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13/04/2016 08:38 CEST | Aktualisiert 14/04/2017 07:12 CEST

Er war wieder da ... doch die Luft scheint raus.

Ostermaier

Im Oktober 2015 protestierten in Aue (Sachsen) das erste Mal besorgte Bürger gegen die Asylpolitik. Zum Protest aufgerufen hatte damals NPD-Gemeinderat Stefan Hartung, allerdings nicht als NPD-Veranstaltung, sondern für das Bündnis Freigeist. Eine reine Hetzveranstaltung gegen die aktuelle Politik, vor allem aber gegen Ausländer.

Das Ganze schön unter dem Deckmantel der erzgebirgischen Tradition versteckt. Rund 1000 Teilnehmer gab es, der anschließende Marsch durch die Stadt hatte schon etwas bedrohliches. Die ganze Story könnt Ihr >hier< noch einmal nachlesen. Seitdem war in Aue Ruhe. Bis gestern.

Für den 09. April 2016 meldete Stefan Hartung wieder eine Veranstaltung an, einen Sternmarsch mit anschließender Versammlung auf dem Altmarkt. Die Anmeldung erfolgte für 2000 Teilnehmer. Besonders prekär: Der FC Erzgebirge Aue hatte an diesem Tag Heimspiel, Stefan Hartung versuchte im Vorfeld auch die Fußball-Fans für sich zu gewinnen.

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Auch das Wetter spielte perfekt mit, um Menschen auf die Straße zu bekommen, strahlender Sonnenschein, angenehme Temperaturen. Es hätte so groß werden können für das rechte Pack. Wurde es aber nicht. Der Sternmarsch startete mit einiger Verzögerung. Interessant hierbei: Es waren einige Gruppen aus anderen Ortschaften der Umgebung vertreten. Diese trugen so einfallsreiche Namen wie "Stollberger Patrioten" oder "Heimattreue Niederdorf e.V."

Die Gruppen schwenkten Fahnen, skandierten die üblichen -- zwar verwerflichen, aber rechtlich nicht relevanten -- Parolen und meinten irgendwie immer, die Meinung der Masse zu vertreten. Ein Video zu diesen Gruppierungen habe ich in diesen Artikel eingebunden. Ja, das ist erschreckend und es wirkt auch sehr bedrohlich, zumindest aus dem Zusammenhang gerissen, das zeigten schon die Reaktionen bei Twitter, wo ich kürzere Snippets der Veranstaltung veröffentlichte.

Der Sternmarsch war also am Ziel angekommen, die Redeveranstaltung wurde mit einem "Deutschland, Deutschland über alles" von CD eingeleitet. Auffällig war zu diesem Zeitpunkt bereits, dass sehr wenige Menschen da waren. Und kaum Fußball-Fans. Anscheinend hat Stefan Hartung mit den Worten "Zur Heimat zu stehen bedeutet eben nicht nur auf der Tribüne zu jauchzen." nicht so ganz die Herzen der Fans erreicht. Besser hätte es für Aue nicht laufen können.

Und auch die Veranstaltung glich diesmal eher einem Kaspertheater. Kaum Struktur, ein lustlos wirkender Stefan Hartung, der es auch nicht schaffte, die vorhandenen Zuhöher richtig einzustimmen. Klar, bei den üblichen Hetz-Phrasen gab es das ebenso übliche Gejohle und zustimmenden Beifall, allzu oft forderte Hartung aber durch Sprechpausen Applaus, wo er dann keinen bekam. Balsam auf die Seelen normaler Menschen.

So plätscherten verschiedene Redner ihre Ansprachen runter, Neues gab es nicht zu hören, logisch, was wollen sie auch Neues sagen. Die Presse lügt, alle Ausländer sind Schwerverbrecher, Terroristen oder Vergewaltiger. Ach doch, es gab etwas Neues. Der erklärte Feind ist nun nämlich nicht mehr nur der gemeine Flüchtling, sondern "der Amerikaner", der Deutschland wie eine Marionette führt. Russland gut, Amerika schlecht. Das kennen sie hier halt, mussten sie ja lange genug erdulden, anscheinend blieb aber nichts hängen.

