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14/02/2017 16:06 CET | Aktualisiert 15/02/2018 06:12 CET

Liebe "Bild"! Eure erfundene Story über sexlüsterne Flüchtlinge zeigt, dass es euch nicht um Wahrheit geht

Horacio Villalobos via Getty Images

Liebe "Bild"-Redaktion!

Ich gehöre nicht zu denen, die Euch grundsätzlich der Hetze verdächtigen. In einigen Fällen hat die "Bild" in den vergangenen Monaten sogar richtig guten Journalismus gemacht - beispielsweise in der Berichterstattung über die Kriege in Syrien und der Ukraine. Da konnte man glauben, dass Ihr es ernst meint: Haltung zeigen, Menschen erreichen. Und das mit Themen, die in Deutschland nicht immer die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.

Aber wie um Himmels Willen konnte es passieren, dass Ihr widerliche Falschverdächtigungen über angeblich sexlüsterne Flüchtlinge verbreitet habt?

Der Fall ist schnell erzählt. Am 6. Februar erschien ein "Bild""-Artikel mit dem geifernden Überschrift "37 Tage nach Silvester brechen Opfer ihr Schweigen - Sex-Mob in der Freßgass". Als Kronzeugin für diese Geschichte habt Ihr "Irina A." präsentiert, die angeblich Opfer einer übergriffigen Gruppe aus "arabisch aussehenden" Männern in der Kalbächer Gasse (im Volksmund auch "Freßgass" genannt) geworden sein soll.

Frau A. berichtete, dass ihr zwischen die Beine und unter den Rock gegriffen worden sei. Die Schilderungen wurden von einem "Szenewirt" bestätigt.

Aber laut Recherchen der "Frankfurter Rundschau" soll sich Irina A. zu dieser Zeit gar nicht in Deutschland aufgehalten haben. Mehr noch: Die Frankfurter Polizei dementiert, dass Silvester ein "Sex-Mob" durch die "Freßgass" gezogen sein soll. Und an den Schilderungen von Frau A. gebe es nach Vernehmung der Zeugen "erhebliche Zweifel".

Auch der "Szenewirt" bestreitet mittlerweile, jemals mit der "Bild" geredet zu haben. Gegen ihn und Frau A. Wird nun wegen falscher Verdächtigung ermittelt.

Ihr habt Fake-News verbreitet

Liebe Mitglieder der "Bild"-Redaktion: Ihr habt Fake-News verbreitet. Dabei habt Ihr nicht nur journalistische Standards verletzt, sondern Euch auch zu Komplizen der rechtsextremen Hetzer gemacht, die mit ordentlich Sabber vor dem Mund nur darauf warten, dass irgendwo in dieser Republik irgendein Asylbewerber straffällig wird. Um dann Hass auf alle Menschen zu schüren, die in Deutschland vor Krieg und Gewalt Zuflucht gesucht haben.

Gerade zu Silvester. Kapiert Ihr das eigentlich nicht? Habt Ihr die angespannte Atmosphäre zum Jahreswechsel nicht gespürt? Im vergangenen Jahr haben wir wochenlang darüber debattiert, was dieses Land aus den sexuellen Übergriffen zum Jahreswechsel 2015/16 lernen müsse. Erinnert Ihr Euch nicht daran, dass nach bisweilen gerechtfertigten Vorwürfen gegen Einzelne nun ganze Bevölkerungsgruppen unter den Generalverdacht gestellt wurden, Triebtäter zu sein?

Natürlich erinnert Ihr Euch. Deswegen habt Ihr die Geschichte ja auch gebracht. Mit fünf Wochen Verspätung zwar, und trotzdem haben sich die (meist männlichen) Scharfmacher gierig darauf gestürzt.

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Die Story war eine Selbstentblößung

Ihr habt Euch mittlerweile für die Story entschuldigt, sie ist auch nicht mehr online abrufbar. Aber das macht es nicht besser. Denn es geht nicht um diese einzelne Story. Es geht um die Haltung, die hinter der Veröffentlichung steckte. Ich spreche nicht nur von der Dummheit, diese Geschichte gebracht zu haben, sondern auch von der Selbstentblößung, die damit einher ging. Gerade das macht die Sache so schlimm.

Ich glaube, Ihr wart felsenfest davon überzeugt, dass diese von Anfang an abenteuerlich konstruierte Geschichte eine Berechtigung hat. Ihr denkt, dass es positive Geschichten über Flüchtlinge gebe, denen man eben negative Geschichten über Flüchtlinge gegenüberstellen muss, damit das gesamte Meinungsspektrum abdeckt werde.

Aber nicht jeder Mensch mit einer Meinung hat am Ende auch Recht. Das könntet Ihr eigentlich auch selbst wissen, nachdem der mittlerweile in den publizistischen Wahnsinn abgedriftete Redakteur Nicolaus Fest wegen eines islamophoben Kommentars in der "Bild" seinen Job verloren hatte.

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Wenn Ihr mit einer gewissen Haltung an die Sache herangegangen wärt, dann hättet Ihr vielleicht "Falsch" von "Richtig" unterscheiden können. Doch diese Haltung habt Ihr einfach nicht. Da könnt Ihr noch so oft "Willkommens"-Aktionen für Flüchtlinge publizieren.

Wenn Ihr dabei mithelft, dass halb Deutschland an das Märchen vom sexgeilen Araber glaubt, der ganz allgemein nur deshalb nach Deutschland komme, um seinen Trieb abzuregen - dann müsst Ihr Euch auch nicht über den Generalverdacht wundern, der Euch "Bild"-Redakteuren künftig entgegen gebracht wird.

Der nämlich, dass Ihr eine Story nicht wegen einer guten Recherche bringt - sondern weil sie so superkrass klingt. Das ist dann allerdings kein Journalismus mehr.

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