BLOG
01/11/2015 09:07 CET | Aktualisiert 01/11/2016 06:12 CET

Buchauszug: "Und Gott sprach: Es werde Jonas"

Rasstock via Getty Images

Nennt mich Gott. Denn das bin ich. Echt jetzt. Ja, DER Gott. Schöpfer von Himmel und Erde. Und Vanilleeis. Und Neuseeland. Schon mal in Neuseeland gewesen? Ist toll da. Da haben sie Herr der Ringe gedreht.

Es regt die Leute in Neuseeland unheimlich auf, wenn man ihr Land auf Herr der Ringe reduziert. Ernsthaft. Ich weiß das. Denn ich bin Gott. Ich weiß alles. Na ja, fast alles.

Ich habe da gerade ein paar Leser aufstöhnen gehört. Weil sie dachten: »Moment mal, Gott ist doch aber allmächtig und allwissend! Da will mir doch einer einen Bären aufbinden.« Ein paar andere haben vielleicht wegen der schamlos aus Moby Dick geklauten Eröffnung gestöhnt.

Ja, ich bin allmächtig, aber nicht allwissend. Ich könnte allwissend sein, wenn ich wollte. Aber wer würde das schon wollen? Ich will nicht wissen, was in jedem einzelnen Hirn auf der Welt so vor sich geht. Davon würde ich Kopfschmerzen kriegen. Also im übertragenen Sinne, denn eigentlich habe ich ja gar keinen Kopf. Ich bin ja mehr so alles. Der Boden, die Luft, die Bäume, das Meer, die Natur, die Welt, das All ... alles.

Halt, halt, werden jetzt vielleicht manche Leser einwenden. Wenn Gott alles ist, wie kann er dann Himmel und Erde erschaffen haben?

Dazu kann ich nur eines sagen: Ihr seid ganz schöne Besserwisser. Und ich mag keine Besserwisser. Ja, ich bin ein liebender Gott, aber wenn mir jemand auf den Geist geht, dann mache ich auch schon mal ganze Städte platt. Oder organisiere eine Sintflut. Schaut mal ins Alte Testament, da könnt ihr noch was lernen. Also ... wo war ich?

Ich weiß natürlich, wo ich war. Ich weiß ja alles. Also, ich könnte alles wissen. Wie auch immer.

Eigentlich wollte ich etwas über diesen Jonas erzählen. Ihr habt von ihm sicherlich schon gehört. Er war ja groß genug in den Medien. Dafür hatte ich quasi gesorgt. Wenn ihr nichts davon gehört habt, dann solltet ihr mal euren Nachrichtenkonsum überdenken. Vermutlich habt ihr dann gar keinen, oder ihr lebt wirklich abgelegen.

Aber wenn ihr gar nicht wüsstet, wovon ich spreche, dann hättet ihr doch vermutlich auch dieses Buch gar nicht gekauft. Also gehe ich jetzt einfach davon aus, dass ihr schon davon gehört habt, aber wissen wollt, was wirklich geschah. Habe ich recht? Natürlich habe ich recht.

Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Als ich damals das Leben, das Universum und den ganzen Rest erschuf, hatte ich zugegebenermaßen keinen richtigen Plan. Ich hab erst mal drauflos kreiert. Gut, ich hatte insofern einen Plan, dass ich Leben erschaffen wollte. Das Drumherum war aber eher Improvisation, was auch ganz gut so war, denn es war wie Jazz, und Jazz finde ich gut.

Als ich euer Sonnensystem samt Erde und ein paar anderer unwirtlicher Kartoffeln erschaffen hatte, musste ich mich entscheiden, wo ich Leben ansiedeln wollte. Ich hab etwas gebraucht, bis ich den idealen Ort fand. (Irgendwo auf dem Merkur müsste noch ein verkohltes Dinosaurier-Skelett liegen.) Wie unschwer zu erkennen sein sollte, hat sich die Erde als Favorit erwiesen. So ein paar Millionen Jahre ging es etwas hin und her, bis ich den Menschen auf den Plan treten ließ und auf die Idee kam, ihm freien Willen und Intelligenz - soweit man das Intelligenz nennen kann - zu geben.

Dummerweise aber entschieden sich die Menschen, abergläubische, leicht zu beeindruckende, sich gegenseitig belügende und ausnutzende Arschlöcher zu werden.

Ja, ich, GOTT, habe gerade das Wort »Arschloch« benutzt. Kommt drüber hinweg.

