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28/09/2015 07:42 CEST | Aktualisiert 28/09/2016 07:12 CEST

Bücher: Das Milliardengeschäft und die Zukunft des Publishings

ullstein bild via Getty Images

Der Buchhandel setzt fast 10 Milliarden Euro um.

Der deutsche Markt gilt nach den USA als der zweitgrößte der Welt. Rund 3000 Verlage produzieren fast 100.000 Titel pro Jahr. Und doch herrscht Bipolarität im Buchhandel - wer nicht in Panik verfällt, befindet sich in der Depression. Überall ist die Rede vom Büchersterben und vom unaufhaltbaren Schliessen der Buchläden, von denen wir immerhin 6000 haben.

Das Problem?

Der Buchhandel selbst ist das Problem. Sein Status steht ihm im Weg. Während Leser und Autoren sich weiter entwickelt haben, verharrte der Buchhandel zu lange in der Zeit des Schwarz-Weiß-Fernsehens.

Er glaubte, wie einst Achilles, er sei unbesiegbar, mindestens aber zu stark, um zu scheitern. Die Banken, die das auch dachten, erlebten ihre globale Finanzkrise. Für den Buchhandel brauchte es nur eine einzige amerikanische Firma; Amazon.

Heute werden die Milliarden umverteilt

Der Deutsche liest. Er liest auch sehr viel. Aber, leider, liest er nicht mehr so, wie von ihm eingefordert. Er ist unabhängig geworden. Der Leser will lesen, wann er will, wo er will, wie er will und was er will. Und der Autor? Der Autor will schreiben, wann er will, was er will, und wie er will. Beide, Leser und Autor, gehen naturgemäß dorthin, wo man sie willkommen heißt.

Wo ist das?

Bücher sind wunderbare Produkte. Ein Buchautor braucht für sein wunderbares Produkt den bestmöglichen Partner. Dieser bestmögliche Partner zeichnet sich dadurch aus, dass er Vertrauen durch professionelle Brillanz schafft.

Diese Brillanz gegenüber Autoren sieht so aus: hohe Motivationskraft, schnelle Entscheidungen & Umsetzung, globale Markt- und Marketingkenntnisse, flexibles Handeln (Rechte), Nutzen modernster Technologien und Plattformen, viel Freiheit, wenig Kontrolle, faire Konditionen, exzellenter Service.

Rundum: ein Autor sucht ein Unternehmen, das am Markt ausgerichtet ist.

Und der Markt ist der Leser.

Der Markt, liebe leidende Holzverlage, ist nicht der Abteilungsleiter im oberen Stockwerk. Es ist auch nicht der Zwischenhandel oder eine alteingesessene Buchhandlung. Der Markt eines Verlages und eines Autors ist der Leser.

Verlage sind Serviceunternehmen. Sie haben nur einen einzigen Job: Bücher zu verkaufen.

Es ist irrelevant, ob der Leser sein Taschenbuch sofort im Buchladen oder auf seinem eReader im Bett verschlingt. Vielleicht will er seinen Krimi getanzt haben? Es sei ihm gegönnt. Er ist mein Ziel. Ich bewerte ihn nicht. Ich liebe ihn.

Und deshalb präsentiere ich ihm mein Buch auf „der App, im Mobiltelefon, als Social Media-Event, Filmtrilogie oder auch als Rätsel mit Millionengewinn." Der freidenkende Autor ist schon lange zum freidenkenden Unternehmer geworden. Und die Verlage?

Verlage hören den Weckruf - und machen (mit wenigen Ausnahmen) weiter wie bisher

Als Publizist, Unternehmer und demnächst Hybrid-Autor (jemand der selbst und über die klassische Verlagsschiene publiziert) habe ich Höhen und Tiefen, Einblicke, Abgründe, Vorschläge und Rückschläge, Nackenschläge und Schulterschläge erlebt. Ich denke, ich kann mir heute, drei Jahre nach Beginn meiner Reise in die produzierende Bücherwelt, ein Bild darüber machen, wie er aussehen kann, der ideale Verlag. Und ich erzähle Ihnen auch, wie ich zu diesem Bild gelangt bin.

Stellen Sie sich vor, Sie schreiben ein Sachbuch über Motivation und Mut und Verantwortung http://www.amazon.de/Triumph-Mutes-besiegen-erfolgreich-meistern/dp/300047577X und die Verlagsmitarbeiter deutscher Holzverlage reagieren -nach langen Wartezeiten- missmutig, demotivierend und deprimierend. Würden Sie mit denen arbeiten wollen? Natürlich nicht.

Und nun?

