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15/04/2016 06:11 CEST | Aktualisiert 16/04/2017 07:12 CEST

Was ich durch meine Magersucht gelernt habe

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Nennt mir ein Lebensmittel. Irgendeines. Nennt mir ein Produkt, eine Frucht, ein Fertiggericht, Getränke, ja sogar Kaugummis. Nennt mir ein Lebensmittel und ich garantiere euch, dass ich jede Kalorie darin benennen kann.

Vielleicht, wenn es „Wetten, dass...?" noch geben würde, ja vielleicht hätte mich das dann tatsächlich mal jemand gefragt. Vielleicht hätte ich dann so eine Brille mit Wassermelonen als Sichtschutz aufgesetzt bekommen. Vielleicht hätte Heidi Klum als Studiogast ehrfürchtig gelauscht.

Ich erinnere mich vage an die Zeit, in der ich Essen noch als solches wahrgenommen habe. Eine Zeit, in der eine Schüssel Müsli eben eine Schüssel Müsli war und nicht 4 gestrichene Esslöffel und 130 Kalorien. Tatsächlich habe ich einfach die Packung genommen und drauf losgeschüttet. Der Höhepunkt meiner jugendlichen Leichtsinnigkeit.

Ich bin 23 Jahre alt. 10 Jahre davon habe ich bereits mit der Magersucht verbracht. Die Magersucht und ich führen so eine Art Beziehung. Ja, man könnte sagen es ist eine Art Hassliebe. Und sowohl Hass als auch die Liebe passen beide nicht so recht. Ich weiß, dass man von mir erwartet, dass ich einen Hass für diese Krankheit empfinden sollte. Dass ich mir wünschen sollte, diese Magersucht nie getroffen zu haben.

Meine Magersucht ist wie eine alte Schulfreundin

Ich sollte sie verachten und verteufeln, sollte sie dafür verantwortlich machen, dass mein Leben einige Umwege eingeschlagen hat. Aber so ist es nicht. Ich hasse die Krankheit nicht. Sie ist für mich wie eine gute alte Schulfreundin, mit der ich viele schöne Dinge erlebt habe.

Eine alte Freundin die nach Berlin oder Hamburg oder Köln gezogen ist und mit der ich mich auseinander gelebt habe. Manchmal schreibt man sich auf Facebook und gratuliert zum Geburtstag. Man ist im Guten auseinander gegangen.

Kennengelernt haben wir uns in der 5. Klasse. Ich kam gerade von der Grundschule aufs Gymnasium. Ich hatte dicke, weite Schlabberpullis und zu große Bundfaltenhosen an und ich hatte meine ersten Haarfärbeexperimente bereits hinter mir. Ich war zu schüchtern mich neben sie zu setzen, also hat sie es gemacht. Wenn mich die anderen mal wieder als Rollmops oder Freak betitelt haben war sie da und hat mich getröstet.

Wenn ich wieder nicht zum Kindergeburtstag eingeladen wurde, war sie da und hat sich mit mir beschäftigt. Als ich in der 6. Klasse „das dicke Ende" im Wortspiel „das dicke Ende kommt zum Schluss" schauspielerisch zum Besten geben durfte, fasste ich einen Entschluss. Ich wollte nicht mehr das dicke Ende sein. Und die Magersucht war da und empfing mich mit offenen Armen.

Meine erste Küchenwaage habe ich mir von ihr geliehen und sie wie ein Tagebuch unter meinem Bett versteckt. Sie gab mir auch den Rat ein Essenstagebuch anzulegen. Kam ich von der Schule heim, setzte ich mich an meinen Schreibtisch und schrieb mit bunten Farben meine erste eigene Kalorientabelle.

Anfangs musste ich immer wieder nachsehen. Hatte der Apfel nun 100 oder doch nur 50 Kalorien? Irgendwann saß das Grundgerüst. Die gängigen Lebensmittel waren fest in meinem Kopf verankert.

„Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?" hat sie gefragt, bevor sie mir das erste Mal zeigte wie man sich den Finger in den Hals steckt.

Gemeinsam haben wir unzählige Stunden zusammen auf der Schultoilette verbracht und unsere Pausenbrote erbrochen. Umso älter wir wurden, umso wilder wurden unsere Unternehmungen. Meine ersten Erfahrungen mit Drogen habe ich zusammen mit ihr gemacht. Dulcolax hießen sie und gekauft hatte sie sie in der Apotheke. Einmal habe ich 12 genommen und bin auf der Toilette umgefallen.

Gemeinsam haben wir am nächsten Morgen ausgenüchtert und uns geschworen, nie mehr so etwas zu tun. Und dann taten wir es wieder, jedes Wochenende. Überaus praktisch war, dass wir die gleichen Interessen in puncto Sport teilten. Wir sind stundenlang gemeinsam über die Felder gejoggt und haben uns gegenseitig motiviert. Gab ich auf, so stachelte sie mich an, weiter zu machen. War ich müde, motivierte sie mich.

Doch wie bei jeder Freundschaft kommt irgendwann ein Punkt, an dem es kriselt. Irgendwann fielen mir tausend Dinge auf, die mich unglaublich an ihr nervten. Ihr übertriebener Kontrollwahn, ihr Geiz, ihre Unspontanität. Natürlich bemerkte sie meine Skepsis. „Nach allem was ich für dich getan habe, ist das der Dank?" hatte sie gefragt. Schuldbewusst schob ich meine Sorgen beiseite und ging mit ihr zum Schwimmen.

Ich habe unheimlich viel von ihr gelernt. Nicht nur, wie man Kalorien zählt. Ich habe mir einen Weg gesucht, aus der Not eine Tugend zu gestalten. All diese Schlagworte wie Motivation, Fleiß, Ehrgeiz, Disziplin - ich habe sie durch sie gelernt.

Nichts definiert Motivation besser, als mit letzter Kraft noch die letzten zehn Bahnen zu schwimmen, obwohl die Arme schmerzen und man noch nichts außer Kaugummi gegessen hat. Nur noch ein bisschen habe ich mir gesagt. Nur noch ein, zwei Kilo, dann bin ich zufrieden. Natürlich war ich es nicht. Aber ich habe gelernt, wie man Ziele steckt und erreicht.

Gegessen habe ich einmal am Tag. Abends - um Punkt 18 Uhr. Dadurch Ich habe ich gelernt, meinen Tag zu strukturieren, habe gelernt, zu planen. Ab 17 Uhr begann die Vorbereitungsphase. Ab 17:30 Uhr wurde es akut. Jedes Gurkenstückchen habe ich liebevoll zurechtgeschnitten und drappiert. Ich habe den Moment perfektioniert.

Ich habe gelernt, eigenständig zu sein. Ich habe gelernt, mich durchzusetzen - auf meine Art und Weise. Ich habe mich nicht geprügelt oder verbal gekämpft. Ich war nicht offensiv. Ich habe mir meine eigene Waffe entwickelt. Eine, die man nicht erkennt, eine die unsichtbar wird, wenn man sie benutzt - mein Körper.

Vielleicht klingt es verrückt, dennoch: Es war nicht alles schlecht.

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