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03/11/2015 05:02 CET | Aktualisiert 03/11/2016 06:12 CET

Diese Wahrheit sollte jeder Homosexuelle kennen

Jan Greune / LOOK-foto via Getty Images

Liebes Mitglied der LGBT-Gemeinde,

wahrscheinlich weißt du gar nicht, dass du heilig oder royal oder magisch bist. Aber du bist es. Du bist Teil einer Adoptivfamilie, die durch alle Generationen der menschlichen Existenz zurückreicht.

Lange bevor du geboren wurdest, haben unsere Leute unglaubliche Dinge erfunden. Kluge Köpfe, wie der Erfinder des Computers Alan Turing oder der Luftfahrt-Pionier Alberto Santos-Dumont leben in dir weiter. Die Spuren, die so mutige und brillante Persönlichkeiten wie Lynn Conway und Martine Rothblatt (beides noch lebende Transgender-Frauen) in der modernen Technologie hinterlassen haben, sind unbestreitbar.

Es sind die Ingenieure von heute, die ihre Arbeit an Robotern und Mikoprozessoren weiterführen. Unlängst hat sich auch einer der Mitbegründer von Facebook öffentlich als homosexueller Mann geoutet, ebenso wie der aktuelle CEO von Apple.

Wir waren so häufig Götter und Göttinnen in den vergangenen Jahrhunderten.

Wie Hermaphrodit (das Kind von Hermes und Aphrodite), sowie Athene und Zeus, die beide gleichgeschlechtliche Liebhaber hatten. In Japan heißt es, das männliche Paar Shinu No Hafuri und Ama No Hafuri hätte die Homosexualität in der Welt "eingeführt". Die Möglichkeit, sein Geschlecht zu ändern oder anzugeben, also eine Person mit zwei Geschlechtern zu sein, ist bei Hindu-Göttern sogar üblich.

Das Wesen, das das Königreich Dahomey (im heutigen Benin) erschuf, entstand der Überlieferung nach als ein gemischtgeschlechtliches Zwillingspaar (die Sonne und der Mond) sich zu einem Wesen vereinte. Das könnte heute als "Intersexualität" bezeichnet werden. Auch die Regenbogen-Schlangen-Götter der Aborigines, Ungud und Angamunggi, haben viele Eigenschaften, die unsere heutige Definition von Transgender widerspiegeln.

Unsere Fähigkeit, die Grenzen der Geschlechter zu überschreiten, galt als ein Geschenk.

Wir wurden dafür mit speziellen kulturellen Aufgaben geehrt. Oft als Schamanen, Heiler und Anführer - und zwar in Kulturen rund um den Planeten. Die Indianer der Region um das heutige Santa Barbara nannten uns "Juwelen". Unsere Aufzeichnungen von Europäern, die ihre Begegnungen mit mehrgeschlechtlichen Menschen niederschrieben, lassen darauf schließen, dass gleichgeschlechtliche Liebe oder keine Unterscheidung der Geschlechter bei 88 indianischen Völkern vorkam.

Unter anderem bei den Apachen, Azteken, Cheyenne, Crow, Maya und Navajos. Ohne schriftliche Aufzeichnungen können wir nicht mehr als das wissen, aber wir wissen, dass wir Teil vieler - wenn nicht aller amerikanischen Ureinwohnervölker waren.

Deine Vorfahren sind Hoheiten wie Königin Christina von Schweden, die sich nicht nur weigerte, einen Mann zu heiraten (und dadurch ihren Anspruch auf den Thron verlor), sondern sogar einen Männernamen annahm und auszog, um auf dem Rücken eines Pferdes alleine Europa zu erkunden. Ihr Vormund, so sagte die Königin einst, war "alles andere als weiblich".

Zu deinem Erbe gehört auch der Herrscher Nzinga von Ndongo und Matamba (jetzt Angola), der wohl biologisch eine Frau war, sich aber wie ein Mann kleidete und sich einen Harem junger Männer hielt, die traditionelle Frauenkleider trugen, hielt. Er wurde auch als "König" angesprochen.

