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21/12/2016 08:14 CET | Aktualisiert 22/12/2017 06:12 CET

Warum die Deutschen viel klüger sind, als die Populisten glauben

dpa

Es hat kaum eine Stunde gedauert, da war der nordrhein-westfälische AfD-Vorsitzende Marcus Pretzell mit dem Brandbeschleuniger zur Stelle.

Gerade war in Berlin ein Lastwagen in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast. Noch war völlig unklar, warum. Niemand wusste genau, ob es nicht vielleicht doch ein Unfall war. Und die meisten Politiker hielten sich in den ersten Stunden mit schnellen Schlüssen und Vorverurteilungen zurück.

Nicht so Marcus Pretzell. Der Lebensgefährte von Frauke Petry hatte Lunte gerochen. Ein Anschlag in Deutschland, und dann noch auf einen Weihnachtsmarkt - da wollte Pretzell nicht nur einfach so herumzündeln.

Er wollte sich einmal so wie Nero fühlen, als Rom brannte. Sein Wissen darum, dass Angela Merkel die Toten von Berlin auf dem Gewissen habe, hatte er freilich exklusiv.

Die Profitgier der AfD

Was die AfD am Montag an vermeintlichen „Tabubrüchen" verbreitete, war genauso durchschaubar wie plump.

Schon einmal hatte die rechtsradikale Partei versucht, aus einem vermeintlichen Anschlag Profit zu schlagen: Bei der Gewalttat vom Münchner Olympia-Einkaufszentrum.

Als sich später herausstellte, dass der Täter ein psychisch kranker Deutsch-Iraner mit fremdenfeindlichen Motiven war, wurde einer breiten Öffentlichkeit deutlich, wie primitiv die AfD versucht hatte, die Deutschen gegen Zuwanderer aufzuhetzen.

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Und auch dieses Mal waren die Hetzkampagnen von Marcus Pretzell, Beatrix von Storch und anderen zu durchsichtig, als dass sie auf größere Resonanz hätten stoßen können.

Wer Angst vor dem Einfluss der Rechtspopulisten in Deutschland hat, muss sich in diesen Tagen nur einmal ansehen, wie töricht sich die selbsternannten „Klartextredner" anstellen. Sie haben nichts weiter im Angebot als altbekannte und falsche Reflexe. Das wissen viele Deutsche. Und sie verstehen, dass das primitive Agitieren von rechts eine Beleidigung an die Intelligenz der Durchschnittsbürger ist.

"Merkel? Verhaften!"

Ein anderes Beispiel: Jürgen Elsässer, Publizist, Verschwörungstheoretiker und Volkstribun in Wartestellung. Er stellte sich am Dienstagmittag mit einem Werbeschild seines „Compact"-Magazins auf den Bürgersteig der Budapester Straße in Berlin, schräg gegenüber vom Tatort am Breitscheidplatz. Auf dem Schild ist die Bundeskanzlerin hinter Gittern zu sehen. Und die Zeile: „Merkel? Verhaften!"

Und die Berliner? Reagieren genauso, wie man das von Berlinern erwartet. Rotzig, selbstbewusst und mit einem guten Auge für die Realität. Nachdem Elsässer über die angebliche Mitschuld von Angela Merkel an verschiedenen durch Flüchtlinge begangene Verbrechen doziert, wirft eine Dame von der Seite ein: „In Deutschland hat es vorher noch keine Gewalttäter gegeben, ne? Kleiner Blick zurück, ja?"

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Die Lage eskaliert dann, als er den Berliner AfD-Abgeordneten Andreas Wild vor die Kamera bittet, der ebenso zu wissen glaubt, dass sich in Berlin ein islamistischer Anschlag ereignet habe, und das Merkel daran Schuld sei, und dass man am besten bestimmten Menschen (sprich: Muslimen) den Zuzug nach Deutschland verwehren sollte.

Eine junge Frau verwickelt ihn in ein Gespräch: „Es ist doch noch gar nichts bekannt, es gibt doch noch überhaupt keine Fakten!" Wild antwortet mit entlarvender Ehrlichkeit: „Das spielt doch jetzt keine Rolle."

Schließlich kommt eine ganze Gruppe von Menschen zusammen, die den Auftritt von Elsässer und Wild stört. „Ich bin auch Volkes Stimme!" sagt einer. „Das ist eine pietätslose Sauerei, was sie hier machen", sagt ein anderer. Wild versucht mehrmals noch, seine wirre Rede wieder aufzunehmen. Doch die Gruppe lässt es nicht zu. Schließlich wird auch Elsässer niedergebrüllt.

Natürlich gibt es auch Menschen im Netz, die Pretzell, Elsässer und Co. auf ihr schmales Populistenbrett folgen. Die gab es in Deutschland jedoch schon immer. Laut wissenschaftlichen Untersuchungen wie etwa der Leipziger „Mitte-Studie" gibt es in Deutschland ein Potenzial von etwa 15 Prozent für fremdenfeindliche und rechtsradikale Positionen. Damit müssen wir womöglich leben lernen.

Was jedoch Mut macht: Dass sich die große Mehrheit der Deutschen in den Tagen nach dem Anschlag nicht von den Scharfmachern für dumm verkaufen lässt. Dass sie sich so verhält, wie sie sich einst schon in den 1970er-Jahren verhalten hatte, als Deutschland sich schon einmal einer Terrorgefahr ausgesetzt sah.

Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt riet den Bürgern zu einem „kühlen Kopf". Womöglich verzweifeln die rechten Hetzer gerade an eben dieser Besonnenheit, so wie sie sich im Jahr 2016 zeigt.

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