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01/06/2015 04:46 CEST | Aktualisiert 01/06/2016 07:12 CEST

Hilfe, wir lassen uns von den Falschen therapieren!

Thinkstock

Stellen wir uns einmal vor, unser geliebtes Auto steht vor dem Haus, wir steigen morgens hinein, um zur Arbeit zu fahren und es springt nicht an. Alle Warnleuchten blinken auf. Das Auto reagiert auch beim wiederholten Versuch, es ans Laufen zu bringen, nicht.

Gut, eine Werkstatt muss her und es muss geschaut werden, was mit dem Auto nicht stimmt und dann muss es repariert werden. Ein ganz normaler Vorgang. Doch was würde man sagen, wenn die Werkstatt sagt: "Der Schülerpraktikant hat sich das einmal angesehen, wir müssen den Vergaser austauschen, das macht der dann gleich mal eben; Kostenvoranschlag mache ich Ihnen fertig"?

Würden wir nicht stutzen und uns fragen, ob wir uns verhört haben? Der Praktikant soll sich das also angesehen haben? Der Praktikant soll es reparieren? Und das soll ich teuer bezahlen? Hat der überhaupt die Kenntnis und Erfahrung? Warum macht das denn nicht der KFZ-Mechatroniker?

Unsere Reaktion wird wohl sein, dass wir verlangen werden, dass ein ausgebildeter Fachmann sich der Sache annimmt und unser Auto nicht von einem Schülerpraktikanten repariert wird.

Behandlung psychischer Probleme

Kommen wir zur Psyche des Menschen. Würden wir nicht alle zustimmen, wenn man behauptet, die Seele und die Psyche des Menschen seien komplexer als ein Auto? Ich denke sehr wohl.

Und die Psyche eines Menschen gerät nun einmal manchmal in komplizierte Situationen, die nicht immer beherrschbar sind. Menschen geht es manchmal, aus den verschiedensten Gründen, sehr schlecht und sie sind verzweifelt und hilflos. Sie fühlen sich krank. Sie brauchen Hilfe.

Es gibt viele verschiedene Hilfsangebote in Deutschland, die Betroffene wahrnehmen können; darunter die des Heilpraktiker für Psychotherapie (kleiner Heilpraktiker).

Das Heilpraktikergesetz aus dem Jahre 1939 (ja, ganz richtig gelesen: 1939; Sie können sich vorstellen, wie die Gesetzgebung in diesen Jahren war), mit einigen formalen Änderungen, erlaubt heute Personen ohne Ausbildung, sich Heilpraktiker für Psychotherapie zu nennen.

Zur Aufklärung: Der Begriff Psychotherapeut ist geschützt, der Begriff Therapie nicht!

Die Bedingungen für eine solche Tätigkeit sind: Mindestalter von 25 Jahren, keine besonderen Vorstrafen, Hauptschulabschluss, Bestehen einer Überprüfung beim Gesundheitsamt (die Prüfung besteht aus einem schriftlichen Teil [28 Fragen im Multiple Choice-Verfahren beantworten, wovon 21 richtig sein müssen] und einer mündlichen Überprüfung [15-50 Minuten]. Eine Ausbildung, wie sie von vielen, kommerziell betriebenen Schulen/Instituten angeboten wird, ist keine Bedingung.

Psychotherapeut und Heilpraktiker

Im Gegensatz dazu ist die Ausbildung des Psychologischen Psychotherapeuten und seine Bedingungen für eine Tätigkeit so: Abitur mit 1,irgendwas, Studium der Psychologie, Schwerpunkt im Studium "Klinische Psychologie", Aufnahme an einem Ausbildungsinstitut (Bewerbung, mehrere Bewerbungsgespräche), Ausbildung zum Psychotherapeuten (3 bis 5 Jahre, eher mehr, mit einem Volumen von mindestens 4800 Stunden, darunter viele Stunden Lehranalyse, Behandlung unter Supervision, etc.), Approbationsprüfung (schriftlich und mündlich [bezogen auf konkrete Fälle]), etc..

Alles in allem beschäftigt sich ein Psychologischer Psychotherapeut mindestens acht Jahre lang mit der Thematik, wird speziell geschult, lernt sich selbst und alle Krankheitsbilder kennen, zahlt mehrere zehntausend Euro für seine Ausbildung, hat viel praktische Erfahrung sammeln müssen, bevor er behandeln darf.

