Wen wundert es daher, dass der Markt undurchsichtig geworden ist, der Ruf des Coaching Schaden davon trägt und auch immer wieder von Scharlatanerie gesprochen wird.

Durch Zufall wurde ich vor kurzem Augenzeugin einer virtuellen Diskussion. Darin wurde die Frage gestellt, warum derzeit eigentlich die Coaches wie Pilze aus dem Boden wachsen.

Eine sehr gute Frage. Warum wird heutzutage jeder oder jede Coach? Wobei diese Frage insofern nicht ganz richtig ist, als dass es dieses Phänomen nicht erst im Jahre 2016 gibt, sondern bereits 1990 in der Literatur auftauchte.

Damals meinte Thomas Sattelberger, ein deutscher Manager, Coaching sei alter Wein in neuen Schläuchen. Während Jörg Geßner, ein Organisations- und Personalentwickler im Jahr 2000 anführte, Coaching sei eine Innovation in der Personalentwicklung.

Dieser kontroverse Zugang bestand also schon immer. Die einen schwören drauf, die anderen halten es für Humbug.

Nur warum ist das überhaupt so? Gehen wir zurück zu den Anfängen.

Woher kommt Coaching

Der eigentliche Ursprung des Begriffes „Coach" liegt in einem Dorf namens Kocsi Szejer im nördlichen Ungarn, Dort wurden im 15 Jahrhundert wunderschöne Pferdekutschen hergestellt und wurden in Ungarn „Wagen aus Kocs" genannt. Mit der Zeit wurde es dann auf „kosci" abgekürzt. Dieses Wort „kosci" nahm erst im 16. Jahrhundert Einzug in andere Sprachen - „Kutsche" im deutschen, „coche" französisch, „cocci" italienisch.

Erst 1556 tauchte im englischen das Wort „coach" auf. Als „coaching" wurde das kutschieren eines Fahrgastes von A nach B genannt.

1960 taucht der Coach erstmalig im Sport auf. Gemeint war hier der Trainer, der sich nicht nur auf die Technik konzentrierte, sondern auch psychologische Aspekte ins Training mit aufnahm.

Von dort ging es in den 70er Jahren in der USA weiter in die Wirtschaft, wo vor allem Führungskräfte gecoacht wurden. In den 80er Jahren hielt der Coach Einzug in Deutschland. Und seitdem ist der Boom nicht mehr aufzuhalten.

Coaching ist eine Black-Box

Es gibt den Life Coach, den Executive Coach, den Leadership Coach, den Coach-Coach. Aber es gibt auch den Wohn-Coach, den Bank-Coach, den Love-Coach. Es gibt sogar den „The Voice of Germany"-Coach.

Und hier liegt das eigentliche Grundproblem. Jeder, der möchte, kann sich Coach nennen. Das gesamte Berufsbild „Coach" ist derzeit im deutschsprachigen Raum an keine formelle Qualifikation gebunden. Damit wird Coaching zu einer Black-Box. Denn wie soll der Coachee (jene Person, die Coaching in Anspruch nimmt) nun überhaupt wissen, was er kauft, wenn es keine Regelungen dafür gibt. Wie fundiert und kompetent ein Coach arbeitet, lässt sich nicht auf den ersten Blick erkennen. Was leider dem Ruf der gesamten Branche schadet. Denn Scharlatane, selbsternannte Super-Coaches, die zwar ausgezeichnete Verkäufer sind, aber keinen guten Coach abgeben, überschwemmen die Branche.

Coaching ist kein Allheilmittel

Natürlich ist es verlockend sich Coach zu nennen und als Coach zu praktizieren. Immerhin soll es ja den einen oder anderen Coach geben, der einen Tagessatz von mehreren Tausend Euros verrechnet. Da ist es nicht verwunderlich, dass jeder gerne an diesem großen Kuchen mitnaschen möchte. Nur ganz so einfach ist es nicht.

Denn Coaching ist kein Allheil-Mittel. Weder für den Coach selbst, denn die wenigsten Coaches können alleine vom Coaching leben. Noch für den Coachee - nicht für jedes Problem ist Coaching auch die Lösung.

Was ist Coaching und was kann es leisten?

Auch wenn Coaching kein einheitliches Berufsbild ist, haben professionelle Coaches eine langjährige Ausbildung und eine fundierte Frage- und Interventionskompetenz. Im deutschsprachigen Raum geben Coaching-Dachverbände eine recht einheitliche Definition vor, was Coaching ist.

  • Coaching ist eine spezielle Form der Einzelsupervision für Führungskräfte und andere Personen in beruflich verantwortungsvollen Positionen.

