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04/03/2015 05:19 CET | Aktualisiert 04/05/2015 07:12 CEST

Beschäftigtsein ist eine Krankheit

Thinkstock

Ich bin viel beschäftigt.

Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist, aber wenn immer ich gefragt werde, „Wie geht's dir?", antworte ich nicht mehr einfach nur mit „gut". Stattdessen ist meine Standardantwort immer, dass ich mehr oder weniger erschöpft bin. Die Skala reicht von „beschäftigt" über „extrem beschäftigt" bis hin zu „purer Wahnsinn".

Das Gute daran ist, dass ich auf meine Antwort meist eine verständnisvolle Reaktion erhalte, was gleichermaßen beruhigend und deprimierend ist.

„Da sagst du was! Geht uns ganz genauso!"

„Ich weiß! Das ist doch verrückt!"

„Ein Tag hat einfach immer viel zu wenig Stunden, stimmt's?"

Vor einem Monat hat sich jedoch etwas geändert. Ich traf im Fitnessstudio zufällig einen Freund. Als ich ihm erzählte, dass ich „extrem beschäftigt" sei, pflichtete er mir nicht mitfühlend bei sondern fragte nur:

„Wirklich? Was hast du denn heute alles vor?"

Ich musste einen Moment innehalten und nachdenken. Nie zuvor wurde ich aufgefordert, „mein Beschäftigtsein" zu beschreiben. Also ging ich im Kopf unseren Kalender durch, bevor ich eine Probe mit meiner Kirchenband am Morgen aufzählte, gefolgt von einem Basketballspiel von meinen Sohn, einem Termin in der Kirchengemeinde für meine Frau, einer Geburtstagsparty für meine Tochter und einem Date mit meiner Frau am Abend.

Seine Antwort?

„Da hast du ja einiges vor. Viel Spaß!"

Im ersten Moment fühlte ich mich ein wenig vor den Kopf gestoßen. Er hatte mich offensichtlich falsch verstanden. Ich wollte ihn darauf hinweisen, wie schlimm das alles war. Ich wollte ihm erklären, wie nervig es war, in meinem komfortablen SUV von hier nach da zu fahren.

Nicht zu vergessen, dass Gabby und ich den halben Tag getrennt voneinander verbringen mussten! Das Geburtstagsgeschenk kaufen und einpacken? Sprechen wir lieber nicht davon! Und außerdem hatte ich nur eine Stunde Zeit, um den Kindern Essen zu machen und mich für unser schickes Date am Abend herzurichten.

Hast du mir nicht zugehört? Ich bin viel beschäftigt! Herr im Himmel, sei meiner Seele gnädig!

Und genau darum geht es. Ich trage mein Beschäftigtsein wie einen Ehrenorden zur Schau. Das Problem ist nur, dass es gar keine Ehre zu erlangen gibt.

Viel beschäftigt zu sein ist eine Krankheit.

Der nordamerikanische Fachverband für Psychologie, The American Psychological Association, veröffentlicht seit 2007 regelmäßig Studien zum Thema Stress in Amerika. Dabei stellte man fest, dass der Großteil der Amerikaner sich darüber bewusst ist, dass ihr Stresslevel zu hoch ist, um damit dauerhaft gesund zu bleiben. Der am häufigsten genannte Grund, warum sie das Problem nicht angehen?

Sie sind zu beschäftigt.

Es ist ein Teufelskreis.

Dr. Susan Koven arbeitet als Internistin am Massachusetts General Hospital. 2013 schrieb sie einer Kolumne für Boston Globe:

Seit einigen Jahren beobachte ich eine Art Epidemie: Immer mehr Patienten kommen mit dem gleichen Leiden zu mir. Zu den Symptomen zählen Müdigkeit, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Ängste, Kopfschmerzen, Sodbrennen, Darmbeschwerden, Rückenschmerzen und Gewichtszunahme. Das Leiden kann nicht mit Bluttests oder Röntgenuntersuchungen diagnostiziert werden, und dennoch ist es leicht erkennbar. Es heißt exzessives Beschäftigtsein.

Wir hören schon seit Jahren, dass übermäßiger Stress Gesundheitsprobleme erzeugt. Aber Vorsicht, Dr. Koven sprach nicht von Stress. Sie sagte Beschäftigtsein.

Und es ist eine Epidemie.

Dr. Michael Marmot, ein britischer Epidemiologe, hat sich mit Stress und seinen Auswirkungen auseinandergesetzt und fand heraus, dass zwei Arten des Beschäftigtseins die eigentlichen Ursachen dafür sind. Obwohl er ihnen keine offiziellen Namen gibt, ist nach seiner Aussage das unkontrollierbare Beschäftigtsein, wovon hauptsächlich arme Menschen betroffen sind, am schädlichsten.

Ihre wirtschaftliche Lage lässt einfach keine Auszeit zu. Sie müssen drei Jobs annehmen, um ihre Familie über Wasser zu halten. Wenn dazu auch noch Kinder kommen, wird die Situation erdrückend und der Stress führt zu ernsthaften Gesundheitsproblemen.

Die zweite Art des Beschäftigtseins führt ebenfalls zu Gesundheitsproblemen, es handelt sich hierbei jedoch um eine Krankheit, die wir selbst verursachen. So wie absichtlich den Türgriff einer Kindergartentoilette abzulecken oder ein schweißtreibendes Picknick im Bällebad von Chuck E. Cheese's.

Es handelt sich um kontrollierbares Beschäftigtsein.