Die Prüfung zum Heilpraktiker für Psychotherapie bestehen etwa 80% der Prüflinge nicht. Die Prüfung zum Psychologischen Psychotherapeuten (die viel umfassender ist), bestehen etwa 2 % der Prüflinge nicht. Ein Grund dafür ist die bei den Prüflingen zum Heilpraktiker fehlende praktische Erfahrung.

Ferner gibt es (im Gegensatz zu den Psychotherapeuten) keine vorgeschriebene Ausbildungs- und Prüfungsordnung, keine Fortbildungspflicht, keine Vorschrift, die Gesundheitsämter verpflichtet, bestehende Praxen zu überprüfen, es gibt keinerlei staatlich festgelegte Voraussetzungen oder Bedingungen, die die Qualität eines Heilpraktikers gewährleisten.

Der Freiraum in der Therapiewahl hat außerdem zur Folge, dass wissenschaftlich nicht haltbare Verfahren unbegrenzt zum Einsatz kommen und es gibt leider keine Dokumentationspflicht.

Ein Heilpraktiker kann nicht mit gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Fragen wir uns einmal, warum... Private Krankenkassen haben in den vergangenen Jahren allerdings jährlich über 100 Millionen Euro an Heilpraktiker überwiesen.

Heilpraktiker gehören abgeschafft

Ich möchte nicht über Menschen urteilen und sicher haben ein gutes Abitur und eine lange und teure Ausbildung keinerlei Garantie zu bieten, dass ein qualitativ guter Psychotherapeut dabei heraus kommt; doch eine fehlende Ausbildung und keinerlei Kontrolle haben in jedem Falle zum Ergebnis, dass viele unqualifizierte Menschen am Werk sind. Und das eben an unserer Psyche.

Natürlich ist es so, dass man zu lange (3 bis 9 Monate) auf einen Therapieplatz warten muss und man liest immer wieder, dass die Motivation, einen Heilpraktiker für Psychotherapie aufzusuchen, in der Überbrückung dieser Wartezeit liegt. Auf die Aspekte der Wartezeit möchte ich hier gar nicht eingehen, aber eine Tätigkeit, die wohl wegen des Bestandschutzes nicht abgeschafft wird, möchte ich hier verurteilen.

Eine Bezeichnung "Lebensberater" wäre mir lieber, damit Menschen, die nicht an einer diagnostizierbaren, psychischen Erkrankung leiden, Hilfe in Anspruch nehmen können. Eine Bedingung wäre allerdings eine mehrjährige, geregelte Ausbildung mit hohen Ansprüchen an Wissen und Charakter.

Ein Heilpraktiker für Psychotherapie kann viel falsch machen. Er kann nicht diagnostizieren, Krankheiten nicht einordnen, darf psychische Erkrankungen eigentlich nicht behandeln und ist im Grunde nur eines: unterqualifiziert!

Mir persönlich fällt es manchmal sehr schwer, Dinge richtig einzuordnen, zu diagnostizieren, im therapeutischen Gespräch die richtige Richtung einzuschlagen und es ist mit großem Aufwand verbunden, keine Fehler zu machen und Menschen zu helfen... und das, obwohl ich jahrelang Wissen angesammelt habe.

Ich mag mir nicht vorstellen, wie ein Heilpraktiker für Psychotherapie das schaffen soll, zumal es sich bei der Prüfung schon nicht um eine Prüfung handelt, in der Fachwissen abgefragt und eine Leistung benotet wird, sondern um eine staatliche "Überprüfung zur Gefahrenabwehr", ähnlich wie die Führerscheinprüfung.

Also, wir würden unser Auto niemals von einem Menschen ohne Kenntnis reparieren lassen und das dann auch noch teuer bezahlen. Warum lassen wir dann zu, dass Menschen es mit der Psyche machen können? Um es noch einmal zu betonen, ich sage nichts gegen Menschen, aber ich sage vehement etwas gegen einen Beruf (der nicht einmal ein Beruf ist).

Der Heilpraktiker für Psychotherapie gehört ABGESCHAFFT!

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