Und nun passiert folgendes:

Auf der Suche nach einer optimalen Buchheimat, stosse ich auf Ruprecht Frieling, einen unkonventionellen Autor, Verleger und Talentförderer, auch als »Grandfather des Self-Publishings« bekannt. Sein Kindle für Autoren war der erste Ratgeber für Self-Publisher in deutscher Sprache. http://www.amazon.de/KINDLE-AUTOREN-oder-amazon-yourself-Buch-ebook/dp/B0054LQ8OC

In seinen Vorträgen sagt er so wunderbare Dinge wie, „...was Madame Pompadour und Friedrich Schiller vor etwa dreihundert Jahren erfolgreich gestartet haben, kann für den heutigen Verleger-Unternehmer nur Vorbild sein. Beide konnten ihre Werke nicht an den Leser bringen; kein Verlag wollte sie unterstützen.

Was haben sie gemacht? Madame Pompadour hat sich ihren eigenen Verlag gekauft, der andere, Schiller, hat's mit Crowdfunding versucht. Schiller hat Freunde und Fans gebeten, vorab Geld in seine Arbeit zu investieren."

So gewinnt man Fans.

Ich war eingetaucht in die Welt der Selfpublisher. Und sofort begeistert. Die Can-do-Mentalität, die unter den etwa 75.000 Selbstverlegern herrscht, motiviert ungemein. Das Credo lautet: „Immer da. Immer ansprechbar. Immer auf dem neusten Stand. Immer neugierig." Allen voran der sehr geschäftstüchtige und engagierte Matthias Matting.http://www.selfpublisherbibel.de/ueber-matthias-matting/

Sein Prinzip ist ein ur-christliches: Gib' und Dir wird gegeben.

Matting teilt freizügig seine Informationen, er verschenkt sie häufig. Er hilft, wann immer gefragt, er lernt und erforscht immer neue Märkte für Autoren und Leser. Kaum frage ich mich, wie es wohl auf dem asiatischen Buchmarkt aussieht, prompt ist er vor Ort und erklärt mir, was genau es ist, dass die Chinesen auf Reader X bevorzugen. Wer heute ein Buch -digital und nicht digital- erfolgreich verlegen will, muss seine Selfpublisher-Bibel lesen. http://www.amazon.de/gp/product/B00I6J5JR6?keywords=selfpublisher%20bibel&qid=1442595333&ref_=sr_1_1&sr=8-1

Geben, Teilen, Helfen, Lernen -

der Selfpublishermarkt ist ein sehr motivierender und herausfordernder Markt.

Es herrscht Goldgräberstimung. Man lernt schnell, was möglich ist. Alles.

Ein Ergebnis in der Selfpublishing Studie 2015 http://www.selfpublisherbibel.de/die-ergebnisse-der-grossen-selfpublishing-studie-2015-teil-1/ ist ein Weckruf für den gesamten Buchhandel:

„Die Motivation für das Selfpublishing konzentriert sich wie in den Vorjahren auf zwei Faktoren: Freiheit und Kontrolle. Deren Bewertung hat sich sogar noch verstärkt, während das Argument „keinen Verlag gefunden" weiter zurückgedrängt wurde.

„Unbedingt" will heute nicht einmal mehr jeder Zehnte Teilnehmer bei einem Verlag veröffentlichen. Als Option steht er oder sie dem Verlag (unter den richtigen Bedingungen) aber durchaus offen gegenüber."

Was hauseigene Verlagsautoren sagen:

- „33 Prozent der deutschsprachigen Autoren sind mit ihrem Verlag unzufrieden - das ergab eine Umfrage, die Autorenverbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter ihren Mitgliedern durchgeführt haben.

- Die Zufriedenheit lässt sich zum Beispiel 1:1 auch auf die Vertragsbedingungen übertragen. Ganze 34% der deutschen Umfrageteilnehmer hätten gern andere Verträge. Mit der inhaltlich-kreativen Zusammenarbeit sind hierzulande 37 Prozent unzufrieden.

- Geht es um die PR-Arbeit der Verlage, steigt die Quote der Unzufriedenen sogar auf 52 Prozent. Das resultiert wohl vor allem aus dem Autoren-Anteil am Gewinn, der bei mehr als zwei Dritteln der deutschen Verlagsautoren unter 10 Prozent liegt. Mehr als ein Viertel erhält sogar nur vier bis fünf Prozent der Nettoerlöse, mehr als zehn Prozent gibt es nur für jeden Vierzehnten."

Lieber Buchhandel - das ist der eigentliche Weckruf!

Wer dieses enorme Potenzial erkennt, ob Verlag oder Plattform, wird den richtigen Weg einschlagen. Es geht nicht um verlorene Schlachten, es geht um Wettbewerb, um die Zukunft des Publishings.

Der Feind des Buchandels ist nicht Amazon, der Feind des Buchhandels ist die Schockstarre, in der er nun schon seit Jahren verweilt. Eine ganze Branche wird nicht plötzlich von einem einzigen Unternehmen überrollt. Überrollt wird man von der eigenen Wettbewerbsunfähigkeit.

