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05/03/2016 09:22 CET | Aktualisiert 06/03/2017 06:12 CET

Der kynologische Hund

CaiaImage via Getty Images

‭„Sei schlau und stell Dich dumm" (Daniela Katzenberger)

„Dumm Di Dumm Du Dumm‭" (‬Luna B.‭ ‬Tausendschön‭)

Was wir nicht alles von ihnen erwarten‭? ‬Wie ist das nur gekommen‭? ‬Hunde haben in unserer modernen Welt wirklich kein leichtes Leben mehr.‭ ‬Was reden und schreiben wir nicht alles darüber,‭ ‬wie viel wir von unseren Hunden so lernen könnten:‭ ‬Gelassenheit,‭ ‬Ruhe,‭ ‬Empathie,‭ ‬bedingungslose Liebe und was weiß ich noch.‭ ‬Was sie alles sein sollen‭! ‬Vom Plüschkumpel über Kinderersatz bis hin zum Zen-Meister,‭ ‬fast alles was die menschliche Vorstellungskraft hergibt ist mit dabei.‭ ‬Hundeliebe ist voll im Trend,‭ ‬aber wo bleiben die Hunde dabei‭?

Ich liebe meine Hunde über alles,‭ ‬sie sind für mich meine Familie und ich würde für sie durchs Feuer gehen‭ ‬-‭ ‬und sie für mich.‭ ‬Aber wie sieht es wirklich aus für für den armen Kerl von Hund an meiner Seite‭?

Sie sollen überall mit hinkommen können‭! ‬In der Stadt,‭ ‬auf dem Flohmarkt und in der Umkleidekabine des Bekleidungshauses sollen sie unauffällig und ruhig sein.‭ ‬Sie sollen niemandem auf den Keks gehen,‭ ‬sich in der Öffentlichkeit unauffällig benehmen und nahezu alle Regeln des menschlichen Miteinanders respektieren‭ ‬-‭ ‬was für eine harte Aufgabe,‭ ‬oder‭? ‬Im Wald sollen sie dann auch mal die Sau raus lassen,‭ ‬ganz Hund sein und so richtig frei von allen Zwängen‭ ‬-‭ ‬bis zum nächsten Pfiff,‭ ‬Ruf oder einem anderen Signal des stolzen Hundebesitzers.‭

‬Die inneren schwedischen Gardinen auf Kommando sofort wieder hochziehen und je nach unserer Lust und Laune wieder runterlassen.‭ ‬Was für eine Herausforderung für eine kleine Seele.‭ ‬Auf der Straße und auf dem Hundeplatz sollen sie sich von allen anfassen lassen und zu Kindern sollen sie immer freundlich sein.‭ ‬

Jeder darf ihnen Leckerchen ohne Ende reinstopfen,‭ ‬aber Betteln ist verboten:‭ ‬Hunger und Verzicht auf Befehl,‭ ‬was für eine Arbeitsleistung,‭ ‬die die Kleinen da vollbringen.‭ ‬Mit allen anderen Hunden sollen sie klarkommen,‭ ‬egal ob groß oder klein,‭ ‬und mit jedem ausgelassen rumtollen und spielen:‭ ‬Weil wir das so toll finden,‭ ‬auf unsere Hundlerkontakte nicht verzichten wollen und das alles sowieso die beste artgerechte Auslastung der Welt ist.‭ ‬

Eine eigene Meinung dürfen sie nicht haben,‭ ‬weder zu den Anmachen des unsympathischen Kollegen noch zu unfreundlichen Menschen.‭ ‬An der Leine immer die Klappe halten,‭ ‬sich nie weiter als einen Meter von Euch entfernen und die unmöglichsten Situationen stoisch ertragen,‭ ‬die wir ihnen zumuten:‭ ‬das ist der Alltag unserer modernen Hunde‭!

Menschen die ohne Ende freundlich grinsen und andauernd vor sich her lachen landen irgendwann beim Psychiater‭ ‬-‭ ‬nur für Hunde soll das der Alltag sein,‭ ‬lebenslang‭! ‬Was für eine beknackte Welt‭ ‬...

Ja,‭ ‬früher war alles besser,‭ ‬oder‭? ‬Nein,‭ ‬auf gar keinen Fall,‭ ‬es war einfach nur wesentlich übersichtlicher.‭ ‬Noch in den Neunzigern gab es die,‭ ‬die fast täglich mit ihren Hunden auf dem Hundesportplatz waren und die,‭ ‬die mit ihrem Hund dreimal täglich an der Leine durch den Wald geschlichen sind.‭ ‬Es gab erfahrene Hundehalter und welche,‭ ‬die noch etwas mehr Ahnung hatten.‭ ‬Man hatte sich getroffen,‭ ‬sich ausgetauscht und auf eine ganz archaische Art und Weise haben die Jüngeren von den Älteren gelernt.‭

‬Manche wurden Übungsleiter in Hundevereinen und einige engagierte Hundler fingen an,‭ ‬die ersten Agility-Gruppen in Deutschland aufzubauen.‭ ‬Ja genau,‭ ‬die Schutzhunde-Vereinsmeierei hatte damals schon genervt‭! ‬Die Auskennerei in Sachen Hund war aber noch ein Ehrenamt und meistens sogar eine Ehrensache.‭ ‬Den‭ ‚‬Beruf‭' ‬des Hundetrainers gab es noch gar nicht und nur ganz wenige trauten sich,‭ ‬privat eine Hundeschule aufzumachen.‭ ‬Nach guten Büchern über Hunde musste man regelrecht suchen,‭ ‬aber wenn man eines gefunden hatte,‭ ‬dann hatte man auch eines gefunden.‭ ‬Und nochmal nein,‭ ‬es war nicht alles gut damals,‭ ‬es war einfach nur übersichtlicher.‭ ‬