Ich habe mir das Treiben auf Erden eine Weile angesehen und dann beschlossen, was dagegen zu unternehmen. Konkret gesagt: Ich habe begonnen, mit den Menschen zu reden und ihnen ein paar Grundsätze an die Hand zu geben. Nun, reden ist vielleicht etwas zu viel gesagt. Ich hab ihnen Zeichen gegeben, die sie interpretieren konnten.

Diese Auserwählten nannten sich Propheten und trugen die Grundsätze in die Welt, und manche hielten sich an meine Vorschläge, manche nicht, was aber nicht unbedingt das Problem war. Das Problem war eher, dass die Propheten mich nicht richtig verstanden oder Ergänzungen vornahmen, die ich so nie von mir gegeben hatte.

Also musste ich alle paar hundert Jahre den Kurs etwas berichtigen und einen neuen Propheten auswählen. Mittlerweile hatten sich aber um manche von ihnen schon ganze Religionen entwickelt, und sie hatten ihre Jünger derartig im Griff, dass an den für die damaligen Verhältnisse angepassten Inhalten nicht mehr zu rütteln war. Das will mir bis heute nicht in den metaphorischen Kopf.

Es gibt Leute, die sich heute noch an 2000 Jahre alte Texte klammern und nach deren Regeln leben, auch wenn sie gar keine Relevanz mehr haben oder offensichtlich falsch sind.

Und weil dem so war und ist, beschloss ich, einen neuen Propheten auszuwählen. Jonas.

Schöner biblischer Name. Jonas. Wie der Typ mit dem Wal. Obwohl es den nie gegeben hat. Das ist nur so eine Geschichte in der Bibel, die für irgendwas eine Metapher sein soll. Bis heute weiß ich nicht, wofür, und ich bin immerhin allwissend. Oder könnte es sein, wenn ich wollte. Außerdem hört diese Walgeschichte ganz abrupt auf, ohne wirklich ein Ende zu haben. Ganz schlechter Stil. Aber ich schweife schon wieder ab.

Ich habe etliche Leute sagen hören, dass dieser neue Jonas nicht die beste Wahl für einen Propheten war. Allen voran seine Mutter. Allerdings gibt es Menschen, die auf den ersten Blick nicht sehr vielversprechend erscheinen. Oder sympathisch. In manchen von ihnen steckt aber viel mehr, als sie vielleicht selbst glauben. Bei Jonas habe ich gesehen, was für ein Mensch er tatsächlich ist. Ich wusste, er würde das Richtige tun. Und meiner Meinung nach tat er das auch. Was sich daraus weiter entwickelt, werden die Jahrhunderte zeigen.

Aber ich drücke mich schon wieder kryptisch aus. Das ist eine Marotte von mir.

Ich will erzählen, wie es zu dieser Geschichte kam, und vor allem, wie es Jonas bei alledem erging. Dazu sollte ich etwas vor dem großen Ereignis ansetzen, das Jonas so berühmt gemacht hat. Auch solltet ihr verstehen, was er für ein Mensch war, bevor er Prophet wurde.

Jonas war ein fauler Sack. Er war nicht der faulste Sack auf der Welt, denn es hätte ihn zu viel Mühe gekostet, auf einen der vorderen Plätze zu kommen, also strengte er sich nicht genug an.

Auch hier gilt: Ja, ich, GOTT, habe jemanden als »faulen Sack« bezeichnet. Kommt drüber hinweg.

Er war bereits 33 Jahre alt, was ein gutes Alter für Propheten ist. Nicht zu jung, um nicht für voll genommen zu werden. Nicht zu alt, um mit Senilitätsvorwürfen konfrontiert zu werden.

Sein Brot verdiente er mit der Schriftstellerei, was ein ehrenwerter Beruf ist, aber kaum dazu taugt, eine Familie zu ernähren. Jedenfalls in den meisten Fällen. Das war auch eines der Spannungsfelder mit seiner Freundin Lena, und da gab es noch einige mehr.

Aber vielleicht greife ich zu weit vor. Wo starte ich am besten? Ich gebe zu, dass ich das hier ebenso wenig geplant habe wie die Erschaffung des Universums. Aber im Endeffekt mache ich es schon richtig. Ansonsten lasse ich einen Propheten verkünden, dass schon alles so richtig war. Also ... wie fange ich an. Hm ... am besten ... hier:

Ein Mann namens Jonas

Jonas saß gerade in seinem Verlag und verfluchte die Welt, sich selbst, seinen Agenten und das Verlagshaus. Fluchen war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen, und er übte sie eigentlich ständig aus, sei es in Gedanken oder in Worten.