Herrscher wie Elagalabus gehören ebenfalls zu deiner kulturellen Herkunft. Er hielt seine Hochzeitszeremonien sowohl mit Männern als auch mit Frauen ab. Und er war bekannt dafür, dass er sich extrem schminken ließ und dann Männer anmachte. Die Kalifen von Cordoba, darunter Hisham II, Abd-ar-Rahman III und Al-Hakam II, hielten männliche Harems (manchmal zusätzlich zu ihren weiblichen Harems, manchmal an Stelle eines weiblichen Harems).

Kaiser Aidi von der Han-Dynastie in China verdanken wir den Ausdruck "Leidenschaften des geschnittenen Ärmels", denn wenn er bei seinem Geliebten Dong Xian schlief und aufwachte, um zu gehen, schnitt er lieber den Ärmel seines Hemdes ab, als seinen Geliebten zu wecken.

Du stammst von Personen ab, deren Beitrag in der Kunst unmöglich zu ignorieren ist.

Diese einflussreichen Künstler waren Komponisten wie Tschaikowsky, Maler wie Leonardo da Vinci und Schauspielerinnen wie Greta Garbo. Deine Ahnen malten die Decke der sixtinischen Kapelle, nahmen den ersten Blues-Song auf und gewannen zahlreiche Oscars. Sie waren Dichter, Tänzer und Fotografen. Homosexuelle Menschen haben so viel zur Kunst beigetragen, dass es eine ganze Führung nur zu diesem Thema im Museum of Modern Art in New York gibt.

Du hast das Blut großer Kämpfer. Die Amazonen, beispielsweise.

Diese Menschen mit weiblichen Körpern, die eine Beschützerrolle einnahmen und wenig Zeit zwischen ihren mutigen Taten hatten, um sich um die Bedürfnisse der Männer zu kümmern.

Dein Herz schlägt so mutig, wie es die Herzen der Männer der heiligen Schar von Theben taten: Eine Gruppe von 150 männlichen Paaren, die im vierten Jahrhundert vor Christus als besonders starke Krieger bekannt waren, weil sie kämpften als ginge es um das Leben ihres Liebsten (was es auch tat). Aber zu deinem Erbe gehören auch Friedensstifter wie Bayard Rustin, ein friedlicher, homosexueller Architekt der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA.

Wir haben Worte neu definiert wie Bear, Butcher, Otter, Queen und Femme und haben neue Worte geschaffen wie Drag Queen, Twink und Genderqueer. Aber nur, weil Worte wie homosexuell, bisexuell, transgender, intersexuell und asexuell in der jüngeren Geschichte entstanden sind, bedeutet das nicht, dass sie irgendetwas Neues bezeichnen.

Bevor wir die heutigen Bezeichnungen hatten, waren wir Wintke für die Ogala, A-go-kwe für die Chippewa, Ko'thlama für die Zuni, Machi für die Mapuchi, Tsecats für die Manghabei, Omasenge für die Ambo und Achnutschik für die Konyaga auf allen Kontinenten.

Während keiner dieser Ausdrücke mit einem unserer heutigen Begriffe synonym ist, beziehen sie sich doch alle auf einzelne oder mehrere Aspekte der gleichgeschlechtlichen Liebe oder dem Überschreiten der Geschlechtergrenzen.

Du bist normal. Du bist keine Kreation der Neuzeit.

Deine Identität ist kein "Trend" oder eine "Modeerscheinung". Fast jedes Land hat eine aufgezeichnete Vergangenheit mit Menschen, die Eigenschaften und Verhaltensweisen zeigen, die wir heute als homosexuell, bisexuell, transgender, intersexuell oder asexuell bezeichnen würden.

Denk daran: Wie die westliche Welt heute Geschlechter und Sexualität definiert, war nicht immer so.