Leute die mit ihrer Ahnung über Hunde angaben,‭ ‬mussten auch wirklich welche haben,‭ ‬weil ansonsten keiner auf sie gehört hatte.‭ ‬Das alles hat das Hundeln leicht gemacht und irgendwie,‭ ‬ich glaube es fast,‭ ‬gab es auch wesentlich weniger Hunde und Hundemenschen,‭ ‬was das Hundeln ebenfalls leichter gemacht hatte.‭

Und,‭ ‬ach ja,‭ ‬das Internet,‭ ‬was ist bitte das Internet‭? ‬Das gab es damals noch gar nicht,‭ ‬geschweige denn Facebook,‭ ‬und wer sich informieren wollte,‭ ‬musste entweder lesen oder mit anderen reden‭ ‬-‭ ‬oder beides‭!

‭Aber wer hat den jetzt den Nutzen von diesem ganzen Stress, wenn schon nicht die Hunde? Wird die Welt immer komplizierter, die Hunde immer lernresistenter oder wird Ottonormalhundehalter immer blöder?

Also: Heute brauchst Du nur einen Hund, in Deinem erlernten Beruf nicht klarkommen und Du wirst Hundetrainer‭ ‬-‭ ‬oder gleich Hundepsychologe.‭ ‬Ein paar Kurse am Wochenende,‭ ‬einen Schnelltest bei einem anderen Hundetrainer und jede Menge Kohle los geworden:‭ ‬Schupps hast Du einen neuen Beruf von dem einige sogar sagen,‭ ‬sie hätten ihn studiert‭ ‬-‭ ‬mal eben so.‭ ‬

In einem Fünf-Tage-Intensivkurs wirst Du zum Ernährungsexperten für Hunde‭ ‬-‭ ‬irgendwo.‭ ‬Aber egal,‭ ‬denn Du hast jetzt einen Zettel mit Unterschrift und Stempel wo das genau so drauf steht.‭ ‬Herzlich willkommen im Wunderland der Kynologie.‭ ‬Hier geht alles,‭ ‬hier bist Du wer und außer einer großen Klappe wird von Dir weiter nichts erwartet.‭ ‬Jeder Handwerker braucht in diesem Land mindestens zwei Jahre Vollzeit bis er sich Handwerker nennen darf.‭

Nö ehrlich,‭ ‬ich möchte in dieser Welt keine Ersthundebesitzerin sein.‭ ‬Welpenspielgruppe,‭ ‬Junghundeschule,‭ ‬Hundesport‭ (‬selbstverständlich gewaltfrei‭) ‬und später die Anti-Aggressions-Gruppe mit eingebauten DogRelax.‭ ‬Gibt es eigentlich schon pränatale Hundegruppen‭? ‬Das schlechte Gewissen ist eingebaut und vorprogrammiert.‭

‬Professionelle Hundeahnungshaber schießen überall wie die Pilze aus dem Boden und Ottonormalhundehalter wird kategorisch für unfähig erklärt,‭ ‬seinen Hund alleine zu erziehen‭ ‬-‭ ‬oder zu trainieren,‭ ‬oder zu führen,‭ ‬oder zu beclickern,‭ ‬oder zu bekeksen.‭ ‬Bauchgefühl im Umgang mit unseren Hunden ist gerade wieder angesagt,‭ ‬die eigenen Intuition unglaublich hipp.‭ ‬Aber bitte nicht in Alleingang,‭ ‬und nur unter Begleitung von befähigten Berufsauskennern,‭ ‬denn wo kämen wir da sonst hin.‭

‬Immerhin gibt es ja den Beruf‭ ‬des Hundetrainers und dann muss das ja auch sinnvoll sein,‭ ‬da hin zu gehen.‭ ‬Unverantwortlich ist,‭ ‬wer das nicht tut‭! ‬Man könnte ja die falsche Methode anwenden,‭ ‬den Hunden zu wenig artgemäße Sozialkontakte bieten oder sie mit dem eigenen Unwissen total überfordern‭ ‬-‭ ‬oder unterfordern.‭ ‬Und dann womöglich noch Ratschläge des hundeerfahrenen Nachbarn anwenden,‭ ‬wo kommen wir da hin‭?

Ja genau,‭ ‬der Mensch ist von Natur aus unfähig mit dem Hund umzugehen‭ ‬-‭ ‬und Hunde sind von Natur aus unfähig,‭ ‬sich auf den Menschen einzustellen Deshalb hat der Hund sich dem Menschen ja auch vor zig-tausenden von Jahren angeschlossen:‭ ‬damit wir endlich mal zum Hundetrainer gehen‭!

Und noch zum Schluss:‭ ‬Natürlich gibt es es auch die Guten,‭ ‬ich kenne sogar eine ganze Menge davon.‭ ‬Menschen,‭ ‬die sich mit Leib und Seele dem Beruf des Hundetrainers verschrieben haben,‭ ‬über langjährige Erfahrungen mit Hunden verfügen und verdammt viel Geld in eine fundierte Ausbildung inverstiert haben.‭ ‬Liebe Leute,‭ ‬Euch habe ich hier nicht gemeint.‭ ‬Von Euch gibt es leider nur viel zu wenige‭!

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