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05/01/2017 07:44 CET | Aktualisiert 06/01/2018 06:12 CET

Nach dem Silvestermassaker: Die Türken wollen weg, raus aus dem Land, raus aus den Problemen, weg vom Terror

Schlendert man durch Istanbuler Straßen spürt man den dunklen Schleier der über der Stadt schwebt - ein Schleier der Angst. In den fast leeren Cafes und Restaurants sitzen nur noch wenige Freunde und Familien zusammen.

REUTERS

Schlendert man durch Istanbuler Straßen spürt man den dunklen Schleier der über der Stadt schwebt - ein Schleier der Angst. In den fast leeren Cafes und Restaurants sitzen nur noch wenige Freunde und Familien zusammen - man hört sie diskutieren über die Politik, die Gesellschaft, die Zukunft und das Leben allgemein.

Aus den Wohnungen dröhnt der Fernseher mit den neuesten Nachrichten zur Silvesternacht. Einige sind aufgebracht, andere zucken nur mit den Schultern, schütteln den Kopf.

Es sind erst vier Tage vergangenen, seit dem Massaker von Reina. Vielen fehlen die Worte für den grauenvollen Anschlag auf unschuldige Feiernde, Touristen - auf Hoffnungsvolle, die die weltweit tragischen und schrecklichen Ereignisse von 2016 hinter sich lassen wollten.

Die Schießerei im Istanbuler In-Club Reina ist für viele Menschen in der Türkei aber auch eine Prophezeiung, dass der Terror nicht nur genauso weitergehen wird wie bisher, sondern sogar immer schlimmer werden könnte.

Terroranschläge sind in der Türkei nichts Neues. Seit Jahrzehnten besteht der Konflikt zwischen PKK-Terroristen und der türkischen Regierung. Weitestgehend haben sich die Anschläge jedoch auf den Osten des Landes beschränkt.

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Seit der Islamische Staat im internationalen Terror mitspielt, ist nicht nur auch der Westen der Türkei betroffen, sondern die gesamte Welt. Der Terror kommt immer näher. Jeder fühlt sich bedroht.

Herzstück der weltweiten Partyszene

"Reina" beherrscht schon seit über 15 Jahren die Partyszene für die Schönen und Reichen aus aller Welt. Stars wie Jennifer Lopez und viele internationale Profi-Fußballer haben dort bereits ihre Nächte verbracht. Reina ist der Spiegel des Nachtlebens der türkischen Millionenmetropole, der türkischen High-Society, der "westlich" orientierten Türken, die sich vom Rest des Landes abzweigen wollen.

Viele dieser "modernen" Türken, haben in den USA oder in Europa studiert, bereisen die Welt - sind weltoffen, haben Kapital. Was im Osten des Landes geschah, bekamen die Türken im Westen meist nur über die Medien mit. Nun ist alles anders.

Erst der Anschlag auf den Istanbuler Atatürk Flughafen, dann der Anschlag im Istanbuler Stadtteil Besiktas, nun Reina. Jeden Monat geschieht etwas und jeden Moment kann etwas passieren. Doch der Anschlag auf Reina war für viele anders. Einige Türken sprechen vom "Stich ins Herz".

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Viele bleiben lieber zu Hause, wollen sich nicht mehr an öffentlichen Plätzen aufhalten. Sogar die U-Bahn wird zur Fahrt der Angst. Zu groß ist die Furcht vor dem nächsten blutigen Terroranschlag.

2017 und die Ausweglosigkeit

Nach der Silvesternacht wurde es für viele Türken immer klarer: sie wollen weg, raus aus dem Land, raus aus den Problemen, weg vom Terror. Für ihre Kinder wollen sie eine hoffnungsvolle Zukunft geprägt von Kunst, Musik, Konzerten und einem positiven Lebensgefühl. Spricht man mit ihnen, liebäugeln einige bereits mit einem Leben in Kanada, Australien oder in der EU. Studenten erzählen vom ersehnten Studium im Ausland.

Doch viele haben ein Business zu führen, Eltern und Freunde die sie nicht im Stich lassen wollen und da ist dann noch das Visaproblem für viele Türken. Eine dauerhafte Aufenhaltsgenehmigung für die EU oder die USA ist nun schwieriger als je zuvor.

Anträge werden abgelehnt, Träume zerplatzen. Das Schulterzucken und die Passivität in der türkischen Gesellschaft sind also kein Wunder. "Wir können unser Leben nicht vom Terror bestimmen lassen, wir wollen unser Leben genießen, wie früher". Sätze wie diese hört man nur zu oft.

Deutsche, Amerikaner oder Menschen aus anderen westlichen Ländern, die in der Türkei leben, werden von türkischen Freunden verstärkt beratschlagt zurück in ihre Heimat zu kehren, ein Leben im "Sicheren" zu führen. Doch ob die Schießerei in Reina nur die Zukunft der Türken gefährdet oder sogar ein Warnschuss für die künftigen Geschehnisse in der gesamtem Welt darstellt, ist fraglich.

Denn auch die Anschläge in Berlin oder Paris zeigen, dass Bürger in keinem Land mehr sicher zu sein scheinen. Es beweist auch, dass es immer schwieriger wird vor dem Terror zu fliehen. Denn wo ist man heutzutage schon noch sicher.

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