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25/10/2015 06:49 CET | Aktualisiert 25/10/2016 07:12 CEST

"Unser Leben ist daheim nicht mal so viel wert wie das eines Hundes"

Getty

Gestern entschloss ich mich dazu, einen Tagesausflug zu machen und zu einem verlassenen Sandstrand zu fahren. In der Region Cesme, an der türkischen Ägäisküste. Ich packte meinen Fotoapparat ein und machte mich auf den Weg zum „Pirlanta Plaji" - übersetzt heißt das so viel wie „Diamantenstrand". Der Strand ist karibisch. Das Wasser glasklar. Vom Strand aus sieht man die griechische Insel Kios.

Da saß ich also fernab vom Trubel des Weltgeschehens. Dachte ich zumindest für einen kurzen Moment. Bis ich hinter mir auf der unbefahrenen Strasse einen öffentlichen Bus hörte. Es stiegen rund 25 Menschen mit Rucksäcken, Tüten und Kleinkindern aus. Noch dachte ich mir nichts dabei. Bis zehn Minuten später ein zweiter Bus hinter mir anhielt. Wieder stiegen Menschen aus - vollbepackt mit allem möglichen Hab und Gut. Da begriff ich: Es sind Flüchtlinge.

Mich packte die Neugier. Ich bin also zu den Flüchtlingen hin, mit der Hoffnung, dass wenigstens eine Person Englisch oder Türkisch oder irgendeine Sprache spricht, die ich auch spreche. Ich mischte mich also unter die Gruppe, sagte freundlich Merhaba. Sie grüssten mich freundlich zurück. Sofort fragte mich ein Mann aus der Gruppe auf Türkisch, wo denn Griechenland sei. Ich zeigte auf die Insel, die deutlich am Horizont zu erkennen ist. Der Mann nickte nur kurz und ging mit der Gruppe weiter. Ich begriff sofort, dass der Mann der Schmuggler der Gruppe ist. Ich entschied mich dazu, der Gruppe zu folgen.

Nordeuropa als neues Reiseziel

Der Marsch dauerte etwa eine Stunde. Über verlassene Strassen, Hügel, durch Gebüsche hindurch. Der türkisch sprechende Mann führte die Gruppe an. Er wusste genau wohin es geht. Ich hatte keinen blassen Schimmer. Nach einer Weile hörte man aus der Entfernung Babies schreien, Männer rufen, ich hörte ein Boot. Die Küste näherte sich. Als wir ankamen, sah ich rund 100 Flüchtlinge, die in einer Bucht saßen und warteten. Sie wuschen sich im Wasser, pumpten Boote auf, die sie irgendwo unterwegs im Supermarkt gekauft hatten.

Ein etwas größeres Schlauchboot wartete bereits in der Bucht - bereit zur Abreise. Rund 30 Menschen sassen bereits im Boot. Doch der Motor sprang nicht an. Eine Mutter mit drei Kindern löste sich von der Gruppe. Sie stieg in ihr orangenes Schlauchboot - ohne Motor, ohne Schwimmwesten. Sie paddelte drauf los in Richtung Griechenland. Der Wind wehte aus Süden, also zu ihren Gunsten. Trotzdem ein unglaublicher Kraftakt. Was ist wenn das Boot unterwegs kaputt geht? Ich will überhaupt nicht daran denken.

Als ich da in der Bucht saß, kam ein Mann auf mich zu. Sein Name ist Murat. Er ist um die 40 Jahre alt. Er konnte ein wenig türkisch. Woher kommen denn all diese Menschen?", fragte ich ihn. Sie kämen aus dem Iran, Afghanistan, dem Irak und aus Syrien, antwortete Murat, der selbst aus Afghanistan kommt. „Viele von uns haben die türkischen Flüchtlingscamps bereits vor Monaten verlassen, weil wir mit unserem Leben weitermachen wollen. Wir wollen arbeiten, eine Zukunft haben. In den Camps sitzen wir nur rum und warten", erklärte er mir.

Wo die Reise denn nun hin geht, fragte ich ihn. „Also Deutschland ist nicht mehr das Hauptziel, dort gibt es bereits zu viele Flüchtlinge. Wir werden nach Norwegen, Dänemark und Schweden reisen. Uns wurde erzählt, dass zum Beispiel in Norwegen den Flüchtlingen 400 Euro pro Monat und eine Wohnung bereitgestellt wird", erklärt er hoffnungsvoll.

In Afghanistan sei ein Menschenleben nicht mal so viel wert wie das eines Hundes, beklagt er. „Die Taliban wüten im Land und wir haben Angst vor der Zukunft. Uns bleibt nichts anderes übrig als zu fliehen", sagt er. Alles sei organisiert, sagt er. „In Griechenland werden wir direkt abgeholt und weiter transportiert", sagt Murat. Hier in der Türkei wisse die Gendarmerie und die Polizei bescheid, dass sie hier in der Bucht abreisen, doch lasse sie einfach weiterziehen, erzählt er.

Hinter Murat sehe ich immer noch das Schlauchboot, das nicht anspringt. Das geht schon seit zwei Stunden so. „Wir werden alle übersetzen. Uns ist egal ob wir hier untergehen. Uns bleibt nur noch die Hoffnung", sagt Murat. Ich verabschiede mich von Murat und den anderen Flüchtlingen. Unterwegs zurück zu meinem Auto, sehe ich auf dem Gehweg, Windeln auf dem Boden liegen, Wolldecken von der UN-Flüchtlingskommission, Hosen und Spielzeuge. Die Flüchtlinge hinterlassen ihre Spuren.

Cesme ist eigentlich ein Urlaubsort, an dem man eigentlich nichts von der Politik mitbekommt. Ein Fluchtort für wohlhabendere Türken, die ihre Ruhe haben wollen von allem was in ihrem Land oder drum herum geschieht. Doch die Flüchtlingskrise ist nicht zu übersehen. Der Krieg ist so nah. Man kann nicht mehr wegschauen. Ich empfinde Mitleid für diese zerrissenen Familien. Wo auch immer ihre Reise hinführen wird. Ich hoffe sie finden ihren Frieden.

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