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28/10/2015 05:42 CET | Aktualisiert 28/10/2016 07:12 CEST

Warum du deine To-Do-Liste wegwerfen solltest

Betsie Van Der Meer via Getty Images

Die weit verbreitete Häkchenjagd ist ein Angriff auf das schöne Leben. Es ist allgemein bekannt, dass es beim Jagen häufig zu tragischen Unfällen kommt. Auch bei der Jagd nach Häkchen sind schon einige Menschen gestrauchelt.

Denn Häkchen stellen uns ein Bein. Kommen so harmlos daher, locken mit Dopamin und Multitasking, und haben dann doch einen Haken. Und an diesem Haken hängt die Sorge, das eigene Leben zu verpassen, getrieben von Ansprüchen, denen man glaubt, nicht zu genügen, bis man vergisst, warum man irgendwann ins Hamster-, sprich Häkchenrad stieg.

Und weil man so schnell unterwegs ist, findet man auch das Schild mit dem Notausgang nicht mehr. Was fatal enden kann, wenn die Rauchsäule eines Burnouts am Horizont aufsteigt. So ein Schwelbrand ist mit einem Wellnesswochenende nicht zu löschen.

Und weil man das weiß, möchte man unbedingt insgesamt gelassener werden. Sich nicht immer alles gleich so zu Herzen nehmen und vor allem aufhören, ständig negativ zu denken, sich das, was sein könnte, in düstersten Farben auszumalen.

Das Wissen darum, wie wichtig es ist, einen Ausweg zu finden, erhöht den Druck, und so beschleunigen wir das Tempo, mit dem wir in die Sackgasse rasen. Manche werden dann tatsächlich ausgebremst.

Stillstand. Nichts geht mehr. Diese Ruhepause ist nicht schön, weil sie gegen unseren Willen geschieht. Auch im fortwährenden Funktionieren ist es nicht wirklich schön, wenngleich uns das gute Gefühl beflügeln mag, dazuzugehören.

Effektiv zu sein, was wegzuschaffen. Ich bin keine Lusche, ich krieg das gebacken. Geht nicht gibt's nicht. Zeit ist Geld. Hier ein Häkchen und dort, und da noch schnell dies erledigt und jenes. Häkchen um der Häkchen willen.

Es gibt Hunde, die süchtig nach Apportierspielen sind. Man nennt sie Balljunkies.

Ich kenne auch Häkchenjunkies. Als würden sie windsurfen, brettern sie durch ihre To-do-Listen. Sie halten niemals an. Und werden immer kleiner am Horizont.

Bis sie irgendwann untergehen und mit neuen Erkenntnissen auftauchen, meistens nach einem Urlaub. Dann sagen sie: Ich mach jetzt alles anders. Ich will nicht mehr so gehetzt sein. Bald steigen sie wieder auf ihre Bretter, die Gischt spritzt hoch, und alles beginnt von vorne.

Schwungvoll im Häkchenslalom durch eine To-do-Liste zu fetzen kann beflügeln und stolz machen. Aber Häkchen können eben auch abhängig machen, eine Eigendynamik entwickeln. Da zieht ein Häkchen viele andere nach sich.

Doch allzu viele haben wir in unserer streng getakteten Zeit, die uns immer mehr Leistung abverlangt, ohnehin nicht zur Verfügung. Ja, ich helf mal aus bei der Buchhaltung im Schwimmverein, und zwei Monate später bin ich allein dafür verantwortlich.

Ja, ich kümmere mich um dein Computerproblem. Klar kann ich deine Mülltonne zur Straße vorrollen. Okay, das mach ich jetzt also immer. Ja, ich übernehme den Kunden Schmitt. Und schon bleibt er mir. Ich komme mit zum Zelten. Sag ich drei Monate vorher, weil die Leute so nett sind. Dabei hasse ich Zelten. Drei Monate später will ich das bestimmt nicht.

Ja, klar, ich komm mit, ich bin dabei, logisch, kein Problem, ja, das mach ich, das geht schon, das passt, ja freilich, nur her damit, nein, nein, keine Ursache. Doch. Nämlich die Ursache dafür, dass die Zeit schrumpft, die man für sich hat.

Also besser: Erst nachdenken, dann zusagen. Erst ein Häkchen auf der eigenen Liste, bevor man sich auf fremden Listen verhakt. So verwandelt sich manches Nein auf der To-do-Liste flugs in ein Ja auf der To-be-Liste. Es dauert einen Atemzug: Will ich das wirklich? Will ich dieses Häkchen? Steht es in Einklang mit meinen Vorstellungen vom guten Leben?

Oder gehört es zu denen, die ich machen muss, weil ich sonst in Gefahr gerate,

meinen Job, meine Beziehung oder irgendetwas zu gefährden, jemanden zu brüskieren?

Brauche ich dieses Häkchen für mein Wohlbefinden, für meine Ziele oder bin ich bloß gierig auf Häkchenjagd? Und dann lass ich es. Weil ich weiß, dass an solchen Häkchen Widerhaken hängen.

Häkchen können süchtig machen. Wer süchtig ist, steuert sein Leben nicht mehr selbst. Der Autopilot übernimmt, und er ist nicht nur auf Häkchen erlegen programmiert, sondern auch auf Zeit sparen, immer schneller werden, immer mehr erledigen und vor allem: Selbstoptimierung.

Was klingt wie ein Zauberwort, ist ein Fluch. Es wäre doch schön, wenn wir perfekt wären, wie wir sind. Wenn es nicht ständig irgendetwas zu verbessern gäbe. Wenn wir uns nicht ständig dehnen oder strecken müssten nach einem Ideal - oder schrumpfen und hungern.

Wenn wir einfach mal genügen würden. Da fallen doch gleich mal zwei Kilo Häkchenterror ab. Ja! Ich bin so, wie ich bin. Ich stecke in meiner Haut, und die ist nur bis zu einem gewissen Grad dehnbar. Und wenn ich das ignoriere, kann ich logischerweise nicht mehr glücklich sein in meinem Leben, weil es dann ja nicht mehr meins ist.

Dieser Beitrag basiert auf dem Buch Das Leben ist keine To-Do-Liste. Endlich Zeit für das, was wirklich wichtig ist- mit der To-Be-Liste, das im August 2015 erschienen ist.

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Paperback, Klappenbroschur, 256 Seiten, 13,5 x 21,5 cm

ISBN: 978-3-424-63110-4

Preis: € 14,99

Video:Gesundheit: Diese Lebensmittel sind die besten Stresskiller

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