Selbstgemachter Stress.

Seit dem Gespräch vor einem Monat weiß ich, dass es sich bei meinem Beschäftigtsein um die zweite Variante handelt. Kontrollierbares Beschäftigtsein. Ich bin wirklich oft hektisch und besorgt, obwohl es keinen Grund dafür gibt. Ein typischer Morgen sieht bei mir so aus, dass ich meine Kinder anflehe, sich zu beeilen, die wie sture Esel in einem Meer aus Murmeln stehen.

„Wenn du deine Waffeln nicht in den nächsten 90 Sekunden aufisst, kommen wir zu spät!"

„Kommst du gerne zu spät?! Denn das wirst du, wenn du dich nicht beeilst und deine Zähne putzt!"

Das Lustige daran ist, dass wir jeden Tag zur gleichen Zeit in der Schule ankommen, unabhängig davon, ob ich Hektik verbreite oder nicht. Noch vor dem Klingeln. Und wenn wir zu spät kommen würden? Dann wäre das auch nicht weiter schlimm, und trotzdem gibt es diese Stimme in meinem Kopf, die mir sagt, dass Zuspätkommer leicht auf die schiefe Bahn geraten können und irgendwann für 5-10 Jahre im Gefängnis landen.

Lächerlich.

Nach dem Gespräch mit meinem Freund wurde mir klar, wie viel von meiner Hektik eine Überreaktion darauf ist, dass ich in meinem Kopf immer alles „viel schlimmer" mache. In den meisten Fällen erzeuge ich Druck in der Hoffnung, dass auch den anderen die Dringlichkeit bewusst wird. Stattdessen entsteht dadurch nur Unruhe, Widerwillen und Groll. Was absolut kontraproduktiv ist. Und sogar die Fälle, in denen meine Hektik berechtigt ist, sind oft auf meinen viel zu vollgestopften Zeitplan zurückzuführen.

All dies führt mich zu der Frage:

Warum sollte ein erwachsener Mann mit einem Gehirn und zwei opponierbaren Daumen mit Absicht Stress in seinem Leben erzeugen wollen?

Ich habe die Antwort darauf gefunden und sie ist nicht schön.

Wir fürchten uns vor uns selbst.

Wir werden darüber definiert, was wir machen. Unsere Karriere. Was wir auf die Beine stellen. Danach wird auf Partys zuerst gefragt und oft ist dies auch die erste kleine Information, die wir Fremden über uns preisgeben. Es wird impliziert, dass man irgendwie weniger wert ist, wenn man nichts zu tun hat. Nicht ebenbürtig. Oder zumindest weniger wert als jemand, der etwas macht.

Bevor Sie jetzt denken, dass ich mit dieser Meinung alleine dastehe, sollten Sie sich eine Studie ansehen, die kürzlich in der Zeitschrift Science veröffentlicht wurde. In einem Experiment wurden die Teilnehmer für bis zu 15 Minuten allein in einem Raum gelassen. Als man sie fragte, ob sie die Zeit allein als angenehm empfunden hätten, gab über die Hälfte an, sich dabei unwohl gefühlt zu haben.

In nachfolgenden Studien bekamen die Teilnehmer erst einen Elektroschock und wurden dann gefragt, ob sie Geld dafür bezahlen würden, keinen weiteren Stromschlag zu erhalten. Wenig überraschend hätten die meisten Teilnehmer Geld dafür bezahlt, weitere Schmerzen zu vermeiden. Als man jedoch dieselben Leute für 15 Minuten allein in einem Raum ließ, verpasste sich fast die Hälfte lieber selbst einen Elektroschock, als mit ihren Gedanken alleingelassen zu werden.

Sie haben schon richtig gelesen.

Freiwillig.

Schockierend.

Überlegen Sie sich einmal, was das bedeutet. Unsere bloße Existenz ist so schmerzhaft, dass wir uns sogar selbst verletzten würden, um ihr zu entgehen.

Und das ist wahrscheinlich die traurigste Erkenntnis von allen. Ich wurde nach dem Abbild Gottes erschaffen und irgendwie ist das trotzdem nicht gut genug für mich. Also fülle ich meine Facebook-Chronik und meinen Kalender mit selbstgefälligem Beschäftigtsein, damit ich nicht einfach nur so existieren muss.

Dabei entgehen mir nicht nur der Frieden und die Schönheit, die in mir selbst stecken, sondern ich erkenne eben diese Schönheit auch bei anderen nicht, weil der von mir erzeugte Druck sie mit Ängsten und Sorgen überdeckt.

Es wird Zeit, dass ich mein Beschäftigtsein in Frieden ruhen lasse.

Dafür werde ich heute beten. Dass ich mich nicht mehr darüber definieren muss, was ich tue und mich stattdessen darüber definieren kann, wer ich bin. Dass ich die Zeit nicht mehr anhand der Uhr an der Wand bemesse, sondern an den Erlebnissen, die ich mit den Menschen um mich herum teile. Und dass ich aufhöre, mein Leben als „stressig" zu bezeichnen und stattdessen erkenne, was es wirklich ist.

Erfüllt.

Anmerkung des Autors: Seit einem Monat bemühe ich mich, das Wort „beschäftigt" aus meinem Wortschatz zu streichen. Das Ergebnis? Ich fühle mich leichter. Wenn ich jetzt gefragt werde, wie es mir geht, antworte ich einfach: „Mein Leben ist erfüllt." Wie gehen Sie am besten damit um?

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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