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28/12/2015 06:19 CET | Aktualisiert 28/12/2016 06:12 CET

So quälend ist Weihnachten mit einer Essstörung

thinkstock

Nachdem nun auch Weihnachten 2015 offiziell beendet ist, spüre ich förmlich, wie ein erleichtertes Aufatmen umhergeht. Die anstrengen Feiertage, die Familienbesuche und die höfliche Zurückhaltung sind endlich vorbei. Und auch ich bin froh darüber. Ein Weihnachten als Magersüchtige hat jedoch seine ganz eigenen Tücken.

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Überall nur Essen


Ich habe nie verstanden, was genau die ganzen Menschen da draußen an Weihnachten so euphorisch werden lässt. Ich habe nie kapiert, was genau den sogenannten „Zauber" eines Weihnachtsmarktes ausmacht. Ich habe es nie begriffen, warum am Ende des Jahres die Menschen alle sentimental und besinnlich werden und plötzlich für alles übergeordnete Werte gelten lassen.

Für mich war Weihnachten eine Aneinanderreihung von Erklärungsnöten. Viel zu viele Situationen in denen man gemeinschaftlichem Essen entkommen musste. Viel zu dicht aneinandergereiht noch dazu. Weihnachtsmärkte waren für mich eine Sammelstelle für überflüssige Kalorien. 600 Kalorien hier, 35 Gramm Fett da - und dazu eine bunte Lichterkette.

Als der als Weihnachtsmann verkleidete Hausmeister vor ein paar Jahren auf Station Nummer 5 kam um Weihnachtscharme zu versprühen, sank die Raumtemperatur binnen Sekunden um gefühlte 10 Grad. In seinem Sack Unmengen an Schokoladen-Nikoläusen. Bittende Augen und zitternde Mundwinkel brachten die Stationsschwester schließlich dazu, den Weihnachtsmann kurz unter vier Augen zur Seite zu bewegen.

Nach Minuten des Schreckens holte dieser dann aus einem zweiten Sack schließlich für jede von uns einen Apfel heraus. Vielleicht war dies das einzige Mal an dem ich tatsächlich so etwas wie weihnachtliche Dankbarkeit verspürt habe.

Weihnachten ist kalt und anstrengend


Weihnachtszeit bedeutete für mich lila Hände und steifgefrorene Füße. Weihnachtszeit bedeutete für mich nächtelang Unmengen an Plätzchen zu backen, um dann keins davon auch nur zu probieren. Weihnachtszeit bedeutete für mich, dass ich tatsächlich ein weiteres Jahr überstanden habe - manchmal war ich darüber froh, manchmal nicht.

Weihnachtszeit bedeutete Stress. Die musternden Blicke der Verwandten die man nur einmal im Jahr sieht. Die unbeholfenen Witze deines Onkels, der deine Eltern fragt, ob das Kind daheim nichts zu essen bekomme. Die klagenden Blicke deiner Oma, wenn du, nachdem du letztes Jahr schon Veganer geworden bist, mittlerweile Laktose-, Fructose und Gluten nicht mehr verträgst und deswegen nichts vom Kartoffelpüree essen kannst. Ja, Weihnachten war anstrengend.

Meine Weihnachtstherapie


Deswegen versuche ich seit letztem Jahr mich an die Jahre davor zu erinnern. Ich stelle mir vor ich wäre 5 und es gäbe tatsächlich einen Weihnachtsmann. Ich stelle mir vor, auf meinem Wunschzettel könnte alles stehen. Kein Wunsch zu groß, keiner zu absurd, keiner unerfüllbar. Ich versuche mich an das Gefühl zu erinnern, wie es war, jeden Tag ein Türchen im Adventskalender zu öffnen.

Ich stelle mir vor wie ich mich jeden Tag darauf gefreut habe, die Lichterkette anzustellen. Ich erinnere mich daran, wie unser ganzes Haus nach Plätzchen geduftet hat. Ich erinnere mich daran, wie wir alle zusammen den Weihnachtsbaum geschmückt haben. Ich erinnere mich daran, wie ich Weihnachtslieder mit der Blockflöte zum Besten gegeben habe. Ich erinnere mich daran, wie ich die beschlagene Scheibe im Auto mit dem Finger bemalen konnte.

Und ja - heute weiß ich, dass es keinen Weihnachtsmann gibt und dass meine Wunschzettel nie nach Himmelstadt gesendet wurden. Ich weiß, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen. Ich weiß, dass die Wünsche die man nicht im Laden kaufen kann, die sind die man sich am meisten wünscht.

Ich weiß, dass mein Adventskalender morgen wieder gefüllt ist, auch wenn ich meinen Teller heute nicht leer esse. Ich weiß, wie viele Kalorien jedes einzelne Plätzchen hat. Ich weiß, dass ich dieses Jahr zu spät zum Dekorieren nach Hause kommen werde. Ich weiß, dass meine Scheibenbilder wieder verblassen und von alleine verschwinden werden.

Aber trotzdem weiß ich auch, dass Weihnachten Freude bedeuten kann. Dass es Spaß machen kann, Kalorien auf einem Weihnachtsmarkt zu konsumieren. Weil gebrannte Mandeln lecker sind. Und weil Glühwein Spaß macht. Und weil ich zusammen mit Freunden lache. Ich weiß, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, mit der Familie an Weihnachten zusammen zu sitzen und zu essen. Ich weiß jetzt, wie viel entspannter es ist, den Teller leer zu essen anstatt die Erbsen in die Hosentasche zu stecken. Ich weiß es zu schätzen, dass ich die Möglichkeit habe, ein weiteres Jahr zu erleben.

Das ist Weihnachten für mich - die Belohnung dafür, ein Jahr gelebt zu haben und ein weiteres leben zu dürfen.

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