BLOG
16/09/2015 08:28 CEST | Aktualisiert 16/09/2016 07:12 CEST

Global katastrophal und immer schön normal

Getty

Deutschland hat, laut Statistischem Jahrbuch, die zweitälteste Bevölkerung der Welt. Das bedeutet, älter sind wahrscheinlich nur ein paar Bonsai-Gehölze im noch älteren Japan. Unser Land ist ein erfolgreiches Altersheim ohne Nachschub. Denn gleichzeitig bilden wir in Europa beim Kinderkriegen das Schlusslicht. Ein demografischer GAU. Aber diesem Negativtrend hat sie kurzerhand ein Ende gesetzt, die Kanzlerin.

Mutig kehrt sie den Armen im zermürbten Griechenland den Rücken und öffnet ihre Arme für die jungen, motivierten Armen aus dem Orient.

Hatte sie nicht gerade einem palästinensischen Mädchen erklärt, wie das läuft mit der Ausweisung? „Deutschland ist schließlich kein Einwanderungsland" - sind das nicht die Worte der deutschen Regierung? Nein?

Blitzartige Wende, Fukushima reloaded

Ich stelle mir die helle Stunde der Kanzlerin so vor: Kaum hatte Merkel von den demografischen Ausmaßen gehört, prompt landete auf ihrem Schreibtisch die (seit Jahren wegen schlechter Zahlen) zurückgehaltene Gittermappe - und darin waren Informationen über den syrischen Durchschnittsflüchtling: Er ist um die 30, meist männlich, gut ausgebildet und 21 Prozent von ihnen geben an, eine Fachhochschule oder Universität besucht zu haben. Die Überraschung: er steht sogar schon in der Tür. Oder besser, er steht in allen Türen.

So ein glücklicher Zufall:

man kann sich die große Freude bei Angela Merkel vorstellen. Problem gelöst.

Dabei hatten wir Deutschen doch gerade unglaublich viel Angst vor dem Russen, obwohl der lediglich vor der Tür stand. Oder war es der Iraner? Man muss es jeden Tag neu und unvoreingenommen lesen, was die Welt so anstellt, um überhaupt Schritt halten zu können. Internationale Feinde und Freunde ändern sich mit jeder lockeren Kanzlerumdrehung. „Wenn soviel gelogen wird, dann befinden Sie sich auf dem Bullshit Mountain", würde Jon Stewart sagen, der langjährige Gastgeber der Daily Show.

Das Neue und Schöne ist:

Islam war gestern - heute heißt der Feind 'Altenquotient' - und der Islam hilft bei der Lösung. Eine Art vermerkelter Boomerang-Effekt.

„Der Altenquotient ist das Verhältnis der Personen im Rentenalter zu 100 Personen im erwerbsfähigen Alter. Im Jahr 2005 betrug er in Deutschland ca. 32, im Jahr 2030 wird er bei ca. 50 bzw. 52 liegen, im Jahr 2050 bei 60 bzw. 64. Die Zuwanderung von Ausländern schwächt diese Entwicklung etwas ab, da es sich bei den Migranten häufig um Menschen im jungen Alter handelt und deren höhere Geburtenrate eine Rolle spielt."

Wir helfen. Das ist gut und richtig aus jeder Perspektive.

Wäre es nicht schön gewesen, die Regierung hätte ihren Job gemacht und das Land darauf vorbereitet - oder zumindest die Vertreter in den Regionen? Eine Million Flüchtlinge kommen nicht Übernacht. Auch wenn uns das jetzt eingeredet wird.

Die Fakten sind lange klar:

Laut Heinrich Böll Stiftung, "gibt es zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg über 50 Millionen Flüchtlinge auf der Welt." 2014 war, so das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung, „ein Katastrophen-Jahr für den Weltfrieden. Die Zahl der Konflikte weltweit ist im Vergleich zum Vorjahr um zehn auf 424 gestiegen - trauriger Rekord seit Beginn der Statistik Anfang der 90er-Jahre. Auch die Zahl der Kriege, also der extremsten Form der politischen Konflikte, stieg von 20 auf 21."