Viele Kulturen von Papua Neuguinea bis Peru akzeptierten Sex unter Männern als Ritual oder Routine. Einige der Gesellschaften glaubten, dass die Übertragung von Samen von einem Mann zu einem anderen den Empfänger stärker machen würde.

In der Vergangenheit hatten wir häufig keine bestimmten Worte für die Leute gebraucht, die sich von ihrem eigenen Geschlecht angezogen fühlen oder die kein eindeutiges Geschlecht haben oder die sonst irgendwie nicht in die kulturellen Erwartungen passten. Denn sie waren nicht so selten, wie wir heute vielleicht glauben, dass sie es waren.

Unsere Einzigartigkeit und unsere Stärke hat dafür gesorgt, dass andere manchmal Angst vor uns hatten.

Sie verhafteten, folterten und töteten uns. Noch heute werden wir von Regierungen und Individuen in Kulturen hingerichtet, in denen wir einst als wichtige und gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft akzeptiert wurden. Heute sagen sie "Homosexualität ist unafrikanisch" und "Es gibt keine Homosexuellen im Iran."

Du und ich wissen, dass diese Behauptungen nicht wahr sind - aber sie tun dennoch weh. Wenn uns also andere Menschen Namen gegeben haben, wie Queer oder Dyke, dann forderten wir sie zurück. Als sie sagten, dass wir Kinder bekehren wollen, sagten wir "Ich bin hier, um euch zu bekehren!" Als sie pinke und schwarze Dreiecke auf unsere Uniformen in den Konzentrationslagern machten, machten wir daraus Symbole des Stolzes.

Diejenigen, die unsere unverfrorene Präsenz in den heutigen Kulturen in Frage stellen, die uns unsere Rechte nehmen wollen, die uns zu Zielen von Gewalt machen, merken nicht, dass sie, und nicht wir, die geschichtliche Anomalie sind.

Für einen Großteil der aufgezeichneten Geschichte war die Verfolgung jener, die die kulturellen Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität ihrer Kultur überschritten, im schlechtesten Fall verpönt und im besten Fall unbekannt. Heutzutage versuchen die Menschen, die uns stetig schikanieren, ihre fiesen Kampagnen zu rechtfertigen, indem sie behaupten, "traditionelle" Werte zu verteidigen. Dabei könnte die Wahrheit nicht weiter entfernt sein.

Aber jetzt weißt du, dass sie falsch liegen.

Stell dir einfach einmal eine Welt ohne diesen ersten Computer oder die Decke der Sixtinischen Kapelle vor. Oder ohne einen großen Teil der Musik, die du je gehört hast. Von der klassischen Appalachischen Quelle bis zum klassischen YMCA. Wie viel weniger farbenfroh wäre die Welt ohne uns? Ich bin dankbar, dass es dich gibt, um unsere Traditionen weiterzugeben.

Also, einen frohen LGBT-Geschichte-Monat! Ich hoffe, ihn hier mit dir feiern zu können. Diese Liste für Online-Quellen der LGBTQ-Geschichte ist ein guter Start, um mehr über dieses Erbe zu erfahren.

Lesbianamente*,

Sarah Prager

*Ein Gruß, mit dem vor Jahrzehnten ein Brief für eine lesbische Vereinigung in Mexiko unterzeichnet wurde!

Dieser Beitrag wurde teilweise von Fakten und Gedanken von Another Mother Tongue von Judy Grahn (1984) inspiriert. Es gibt auch Verweise auf Ritualized Homosexuality in Melanesia herausgegeben von Gilbert H. Herdt (1993). Viele der hier vorliegenden Verweise sind so oft zitiert worden, dass sie Allgemeinwissen sind. Christianne Gadd hat viel zu diesem Text beigetragen. Dieser Text erschien ursprünglich bei The Advocate.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.

„Deine Zukunft wird fantastisch sein!" Hillary Clinton macht homosexuellem Jungen auf Facebook Mut

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