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03/08/2015 11:27 CEST | Aktualisiert 03/08/2016 07:12 CEST

Lieber Til Schweiger, ich fand Sie immer nur prollig. Jetzt bewundere ich Sie.

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Lieber Til Schweiger,

ich will ganz ehrlich sein: Ich mag Ihre Filme nicht. Ich kann mir noch nicht mal merken, wie die alle heißen: Keinhasen, Ohrküken...? Egal. "Manta, Manta" fand ich noch ganz lustig, aber da war ich auch erst zehn.

Die Art von Filmen, die Sie machen, die Art von Unterhaltung für die Sie stehen - das interessiert mich ehrlich gesagt nicht. Aber darum soll es jetzt hier gar nicht gehen. Denn mir liegt etwas anderes auf dem Herzen.

Herr Schweiger, ich bewundere Sie!

Wir erleben gerade, dass sich unser Land in zwei Lager spaltet. Auf der einen Seite eine kleine, krakeelende, abgehängte Minderheit "besorgter Bürger". Und auf der anderen Seite eine schweigende Mehrheit, die sich teils irritiert, teils angewidert von dem Geschrei abwendet und kapituliert.

Aber wir dürfen uns nicht abwenden. Wir müssen hinsehen. Denn wir sind eine Generation, die mit einem "Nie wieder!" aufgewachsen ist. Nie wieder Fremdenhass, nie wieder Ausgrenzung. Nie wieder brauner Dreck. Das ist unsere Pflicht.

Und deshalb müssen wir, immer wieder, laut werden. Unsere Stimmen erheben. Gegen Fremdenfeindlichkeit und gegen diesen dumpfen Hass. Damit diese brüllende Minderheit erfährt, was sie wirklich ist: eine Minderheit.

Und Sie, Herr Schweiger, sind einer der ganz wenigen, die das wirklich wahrnehmbar tun. Sicher, auch Politiker äußern sich. Verhalten zumindest. Sie besuchen Asylbewerberheime. Aber das ist letztlich auch ihr Job.

Sie, Herr Schweiger, mussten nicht laut werden. Ihr Leben wäre vermutlich entspannter, wenn sie das getan hätten, was die meisten tun: Schweigen.

Aber Sie haben dennoch ihre Stimme erhoben. Immer wieder.

Zunächst dachte ich - wie viele andere - all das wäre nur ein gelungener PR-Gag.

Vielleicht war es das anfangs sogar. Aber das wäre mir jetzt egal. Ich glaube Ihnen, dass Ihnen die Sache am Herzen liegt. Das geht mir genauso. Und vielen, die ich kenne, ebenfalls.

Sie lassen sich dabei auch nicht von dem braunen Mist aufhalten, der Ihnen entgegen-gekübelt wird.

Sie sogar noch dabei geholfen, diese wirklich unfassbare Dummheit offenzulegen, die in den Kommentaren und zu jedem Flüchtlingstext zu lesen ist.

Wie absurd die Vorwürfe sind, zeigt beispielsweise die immergleiche Argumentation: "Wenn ihr die Flüchtlinge wollt, dann nehmt sie bitteschön Zuhause auf", zig Mal zu lesen unter jedem Flüchtlingstext, auch auf unserer Seite.

Das haben Sie sich zu Herzen genommen und den Bau eines eigenen Flüchtlingsheims angekündigt.

Und was ist die Reaktion?

Noch mehr Hass: Warum Sie keine Kita für DEUTSCHE Kinder bauen. Warum Hartz IV für DEUTSCHE gekürzt wird. Und überhaupt: Die zu niedrigen DEUTSCHEN Renten!

So schrieb beispielsweise ein Horst Sch. auf unserer Seite: "Kein Problem, kauf einfach das Steigenberger Hotel "Frankfurter Hof" in Frankfurt am Main, das ist für Deine Lieblinge stilgercht eingerichtet, und hat eine excellente Küche, die sich mit Sicherheit in Kürzester Zeit auf Halal umstellen kann .... Viel Vergnügen Till Eulenspiegel .... oh, sorry, Till Schweiger ...."

Was für ein ätzender, hass- und neiderfüllter Kommentar!

Ich kann gut verstehen, dass Ihnen manchmal die Hutschnur platzt. Und Sie genau das tun, wofür sie sonst als prollig kritisiert werden, nämlich zurückschlagen.

Vor ein paar Tagen schrieben Sie zu einem Kommentar: "Verpisst euch von meiner Seite, empathieloses Pack!" Ihr Ausbruch hat vielen Menschen aus der Seele gesprochen.

Denn Sie haben Recht. Vielleicht mit anderen Worten - aber etwas Ähnliches möchte ich auch manchmal rufen, wenn ich die einschlägigen Texte und die dazugehörigen Kommentare lese.

Aber lassen wir das. Denn es gibt gerade so viele wichtige Fragen, die wir klären müssten. Wie gehen wir mit den Menschen um, die nun einmal hier sind? Welche Chancen geben wir ihren Kindern in unserem Bildungssystem? Wie gehen wir mit Menschen aus tendenziell sicheren Herkunftsländern um?

Und natürlich: Wir müssen auch über die Frage reden, wie die Flüchtlinge bei uns untergebracht werden - und wie wir sie besser auf das ganze Land verteilen.

Zu all diesen Frage bräuchten wir deutlichere Worte - und zwar aus allen Bereichen der Gesellschaft.

Leider sind Sie, Herr Schweiger, der einzige, der die gerade findet.

PS: Man sagt mitunter über Sie, dass Sie sich immer selbst spielen.

Keine Ahnung, ob das so ist.

Für mich spielen Sie gerade die beste Rolle Ihres Lebens.

Machen Sie weiter so.


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