Amazon hat den Markt erobert, weil es die Grundregel einer jeden Unternehmung verstanden hat: Service. Bezüglich des Buchmarktes: Service am Autor, Service am Selbstverleger, Service am Leser.

Plötzlich werde ich gefragt: „Was dürfen wir für Sie tun? Haben Sie schon mal daran gedacht, Ihren Markt nach X zu erweitern oder mit Preis Y zu spielen, sich mit internationalen Autoren übers Marketing auszutauschen, Ihr Buch in andere Sprachen gleichzeitig zu übersetzen? Möchten Sie eine neue Idee mit uns teilen - wir sind für Sie da."

„Wir sind für Sie da."

Darum geht's. Was wir brauchen ist ein kategorisches Umdenken; wir brauchen eine neue Kultur unternehmerischen Denkens. Der alte Status wird nicht für künftige Marktführung sorgen. Aber neues Denken. Miteinander bringt mehr.

Sollte ich einen idealen Verlag gestalten,

wären das meine ersten 12 Paramenter:

1. Teilen

Entdeckt man ein gutes Buch und bekommt nicht alle Ausgaben vom Autor, sollte man teilen. Vielleicht verlegen Sie nur das Taschenbuch und der Autor das ebook, oder Sie teilen sich Hörbuch und App, Film und Vetrieb.

2. Logistik

Strukturieren Sie die gesamte Logistikkette um. Sie ist veraltet. Stellen Sie ruhig den Zwischenhandel infrage - bringt er wirklich noch mehr Nutzen als Kosten? Eine effizientere Produktionskette ermöglicht bessere Preise.

3. Drucken auf Abruf

Jeder Selbstverleger druckt auf Demand/auf Bestellung. Das ist kostengünstig, umweltfreundlich, dauert 24 Stunden und bedeutet definitiv Verlegen 4.0. Moderne Technologie ermöglicht eine flexible Produktion und einen flexiblen Vetrieb. Inhouse ist wieder in.

4. Veröffentlichen

Sofort veröffentlichen, wenn ein Buch fertig ist - der Leser wird es honorieren. Ein Jahr Vorbereitungsfrist ist seit amazon, epubli, BoD, etc., nicht mehr interessant. Hier funktioniert die Umsetzung innerhalb weniger Wochen.

5. Stärken stärken

Klassische Verlage haben sehr gute Lektorate und ein gutes Vetriebsnetz - mit 6000 belieferbaren Buchhandlungen sind Traditionsverlage in dieser Kategorie bisher unschlagbar.

6. Autorennetzwerk

Bei den Selfpublishern herrscht freizügiger Austausch auf täglicher Basis - warum sollte das nicht auch für einen Publikumsverlag funktionieren? Man spricht über Marketing, PR, über die Do's und Dont's, über das richtige Layout, den besten Lektor, den fähigsten Cover-Designer, die lukrativsten Angebote.

7. Lizenzverträge

Fördern Sie befristete Lizenzverträge. Fünf Jahre sind ein guter Anfang. Wer einmal gut behandelt wird, kommt wieder.

8. Verlegen, was der Leser will

Nicht bewerten, sondern das Beste aus jedem Buch herausholen.

9. Mit nicht Gegen

Schöpfen Sie alle Möglichkeiten, wie Marketing, Reichweite, Verleih oder Preisaktionen anderer Anbieter aus. Lernen Sie von den Besten. Schaffen Sie Synergien.

10. Motivieren Sie den Autor

Der Autor von heute kann mit einem Traditionsverlag arbeiten - er muss nicht. Momentan sind die 6000 Buchhandlungen ein Gewinner-Argument. Aber auch hier verwässern die Grenzen. Der Eigenverleger ist bereits in diese Domäne eingedrungen - noch nicht sehr mächtig, aber die Tür ist offen.

11. Fokus

Autoren und Leser sind Ihre Freunde. Die sind Ihr Umsatz. Behandeln Sie die dementsprechend?

12. Lernen, lernen, lernen

Nichts ist so alt, wie die Zeitung von gestern - Vorsprung funktioniert heute durch Wissen & schnellstmögliche Umsetzung, bei gleichzeitiger Betriebskostenreduzierung. Trends erkennen und selbst Trends setzen!

Für Verlage und Buchplattformen, die das Einmaleins eines Dienstleiters verinnerlicht haben, sind goldene Zeiten angebrochen. Goodbye Status, Welcome Service.

Das erfolgreiche Selfpublisher-Buch von Sibylle Barden-Fürchtenicht erscheint 2016 bei dtv - „Triumph des Mutes" http://www.amazon.de/Triumph-Mutes-besiegen-erfolgreich-meistern/dp/300047577X

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