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10/12/2014 06:51 CET | Aktualisiert 09/02/2015 06:12 CET

Brief an Reinhard Mey: Sie machen den größten Fehler Ihres Lebens

dpa

Lieber Reinhard Mey,

es gibt diese Momente, in denen man das Gelesene kaum mit dem Erlebten zusammen bekommt. Ich hatte kürzlich eine solche Erfahrung. Und das hing mit Ihrem Namen zusammen.

Nicht nur, dass ich ein großer Fan Ihrer Kunst bin. Ich glaube auch, dass Sie sehr viel Richtiges in Ihrem Leben gemacht haben. Wenn man so will, sind Sie für mich ein menschliches Vorbild. Leider passt das nicht so recht mit den beiden Aufrufen zusammen, die Sie kürzlich unterzeichnet haben: Einer gilt dem so genannten „Friedenswinter", der andere trägt den Titel „Wieder ein Krieg in Europa? Nicht in meinem Namen!".

Besonders, was den Aufruf für den „Friedenswinter" betrifft, sind Sie dabei, einen der größten Fehler Ihres Lebens zu machen.

Ihr Name steht nun in einer Reihe mit reichlich dubiosen Gestalten, die in diesem Jahr immer wieder dazu beigetragen haben, die Diskussion um eine echte Friedenspolitik zu vergiften. Ich mag nicht so recht daran glauben, dass Sie wirklich mit solchen Leuten gemeinsame Sache machen wollen.

Ken Jebsen und Lars Mährholz mischen auch mit

Ken Jebsen etwa. Ein Mann, der an eine weltweite Medienlenkung durch die CIA glaubt, der die Anschläge vom 11. September der US-Regierung zuschreibt und den Rapper Bushido unterstützte, nachdem der dem Staat Israel das Existenzrecht abgesprochen hat. Der Bundestagsabgeordnete Tobias Pflüger (Linke) hat deshalb schon seine Unterschrift zurückgezogen. Er möchte nicht mit solchen Aktivisten in einem Atemzug genannt werden. Und auch der Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft, Monty Schädel, warnt davor, mit Menschen wie Jebsen zu kooperieren.

Ihr Name jedoch steht immer noch unter dem Aufruf.

Genauso wie der von Lars Mährholz. Er hatte vor zehn Monaten die montäglichen Friedensmahnwachen in Berlin initiiert. Er glaubt daran, dass die Weltpolitik von der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve manipuliert wird. Und er hat es zugelassen, dass die Friedensdemos von so genannten „Reichsbürgern" und Antisemiten für ihre Zwecke missbraucht wurden.

Das sieht dann ungefähr so aus wie auf der „Montagsmahnwache für den Frieden" am 21. April: Der Publizist Jürgen Elsässer steht neben Mährholz auf der Bühne und darf erst darüber fantasieren, dass der Westen an der „Endlösung der Russenfrage" arbeite. Kurze Zeit später dann schwadroniert er von einer jüdischen Verschwörung im „Finanzkapitalismus". Das „Verbrechen" habe „Namen und Anschrift", sagte Elsässer. Und dann folgten zahlreiche Namen von jüdischen Familien, unter anderem „Rothschild" und „Chodorkowski". Im Publikum stand der Berliner NPD-Vorsitzende Sebastian Schmidtke und klatsche Applaus.

Das Böse ist heute längst nicht mehr so einfach zu erkennen wie früher. Und das hat System. Unsere Gesellschaft hat gelernt, sich gegen stereotype Feindbilder zu wehren. Scheiteltragende Politiker in Lodenjacken etwa, die im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern fremdenfeindliche Witze reißen. Oder glatzköpfige Nazis in Springerstiefeln, die mit Schlagringen und Baseballschlägern Jagd auf Ausländer machen. Was aber, wenn das Böse plötzlich in der Gestalt von Friedensengeln daher kommt?

Ich unterstelle Ihnen, dass Sie es wirklich ehrlich mit Ihrem Wunsch nach Frieden meinen. So verstehe ich auch Ihre Texte. Sie haben früh Stellung gegen Glaubenskriege bezogen und ein berührendes Lied über Ihren Wunsch geschrieben, dass Ihr Sohn einst nicht Soldat werden soll. Ich bewundere Sie dafür sehr.

Herr Mey, Sie machen es sich zu einfach

Aber ich fürchte, dass Sie es sich im Jahr 2014 zu einfach machen. Das zeigt auch Ihre Unterschrift unter dem Aufruf zu einer neuen Versöhnungspolitik mit Russland. Oder eher: mit Putin. Das muss man in diesen Tagen genau trennen.

Schon der erste Satz in dem Papier ist falsch: „Niemand will Krieg." Tatsächlich herrscht schon längst Krieg in der Ukraine, täglich sterben dort Menschen. Über 4000 sind es seit Frühjahr schon gewesen, mehrere Hunderttausend sind auf der Flucht.

Glauben Sie so etwas wirklich?

Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie die Medien dazu mahnen, mit vorschnellen Schuldzuweisungen vorsichtig zu sein. Andererseits: Selbst der Kreml gibt zu, dass russische Soldaten in der Ostukraine kämpfen. Auch wenn Sie sich wahlweise beim Fallschirmspringen verlaufen oder samt gepanzerten Dienstfahrzeug in den Sommerurlaub verabschiedet haben sollen. Im Ernst, Herr Mey: Glauben Sie so etwas wirklich?

Und warum unterschreiben Sie einen Aufruf, in dem ein Land mit 45 Millionen Einwohnern zu einem Objekt weltpolitischer Interessen degradiert wird: Wahlweise Vorgarten oder Hinterhof von Groß- und Supermächten, die Anspruch auf das Schicksal von Völkern erheben oder sich gnädig zeigen dürfen.

Wissen Sie, was ein echter Beitrag zum Frieden wäre? Wenn wir Politik wieder vom Menschen her denken würden. Und nicht von Machtblöcken, Einflusssphären oder Propagandavorwürfen, die gerade dabei sind, die komplette politische Debatte zu zerstören.

Ich bitte Sie inständig: Ziehen Sie Ihre Unterschrift unter dem Aufruf zum „Friedenswinter" zurück. Lassen Sie sich nicht von rechten Elitenkritikern und Verschwörungstheoretikern vor den Karren spannen. Wir sollten viel eher darüber nachdenken, wie wir den Menschen helfen können, die derzeit unter diesem Krieg leiden.

Und mit Verlaub: Das sind nicht die Deutschen und auch nur eingeschränkt die Russen. Das härteste Los haben die Menschen in der Ukraine gezogen. Ihnen sollte unser Protest und unsere Solidarität gelten.

So sähe Friedensaktivismus im Jahre 2014 tatsächlich aus. Meinen Sie nicht?



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