    Supervision als Coaching konzentriert sich auf Themen wie Gestaltung der Führungsrolle, Karriereplanung, Management von Veränderungsprozessen und Management von Krisensituationen und bietet auch Trainingssequenzen an.

    Das heißt Coaching ist im Gegenzug zur Psychotherapie und Psychologie immer im beruflichen Kontext zu sehen.

  • Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe.

    Der Coach nimmt dem Coachee keine Arbeit ab, sondern zeigt ihm Wege auf, wie er diese selbst bewältigen kann. Im Coachingprozess werden Selbstblockaden, Schwierigkeiten und konkrete Umsetzungsprobleme aufgelöst. Coaching ist auch Dauer-Prozess, weil es immer ziel- und lösungsorientiert ist und die Eigenverantwortung aktiviert.

  • Coaching ist der Prozess der gemeinsamen Lösungsfindung.

    Es gibt somit keine fertigen Lösungen, die der Coach aus dem Hut zaubern kann und für jeden Kunden anwendbar ist. Das unterscheidet es ganz klar von einem Training, das für mehrere Personen nach dem selben Schema abgewickelt wird

  • Coaching ist der Blick von außen.

    Der Coach ermöglicht dem Coachee eine veränderte Sichtweise einzunehmen und der Kunde kauft sich den professionellen Blick von außen ein. Gerade dieser Perspektivenwechsel ist eine der größten Gewinne professionellen Coachings

  • Coaching setzt Impulse.

    Durch gezielte Interventionen leitet der Coach seinen Kunden in neue Fahrwasser, die es ihm ermöglichen, seine Ziele besser und schneller zu erreichen.

  • Coaching ist nachhaltig.

    Gutes Coaching begleitet über einen längeren Zeitraum, hat eine ganz klare Zieldefinition und die Erreichung wird am Ende des Coaching evaluiert.

    Ist der Coachingprozess gut aufgesetzt - am Anfang Definition der Ziele und am Ende Überprüfung der Zielerreichung - ist Coaching auch für den Kunden messbar.

    Wurden die Ziele nicht erreicht, dann war es kein Coaching!

Was kann Coaching nicht leisten?

Coaching ist kein Medikament, dass man einwirft und schon wird alles gut. Coaching ist auch nicht Couching - der Coach arbeitet und der Kunde lehnt sich zurück. Auch für sehr viel Geld kann der Coach keine Wunder vollbringen, weder ein professionell ausgebildeter, noch ein selbsternannter.

Wenn der Kunde nicht bereit ist an sich zu arbeiten und sich selbst persönlich weiter zu entwickeln, dann ist Coaching von vornherein zum Scheitern verurteilt. Beim Coaching muss ganz klar der Wille und die Zeit zur Selbstreflexion und zur Veränderung vorhanden sein. Ein „so bin ich nun mal" und „so haben wir es immer schon gemacht" macht den Coaching-Prozess unmöglich.

Coaching ist auch kein Training, Beratung und keine Psychotherapie. Und doch wird es immer wieder vermischt, was insofern in Ordnung ist, wenn sich sowohl der Coach als auch der Kunde klar darüber sind.

Wird Coaching mit Beratung vermischt, spricht man von komplementärer Beratung. In diesem Fall besitzt der Coach nicht nur Wissen über die Prozessgestaltung, sondern auch fachliches Wissen und bringt dieses in den Sitzungen ein.

Coaching boomt, daran gibt es keinen Zweifel. Und ich halte Coaching für eine ganz wesentliche Maßnahme und Intervention um die eigene persönliche Entwicklung zu forcieren, um Ziele schneller zu erreichen und um Probleme aufzulösen.

Passen wir aber alle gemeinsam nicht auf - und da meine ich sowohl den Coach als auch den Coachee - bekommt Coaching einen dermaßen schlechten Ruf, sodass beide Seiten nur verlieren können.

Daher rate ich Personen, die sich für ein Coaching interessieren, sich im Vorfeld über ein paar Fragen klar zu werden, damit das Coaching auch tatsächlich ein Erfolg wird.

  • Benötige ich ein Coaching, eine Fachberatung oder ein Training?

  • Habe ich ausreichend Zeit und den Willen eine Veränderung meiner Situation herbeizuführen?

  • Bin ich bereit die Verantwortung für mein Vorwärtskommen zu übernehmen?

  • Verfügt der Coach meiner Wahl über eine fundierte Ausbildung?

  • Habe ich einen guten Draht zu meinem Coach und vertraue ich ihm, dass er mich durch meinen persönlichen Prozess gut begleiten kann?

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