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29/05/2015 11:13 CEST | Aktualisiert 29/05/2016 07:12 CEST

Patient geheilt, Therapeut tot: So kann es nicht weiter gehen

Thinkstock

Während der Bedarf an Psychotherapie in Deutschland wächst und es monatelange Wartelisten gibt, bleiben nicht nur Patienten auf der Strecke. Auch die Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) ächzen unter ihrer Last und die Politik schaut zu.

Hier ein sehr persönlicher Protest.

Ich bin PiA. Das heißt, ich bin Psychotherapeut in Ausbildung.

Nach meiner Schullaufbahn studierte ich Soziologie und Psychologie an einer Universität mit "gutem Ruf" in beiden Disziplinen. Mein Berufswunsch war schon damals klar: Psychotherapeut.

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Nach etlichen Semestern Pauken und ein wenig Spaß hatte ich zwei Abschlüsse in der Tasche. Ich war noch jung und bewarb mich zunächst für ein Praktikum in einer ganz anderen Branche. Das Praktikum absolvierte ich und man bot mir einen Vertrag an. Mehrere Jahre arbeitete ich in dem fachfremden Unternehmen und es erfüllte mich meistens.

Eines Tages beschloss ich zu kündigen und meinen Traumberuf nun in Angriff zu nehmen. Ich war schon über 30 Jahre alt und empfand das immer als etwas Positives. Grundsätzlich ist es schön, nicht mehr 20 sein zu müssen und für einen solchen Beruf ist es ratsam, nicht mehr 20 zu sein. Ich arbeitete noch eine Weile und sparte sehr viel von meinem monatlichen Gehalt, da ich wusste, dass mein weiterer beruflicher Weg, viel Geld kosten würde.

Nun, was soll ich sagen...das Geld ist aufgebraucht und meine Weiterbildung noch nicht abgeschlossen. Und hier schließt sich der Kreis, warum ich diesen persönlichen Bericht schreibe: am 20. Mai protestierten und streikten die PiAs. Unter dem Motto "Unser letztes Hemd" fanden bundesweit Protestaktionen statt.

Wir protestieren für eine besser geregelte Ausbildung, die eigentlich Weiterbildung heißen sollte (womit arbeitsrechtlich schon einiges geklärter wäre). Doch ich möchte vorne beginnen.

Ich habe sechs Jahre lang studiert und zwei akademische Abschlüsse. Unabhängig von meiner beruflichen Tätigkeit danach, sieht meine Ausbildung wie folgt aus: Sie umfasst mindestens 4200 Stunden und ist, in Vollzeit, auf drei Jahre ausgelegt. Die meisten PiAs schaffen es in dieser Zeit aber nicht, was vor allem am Geld liegt.

In meiner Ausbildung muss ich über ein Jahr 1200 Stunden in einer psychiatrischen Klinik arbeiten ("Psychiatriejahr"). Das habe ich gemacht. Mein Gehalt dafür war, in Worten, NULL. Wie viele andere auch wurde ich als volle Kraft eingesetzt und habe Einzel- und Gruppentherapien durchgeführt, viele Stunden damit verbracht Berichte zu verfassen und nach Hilfe zu suchen, in dem ich fragte und sehr viel las.

Als diplomierter Psychologe bekam ich kein Gehalt. Mein Tag bestand aus Stress. Wie es anderen ergeht, kann man hier sehr gut nachlesen. Meine Wohnung hatte ich aufgegeben und bin in eine Wohngemeinschaft gezogen, auch und vor allem wegen der Kosten.

Weiter besteht meine Psychoanalyse-Ausbildung darin, dass ich selbst zur Analyse gehe. Die so genannte Lehranalyse ist der wichtigste Bestandteil meiner Ausbildung. Dort kann und soll ich meine eigenen Themen verstehen lernen, die Analyse kennen lernen, erfahren, wie sich Übertragung und Gegenübertragung anfühlen.

