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21/04/2016 08:16 CEST | Aktualisiert 22/04/2017 07:12 CEST

Flüchtlingskrise in Deutschland - eine Übung in Menschlichkeit

TOBIAS SCHWARZ via Getty Images

Unzählige Menschen warten angespannt am Bahnhof auf die Ankunft des Zuges, bis - endlich, da kommen sie, ein lautes Jubeln und Lachen entfacht. Da kommen sie, die vom Krieg und Leid vertriebenen Ehrengäste, werden umarmt, beschenkt und gefeiert.

Auch ich traf auf sie, die Ehrengäste, in einer organisierten Helfergruppe. Aber viel unspektakulärer. Genauer gesagt in einer muffeligen Turnhalle, umgeben von unzähligen Hochbetten und durchlöchert von neugierigen und verstohlenen Blicken.

Die Flüchtlingswelle im Sommer 2015 war wie ein nationaler und internationaler Weckruf an die Menschen, wie ein Aufruf zu mehr Menschlichkeit. Deutschland öffnete seine Grenzen, die Menschen ihre Herzen. Wir durften spüren, welches unglaubliche Potential die deutsche Bevölkerung in einer Wüste humanitärer Katastrophen und blutigen Kriegen birgt. Wir durften erkennen, welche Süße bittere Stunden an Aufopferung und Hilfsbereitschaft bereithielten.

"Wir durften uns wieder in Menschlichkeit üben."


Und am aller wichtigsten, wir durften wieder erlernen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Einander kennenzulernen, ohne dieselbe Sprache zu sprechen, sondern verzweifelt mit Händen und Füßen anzudeuten, wer wir sind und woher wir kommen. Die Einheit und Gleichheit jenseits Ländergrenzen, Hautfarben und Kulturen.

Wir durften uns wieder in Menschlichkeit üben. Nicht nur in gemütlichen Häusern und impressiven Konferenzen über Ideale, Werte und Altruismus philosophieren, sondern im Wirrwarr, Schmutz und Schweiß das Optimum leben. Uns in Demut und Dankbarkeit üben.

Und die Reibungen der Veränderung entzündete einen Sturm von Funken, der ein landesweites Feuer neuer Ideen und Geistesblitzen entfachte. Allein in meinem Freundeskreis werden großartige Projekte wie Fußballturniere, z.B. „Anstoß für MENSCHLICHKEIT" für Flüchtlinge organisiert.

Die START-Stiftung, deren Alumna ich bin, veränderte ihr gesamtes Konzept der Förderung leistungsstarker und engagierter Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund und implementiert nun eine ideelle und finanzielle Förderung für Flüchtlinge.

Auch mich veränderten die Herausforderungen, das ist die Natur von Herausforderungen. Ich erkannte, wie viel ein jeder durch kleine, aber beständige Taten bewirken und verändern kann. Wie leicht ich es doch habe, Ärzte und Behörden unabhängig und mit vollem Sprachbewusstsein aufsuchen zu können, welche Ruhe ich in meinen eigenen vier Wänden genießen darf, welches unglaubliche Angebot an Bildung ich genießen darf. Das alles haben mir die Geflüchteten in meinen Monaten als Übersetzerin, Begleiterin und Organisatorin in einer Notunterkunft beigebracht.

"Wir glauben nur in der Rolle des Gebenden zu sein."


Wir glauben nur in der Rolle des Gebenden zu sein - wir geben Schutz, Unterkunft, Geld, Verpflegung. Doch in Wahrheit ist die Flüchtlingskrise eine große Bereicherung für Deutschland, sie stellt keine Bedrohung unserer Werte dar, sondern kann ein Beweis dafür sein, dass wir unsere in Gerede und Schrift manifestierten Werte von Toleranz, Gleichheit und Menschlichkeit in der nackten Wahrheit des Lebens tatsächlich leben können.

Ich habe bewusst das Wort kann gewählt. Denn in einer Übung kann man auch kläglich scheitern und versagen. Dann, wenn man aus einer Übung nichts lernt oder nichts lernen will.

Dann, wenn ein Bus voller Vertriebenen und Geflüchteten nicht mehr jubelnd und lachend empfangen wird, sondern ein zerstörerisches Feuer in Clausnitz aus Hass, Gewalt und Aggressionen darauf wartet, die Ehrengäste zu verbrennen.

Wenn sexuelle Gewalt in Köln ethnitisiert und Rassismus statt Sexismus thematisiert werden muss.

Wenn Sorgen und Ängste der Bürger Nährboden für politisiertes rechtes Gedankengut werden, Ereignisse vermengt und Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte gefährlich wie ein Lauffeuer steigen.

Wenn Grenzzäune und Waffen Geflüchtete wie Tiere draußen halten sollen. Wenn deutsche Waffen und Soldaten statt Stiften, Büchern und Lehrern in Krisenregionen eingesetzt werden, um Terror mit Terror zu bekämpfen.

Wann werden wir verstehen, dass die Geflüchteten keine Gäste mehr sind und dass aus anfänglicher gastfreundlicher Haltung kein genervtes Dulden werden oder gar ein Rausschmiss folgen darf. Wann werden unsere Handlungen zeigen, dass wir verstanden haben, dass sie Teil des deutschen Volkes werden müssen und geworden sind und auf eine gute Zukunft wie jeder andere hoffen. Dass wir uns in Menschlichkeit üben müssen und dass das nicht immer einfach ist.

Es wird immer die Prüfung nach der Übung kommen, der Moment im Leben, in dem man das Gelernte anwenden muss. Deutschland, das deutsche Volk, darf sich kein weiteren Ausfall leisten.

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Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und führt Interviews.

Ein Schwerpunkt sind die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder, die seit Monaten zu Tausenden in Deutschland ankommen.

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