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Was ebenfalls auffällig war. Trotz "Deutschland, Deutschland über alles", unverkennbarer Klamotte und entsprechenden Parolen, betonte jeder Redner, dass man gar nicht rechts sei, weil rechts oder links ja sowieso nur eine politische Einordnung sei. Offensichtlich möchte man raus aus dem rechten Lager, jeder Teilnehmer an so einer Veranstaltung sei ein normaler Mensch, der politisch interessiert sei. Der Grund? Da kann ich nur spekulieren, aber vielleicht gibt es ja einfach nicht genug rechte Idioten, die für einen Erfolg solcher Gruppierungen sorgen können?

Dazu passt auch die Aussage von Stefan Hartung, dass er noch nicht mit einem Wahlerfolg rechne, nahezu verzweifelt flehte er um ein Durchhalten, um ein Festhalten an der seit fast nunmehr zwei Jahren in Deutschland wieder stärker propagierten Stimmung gegen Ausländer. Den Ernst der Lage mal außen vor gelassen, wirkte das fast schon süß und man bekam das Bedürfnis, den armen Kerl einmal kräftig zu knuddeln. Er hat es ja auch nicht leicht.

Was ich durch meinen Standort -- direkt hinter den Polizeimannschaften zum Schutz der Veranstaltung -- außerdem aufgeschnappt habe: Die Reaktion der Polizisten als ein Redner diesen erzählen wollte, wie sie eines Tages dann entscheiden müssten, ob ein Protest in Berlin mit hunderttausenden Menschen (es sind schon Träumer, diese Rechten) gewaltsam aufgelöst wird. Man sah unter den Polizisten nicht nur ein müdes Lächeln, vermutlich nicht das erste Mal, dass sie das hörten.

Der Abschluss der Veranstaltung hatte dann auch noch einen durchaus komischen Faktor. Es war ein erzgebirgischer Liedermacher da, der mit der Menge noch das Steigerlied singen wollte. Was eigentlich immer funktioniert, stieß nicht gerade auf großes Interesse, kaum einer stimmte ein, beeindruckend! Ganz am Ende gab es dann noch einmal "Deutschland, Deutschland über alles" von CD und die rechte Bewegung machte sich -- teilweise ihre starken Spruchschilder verhüllend -- wieder auf den Weg in ihr tristes Zuhause.

Laut Veranstalter sollen 600 Idioten anwesend gewesen sein, ich behaupte, dass dies bereits sehr großzügig geschätzt ist. Verglichen mit der Veranstaltung im Oktober waren es insgesamt sehr viel weniger, damals waren es 1000 Teilnehmer. Bedenkt man dann noch, dass ein Großteil der gestrigen Teilnehmer überhaupt nicht aus Aue stammen, kann ich wohl doch hier wohnen bleiben. Eine positive Entwicklung, die sich hoffentlich fortsetzt. Was allerdings wieder enttäuschend war: Der Gegenprotest. 60 Mann kamen zum von der Linksjugend Erzgebirge organisierten Protest für Solidarität und Menschlichkeit.

Auch wenn es natürlich nach wie vor schlimm ist, dass 600 Menschen ihren Samstag Nachmittag damit verbringen, gegen das Vorhandensein anderer Menschen zu protestieren. Das Abflachen des Interesses bei der Bevölkerung zeigt aber auch sehr schön, dass einige vielleicht doch kapiert haben, dass sie gar keine Angst vor Fremden haben müssen. Angst muss man vor Arschlöchern haben und die erkennt man leider nicht an ihrer Herkunft, wohl aber an ihrem Handeln.

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Dieser Beitrag erschien zuerst auf medium.com.

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