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine LEHRanalyse. Die Mindestanzahl an Stunden der Lehranalyse beträgt 250. Die muss man nachweisen, auch wenn die meisten natürlich mehr Stunden sammeln, da es ratsam ist, die komplette Ausbildungszeit zur Lehranalyse zu gehen. Bei mir sind es 400 Stunden.

Eine Stunde kostet zwischen 80 und 100 Euro (das ist nicht geregelt) und man muss mindestens zwei Mal in der Woche dort hin. Ich gehe von einem mittleren Wert aus und nehme 90 Euro als Beispiel und so komme ich auf einen Betrag von mindestens 22 500 Euro, bei mir persönlich auf 36000 Euro.

Irgendwann darf und muss man Patienten behandeln und Erstgespräche führen. In meiner Ausbildung sieht das wie folgt aus: mindestens 10 Behandlungen mit mindestens insgesamt 1000 Stunden. Diese Stunden werden durch Supervision begleitet. Nach jeder vierten Behandlungsstunde mindestens eine Stunde Supervision. Die muss ich bezahlen und auch diese kostet zwischen 80 und 100 Euro. Nehme ich auch hier den mittleren Wert, komme ich auf 22 500 Euro.

Weiter muss ich noch ein zweites Praktikum absolvieren. Weitere 600 Stunden Psychotherapie in einer Ambulanz oder einer Praxis. Weitgehend unbezahlt. Die meisten bekommen für dieses zweite Praktikum aber 400 Euro im Monat bezahlt. Das ist ja schon einmal etwas. Wenn auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Abends findet die theoretische Ausbildung statt. Meistens zwei Mal in der Woche. 700 Stunden Theorie muss ich hinter mich bringen. Oft ist es qualitativ nicht so gut.

Dann gibt es noch die "freie Spitze"; das sind 200 Stunden zur individuellen Vertiefung, für mehr Selbsterfahrung oder Gruppentherapie.

Finanziell war es das aber noch nicht. Neben Kosten für Lebenshaltung und Lernmaterialien, zahle ich jeden Monat eine Gebühr für meine Ausbildung an das Ausbildungsinstitut, zahle meine Krankenversicherung etc....Ich dokumentiere jede Behandlungsstunde, bereite die kommenden vor, die vergangenen nach, lege viele Kilometer zurück zur Lehranalyse, zum Institut, zur Supervision. Die Tage sind voll bis oben hin.

Nebenbei arbeite ich noch, denn von irgendwo muss das Geld ja kommen. Ich habe einen Nebenjob einmal die Woche nachts. Dadurch geht die Hälfte des Folgetages verloren, da ich nun einmal auch schlafen muss und ehrlich gesagt, bin ich auch am nächsten Abend nicht wirklich fit, da die innere Uhr doch immer wieder sehr durcheinander gerät. Den Job mache ich, weil er gut bezahlt ist und fachbezogen. Ich helfe dort Menschen in Notsituationen.

Zusammen gefasst kostet mich die Ausbildung etwa 60 000 Euro, ohne Lebenshaltungskosten. Und das schlimme ist: danach habe ich keine Garantie auf eine Kassenzulassung. Ein weiteres Politikum zwar, welches nun nicht hierher passt, aber nur so viel: in meiner Stadt darf ich noch einmal etwa 50 000 bis 80 000 Euro hinlegen, falls es die Möglichkeit einer Praxisübernahme geben sollte.

Es gibt also Protest und ich unterstütze ihn absolut.

Die Forderungen:

Der Staat sollte die Ausbildung zum Psychotherapeuten finanzieren

Die meisten Ausbildungsinstitute sind privat. Die Ausbildung dort kostet sehr viel Geld. Wir sind nicht dafür zuständig, die Renditeerwartungen dieser Unternehmen zu erfüllen! Es kann auch nicht sein, dass der Geldbeutel der Eltern darüber entscheidet, wer Psychotherapeut wird. Im Vordergrund stehen sollte die fachliche und menschliche Qualifikation. Daher fordern wir, dass der Bund, die Länder und die Krankenkassen die Kosten für unsere Ausbildung übernehmen.