  • Warum sind wir unvorbereitet?
  • Wo ist die Strategie?
  • Wer ist die Exekutive?
  • Wie soll die Integration erfolgen?
  • Wann beginnt die?

Statt generalstabsmäßig organisierter Integration, gibt's Zuwanderung ohne Konzept

Wer sein Volk in Umbruchsituationen allein lässt, wird sich erschrecken, in welche Richtung es sich bewegen wird. Die Deutschen haben ohnehin schon soviel Angst. Wir haben veraltete Wirtschaftsstrukturen, ein schlechtes Bildungssystem und eine überforderte Bürokratie - ein Land zu regieren, heißt, ein Land zu regieren. Anders als in einer Diktatur, wo man nur anweisen muss, gilt es in einer Demokratie, alle Stakeholder zu managen. Tut die Regierung das?

Kriege bringen Tod und Flucht für Millionen.

Gut, eine Handvoll Unternehmen verdient auch daran und als drittgrößter Waffenproduzent sind wir sicher auch dabei. Aber: Merkel sieht das vielleicht ganz pragmatisch als Win-Win-Situation. Wer nicht zuhause umkommt, der kommt nach Deutschland und verjüngt das Land. „Und da sollen sich die Deutschen mal nicht so anstellen. Hindernisse gilt es jetzt aus dem Weg zu räumen...." Eine ganz formidable Ansage, Frau Merkel. Leider kommt sie von einer Politikerin, die gestern mit George W. Bush in den Irakkrieg ziehen wollte.

Der lange Marsch nach Europa hat gerade erst begonnen.

Natürlich werden mehr als eine Millionen Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Deutschland ist die viertgrößte Wirtschaft der Welt; wo sonst, wenn nicht hier, finden Menschen Hilfe in der Not. Wer inzwischen ein paar von ihnen kennengelernt hat, ist stolz, dass wir es können.

Nein, sie flüchten nicht, weil Deutschland guten Fußball spielt und ein Oktoberfest hat - sie kommen, weil ihnen zuhause der Wassertrog aus der Hand gebombt wird. Und wo sonst finden sie noch Zuflucht? Jordanien ist voll. Dort ist "bereits jeder fünfte Bewohner ein Flüchtling", hat Königin Rania von Jordanien gerade mitgeteilt. Saudi Arabien, Katar? Googlen Sie mal.

Die ersten deutschen Trommler sind in Aktion

Lobbyarbeit für einen deutschen Militäreinsatz in Syrien steht heute wieder hoch im Kurs. Noch mehr Gewalt bringt weniger Flüchtlinge? Gibt es eigentlich noch irgendwo einen klugen Kopf in der Führungsriege, der die Bremse zieht? Ach richtig, wer tot ist, kann nicht mehr nach Europa flüchten... So klappt's dann auch bald wieder mit Schengen.

Ist Europa Teil der Lösung oder Teil des Problems?

Die Bevölkerungszahl der EU beläuft sich auf ungefähr 500 Millionen. Laut Human Rights Watch - liegt die Zahl der Flüchtlinge, die übers Mittelmeer oder den Balkan nach Europa drängen bei 340.000 in diesem Jahr.

Das bedeutet einen Anteil von 0,068 Prozent der europäischen Bevölkerung. Zusätzlich gibt es zwischen 1,9 und 3,8 Millionen nicht erfasste Immigranten - weniger als 1 Prozent der Bevölkerung. Die USA mit ihren 320 Millionen Einwohnern beherbergen schätzungsweise 11 Millionen nicht erfasste Einwanderer - dreieinhalb Mal soviel (3,5 Prozent der Bevölkerung) wie die EU. Fingerzeigen bringt also nichts.

Wake up, deutsche Regierung!

Was wir heute brauchen, ist eine generalstabsmäßig durchgeplante Integration. Mit Herz und Verstand. Und Mut. Dann klappt's auch wieder mit der Bevölkerung.

Sibylle Barden-Fürchtenicht ist Autorin des erfolgreichen Buches "Triumph des Mutes - Wie wir unsere Angst besiegen und erfolgreich Krisen meistern"

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Flüchtlingsströme in München brechen ein: Das sind die Auswirkungen der Grenzkontrollen

Hier geht es zurück zur Startseite