Neben ihm stand ein Berg Bücher, der trotz seiner bescheidenen Versuche, so wenig wie möglich zu seiner Abtragung beizusteuern, nicht kleiner wurde. Den größten Teil von Jonas' Energie verbrauchte der Gedanke, wie er das größtmögliche Trara anzetteln könnte, um nicht mehr - oder genauer gesagt: nie mehr - seine falsche Unterschrift in diese Bücher setzen zu müssen. Als sein Handy klingelte, war er froh über die Ablenkung.

»Ja?« Das Handy fiepte, um zu signalisieren, dass es aufgeladen werden wollte. Am anderen Ende war Lena, seine Freundin. »Hi, ich bin gerade in der Pause. Du weißt noch, dass wir heute etwas vorhaben, oder?«

Jonas dachte kurz nach. »Äh ...« »Jonas ...«

»Ja, natürlich weiß ich das noch. Denkst du, ich bin blöd?«

Er wusste es nicht mehr so genau und dachte angestrengt nach, wollte das aber nicht zugeben, weil ihm schon so oft Dinge entfallen waren, dass, sollte er Lena noch mal enttäuschen, er es sich selbst nicht verzeihen könnte.

»Also kann ich mich darauf verlassen, dass du mich pünktlich abholst?«, fragte Lena.

»Abholen ... genau. Klar.«

»Das klingt nicht so, als hättest du daran gedacht.«

»Doch, sicher. Ich muss erst mal kurz nach Hause, aber dann ...«

»Irgendwie habe ich das Gefühl, dass du gar nicht richtig weißt, wovon die Rede ist.«

Markus, zu dem ich später noch etwas sagen werde, beugte sich vor und flüsterte Jonas »Jubiläum« ins Ohr.

Jonas riss die Augen auf. »Heute ist unser Jubiläum, ich soll dich von der Schule abholen, und dann gehen wir schön essen und so weiter, et cetera pp.«

Lena schnaubte ins Telefon. »Das klingt ja so, als würdest du dich richtig darauf freuen.«

»Tue ich auch, tue ich auch!«, sagte er betont enthusiastisch, um seinen Patzer wettzumachen. In Gedanken trat er sich selbst. »Keine Panik. Alles gut.«

Das Handy fiepte erneut.

»Ich habe einfach nur keinen Bock, hier nach Schulschluss auf dich zu warten, weil du vergessen hast, dass du mich abholen wolltest. Das hatten wir schon, falls du dich erinnerst. Zweimal.«

»Hm ...«, murmelte er schuldbewusst, während er nach einer guten Entschuldigung suchte.

Lena wartete einen Moment, bevor sie weitersprach. »Wir können es auch gleich lassen, wenn dir so wenig daran liegt. Ich hätte mich jedenfalls darüber gefreut, mal wieder ordentlich auszugehen. Und etwas Romantik täte unserer Beziehung auch gut.«

Jonas seufzte. »Ja, du hast ja recht.«

Er dachte nach. Die Konversation ging eindeutig zu negativ in seine Richtung, aber leider stimmte, was Lena sagte. In ihrer Beziehung war definitiv er derjenige, der etwas an sich arbeiten musste, und er wusste das. Ab und an versuchte er aufmerksamer zu sein, aber dann machte ihm seine Schusseligkeit wieder einen Strich durch die Rechnung.

Er hatte sich auch vorgenommen, mehr im Haushalt zu helfen, aber wenn er sich dann einmal aufgerafft hatte, etwas zu schreiben, blieb der Haushalt eben meistens auf der Strecke. Um von sich abzulenken, suchte er nun krampfhaft nach etwas, das er ihr vorwerfen konnte. Was schwierig genug war, denn sie hatte nicht viele Macken ...

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Und Gott sprach: Es werde Jonas

2015-10-30-1446219599-3195946-cover.png

Erscheinungsform: Originalausgabe

Erscheinungsdatum: September 2015

ISBN: eBook 978-3-95824-460-3

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Ein Mann zeigt Kindern ein Buch ohne Bilder - schaut euch ihre Reaktion an

Lesenswert:

Hier geht es zurück zur Startseite