Wäre es fair, wenn ein Assistenzarzt für seine Arbeit im Krankenhaus nur mit einem Taschengeld bezahlt würde? Wäre es sinnvoll, wenn ein Pfleger während seiner Ausbildung samstags noch an der Supermarktkasse jobben müsste, um seine Miete zusammenzukratzen? Wäre es gerecht, wenn eine Schülerin in der Krankenpflege kaum Anspruch auf Urlaub hätte?

Natürlich nicht! All diese Menschen erfüllen mit ihrer Arbeit eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Sie werden anständig dafür bezahlt und dürfen sich zwischendurch erholen.

Die Ausbildungsinstitute müssen endlich Verantwortung für uns übernehmen

Die Institute sind per Gesetz verpflichtet, für jeden von uns einen Ausbildungsplatz an einer Klinik zu organisieren. Häufig kümmern sie sich jedoch nicht genug darum. Manche Psychotherapeuten in Ausbildung sind dann mehrere Monate, einige sogar länger als ein Jahr, zum Nichtstun verdammt und müssen währenddessen auch noch jeden Monat Gebühren zahlen.

Das treibt uns in finanzielle Not und kostet uns wertvolle Zeit. Wenn die Institute ihre Verantwortung nicht von sich aus ernst nehmen, müssen sie gesetzlich dazu angehalten werden, in einem bestimmten Zeitrahmen einen Ausbildungsplatz zu besorgen.

Unsere Aufgaben müssen klar festgelegt werden

Seit Jahren streichen Krankenhäuser und Ambulanzen feste Therapeutenstellen und halten ihren Betrieb mit Heerscharen von uns Auszubildenden am Laufen. So kommt es, dass wir schon während unserer Ausbildung Erstgespräche mit Patienten führen, Einzel- und Gruppentherapien leiten oder Diagnosen stellen müssen.

Fachlich fühlen wir uns durch das Studium gut darauf vorbereitet. Laut Gesetz dürfen aber nur ausgebildete Therapeuten diese Aufgaben übernehmen. Es ist eine Zumutung, dass wir in einer rechtlichen Grauzone arbeiten müssen. Für uns - und für unsere Patienten. Das muss sich ändern!

Kliniken und Praxen dürfen sich nicht weiter an uns bereichern

Für jede Therapiestunde, die wir leisten, bekommen die Kliniken von den Krankenkassen Geld. In vielen Fällen gaukeln sie denen vor, dass ein ausgebildeter Therapeut die Behandlung durchgeführt hat, und kassieren den vollen Stundensatz. Während wir selbst zum Nulltarif oder für ein kleines Taschengeld arbeiten, verdienen Kliniken und Praxen dank unserer Arbeit viel Geld.

Wer auf unseren Schultern Profit erwirtschaftet, sollte uns endlich mehr davon abgeben. Wir fordern für unsere Ausbildungszeit ein tariflich geregeltes Gehalt, das sich am Tarifgehalt der Diplompsychologen orientiert. Sie verdienen im ersten Jahr rund 3600 Euro im Monat.

Wir brauchen ein Recht auf Flexibilität und ausreichend Urlaub

Von uns wird permanente Einsatzbereitschaft erwartet. Zu der Arbeit in der Praxis oder im Krankenhaus kommen viele Theorieseminare, auch an den Wochenenden. Nur ganz selten haben wir die Chance auf eine Teilzeitstelle. Wie sollen wir unter solchen Bedingungen eine Familie gründen? Das sollte im Ausbildungsalter von Mitte 20 bis Ende 30 durchaus vorkommen dürfen.

In vielen Kliniken ist es auch normal, dass wir weniger als die gesetzlich vorgeschriebenen 24 Urlaubstage haben. Manchmal bekommen wir gar keinen Urlaub, oder wir müssen uns freie Tage durch Überstunden verdienen. Wenn wir keine Balance zwischen Job und Privatleben haben, brennen wir schnell aus. Zum Wohl unserer Patienten fordern wir einen gesetzlichen Anspruch auf mindestens 24 Urlaubstage und ein Recht auf Teilzeitarbeit.


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